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Wie viel Polen steckt in Angela Merkel?

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Foto: Olivier Hoslet/dpa
Die Polen entdecken die polnischstämmige deutsche Kanzlerin. Ihr Großvater stammt aus Posen. Das aber war mal polnisch, mal preußisch. Merkels Mädchenname hätte auch Kazmierczak heißen können. Eine Spurensuche.

Essen. 

Was verbindet Persönlichkeiten wie Ernst Kuzorra und Angela Merkel? Die Liebe zum Fußball. Aber auch die Abstammung und ein Stück jüngere europäische Völkerwanderung: Der Vater der Schalke-Legende und der Großvater der Bundeskanzlerin waren – Polen. Ein bisschen zumindest. Der eine kam aus Masuren, der andere in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts aus dem Gebiet von Posen, dem heutigen Poznan, nach Deutschland. Eine Spurensuche.

Der Münchner Journalist Stefan Kornelius hat die Abstammung der Regierungschefin jetzt in seinem neuen Buch „Angela Merkel. Die Kanzlerin und ihre Welt“ offenbart. Zwar hat Merkel früher selbst gelegentlich angedeutet, sie sei „Viertelpolin“. Kornelius enthüllt aber, dass die Kanzlerin mit Mädchennamen eigentlich Kazmierczak heißen würde – hätte ihr Großvater mit seiner Familie und damit auch mit seinem 1930 gerade vier Jahre alten Sohn Horst den Trend der „Eindeutschung“ nicht mitgemacht. Er nannte sich fortan Kasner. Aus Horst Kazmierczak wurde also Horst Kasner, genau 24 Jahre bevor er Tochter Angela bekam.

Fahndung nach Belegen

Die Polen rennen in diesen Tagen dem Stadtarchiv von Poznan die Tür ein und fahnden nach einschlägigen Belegen. Seit den ersten Meldungen über Merkels Vorfahren hat Polens Presse die Regierungschefin aus dem Nachbarland so liebevoll eingebürgert, wie sie es vor 100 Jahren schon gerne mit Schalke 04 („Unser polnischer Verein“) machte. Die Zeitung „Gazeta Wyborzca“ jubelte entzückt: „Angela Merkel hat polnische Wurzeln.“

Doch wie viel Polen steckt wirklich in Merkel?

Ihr Großvater Ludwig ist 1896 unehelich in Poznan, deutsch: Posen, geboren. Nun ist Posen/Poznan eine dieser multi-ethnischen Städte Europas mit zwei längst anerkannten Namen, wie sie es vielfach in Belgien, im Elsass oder Südtirol gibt. Und die wechselvolle Geschichte schlug die Stadt, die geografisch im Herzen der ältesten Wojewodschaft Wielkopolskie liegt, mal Deutschland, dann wieder Polen zu.

Im Jahr 1896, als Ludwig Kazmierczak zur Welt kam, war sein Geburtsort gerade preußisch. Mit den Pariser Vorortverträgen im Jahr 1919, nach dem Ersten Weltkrieg, wechselten die Verhältnisse erneut. Posen wurde polnisch, Kazmierczak ging nach Berlin. Der Rest der Familiengeschichte mit Stationen in Hamburg und Brandenburg und im Bundeskanzleramt ist bekannt.

„Hier gibt es keine Eier!“

In Polen erinnert man sich nun an einige Punkte von Kanzlerin Merkels Polen-Connection. Ist sie nicht seit Jahren die beliebteste ausländische Politikerin? Brach sie nicht mit sanfter Überredung 2007 Warschaus Widerstand gegen den Lissabonner EU-Vertrag? Entsprang die staatsfrauliche Hilfe vielleicht sogar einer heimlichen Seelenverwandtschaft? Und man erinnert an eine Episode, als die junge DDR-Physikerin Angela Merkel auf einer Tour durch Masuren in akzentfreiem Polnisch fluchte: „Nie ma jajek!“ Was heißt: „Hier gibt es keine Eier!“