Wie sich Politiker in Sozialen Netzen verheddern

Erika Steinbach, CDU-Abgeordnete und Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, sorgte mit ihrer Twitter-Nachricht, die Nazis seien eine linke Partei gewesen, für einen Eklat. Foto: Getty Images
Erika Steinbach, CDU-Abgeordnete und Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, sorgte mit ihrer Twitter-Nachricht, die Nazis seien eine linke Partei gewesen, für einen Eklat. Foto: Getty Images
Foto: Getty Images
Soziale Netzwerke liegen im Trend - auch bei Politikern. Immer mehr Mandatsträger nutzen die neuen Medien, um die Welt an ihren Gedanken teilhaben zu lassen. Aber viele von ihnen unterschätzen die Dynamik von Twitter, Facebook und Co. Jüngstes Beispiel: CDU-Abgeordnete Erika Steinbach mit ihrem Nazi-Vergleich.

Essen. „Die Nazis waren eine linke Partei.“ Das zwitscherte Erika Steinbach jüngst via Kurznachrichtendienst „Twitter“ in die Welt hinaus. Laut und empört schallte es zurück – auch außerhalb der sozialen Netzwerke. Wie die CDU-Abgeordnete und Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen wagen sich immer mehr Politiker ins Netz – und verheddern sich darin mitunter gehörig.

„Man merkt sehr deutlich, ob sich ein Politiker vorher schon mit dem Thema Web 2.0 auseinander gesetzt hat, oder nicht“, sagt Valentin Tomaschek, Geschäftsführer des überparteilichen Vereins „PolitCamp“ mit Sitz in Hamburg. Auch wenn immer mehr Volksvertreter die neuen Medien für sich entdecken – Netzkompetenz sei längst nicht bei allen vorhanden. „Viele unterschätzen, welch hohe Welle Äußerungen in den neuen Medien schlagen können“, meint Tomaschek.

Altmaier übte Kritik am Bundespräsidenten

So auch Peter Altmaier, Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag. Seit einigen Monaten ist der 53-Jährige begeisterter Twitter-Nutzer, hat bislang mehr als 2400 Nachrichten verfasst, die knapp 7500 „Follower“ abonniert haben. Auch er bekam die Tücken des Twitterns zu spüren: Als Altmaier in einem nächtlichen Tweet Bundespräsident Christian Wulff mit den Worten „Wünsche mir, dass Christian seine Anwälte an die Leine legt und die Fragen/Antworten ins Netz stellt“ kritisierte, schlug das Wellen bis ins Kanzleramt. Denn viele Parteifreunde glaubten, Altmaier spreche im Namen der Kanzlerin.

„Meine Bemerkung zum Bundespräsidenten ist etwas salopp ausgefallen“, sagte der Unionspolitiker später in einem Spiegel-Interview. Er sei überrascht gewesen, „welche Dynamik die öffentliche Kommentierung dieses Tweets bekommen hat“.

Eine Dynamik die, ist sie einmal im Gange, kaum zu stoppen ist. Und die von vielen unterschätzt wird: „Es ist als Mandatsträger töricht zu glauben, dass man unbedachte Äußerungen oder Pöbeleien wieder zurücknehmen kann“, nennt Tomaschek den größten Fallstrick in den neuen Medien. „Das Internet vergisst nichts.“ Was auf der anderen Seite auch zu begrüßen sei: „Das schafft Transparenz.“

Heveling ist ein großer Internet-Skeptiker

Eine Transparenz, die viele Politiker weiterhin scheuen: „Die Mehrheit der Bundestags-Mitglieder twittert nicht“, so Tomaschek. Ansgar Heveling zum Beispiel. Und trotzdem machte der CDU-Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Krefeld in der Internetwelt von sich reden. In einem Gastbeitrag des Handelsblattes übte er barsche Kritik am Internet und unterstellte den Twitter-Nutzern, sie würden ihre zweite Pubertät durchleben. Die Netzgemeinde reagierte umgehend, neben „guttenbergen“ und „wulffen“ kursierte schnell die Bezeichnung „hevelingen“ – was so viel bedeuten soll wie „wild über etwas schwadronieren, wovon man keine Ahnung hat“.

Kritik hat auch Erika Steinbach einstecken müssen: Führende Linken-Politiker reagierten umgehend in den sozialen Netzwerken. Parteichef Klaus Ernst etwa urteilte auf Facebook, Steinbach sei „in Sachen Geschichtsrevisionismus eine Wiederholungstäterin“. Es dürfe bezweifelt werden, ob sie „in die Riege der Demokraten gehört“. Steinbach reagierte darauf gelassen: „Interessant, alle Linken sind aus ihren Löchern gekommen“, schrieb sie via Twitter. „Provokation hat sich gelohnt !!!!! Danke es war spannend.“