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Wie Radios aus Deutschland Leben in Syrien retten

Im vom Krieg gebeutelten Syrien können unabhängige Informationen über Bombenangriffe Leben retten (Symbolbild).
Foto: ALAA AL-FAQIR / REUTERS
Mithilfe einer Berliner NGO verbreiten Oppositionelle in Syrien lebenswichtige Infos. Dabei hilft eine einfache, aber geniale Technik.
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Berlin.  Wo werden vermutlich die nächsten Bomben fallen? Wie finde ich einen Arzt? Was tun nach einem Giftgasangriff? Fragen, die sich viele Menschen im vom Krieg gebeutelten Syrien täglich stellen. Dabei retten nicht nur Hilfsgüter wie Medikamente oder Lebensmittel das Leben der Zivilisten, sondern ein anderes seltenes Gut im Krieg: Informationen von unabhängigen Medien. Eine Initiative aus Deutschland will da helfen – mit Radios.

Wenn die syrische Regierung die eigene Bevölkerung bombardiert und sie gleichzeitig mit medialer Propaganda in die Irre führt, ist es kaum möglich, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Das weiß auch der 28-jährige Syrer Majid al-Bunni. Inzwischen lebt er in Deutschland und arbeitet für das Projekt „Syria Radio Network“ (kurz: „Syrnet“).

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Al-Bunni wurde von Assads Soldaten gefoltert

Majid al-Bunni selbst wurde Ziel von Assads Kriegsführung, weil er regierungskritische Botschaften auf Facebook postete. „Ich wurde mit vielerlei Anschuldigungen überhäuft seit dem ersten Tag, an dem ich mich der Regierung widersetzte“, erzählt er. Noch als Student, im November 2012, wurde al-Bunni für eine Demonstration an der Kalamoon Universität in Damaskus verantwortlich gemacht.

Das syrischen Militär nahm ihn zwei Tage lang in Haft, er wurde gefoltert. Sieben Soldaten zertrümmerten mit Stöcken sein linkes Bein. Zurück in Freiheit verließ der damals 23-Jährige das Land. Auch wenn es keine Belege für seine Geschichte gibt, so gibt es viele Menschen, die sie bestätigen. Und die Narben an seinem Bein. Der Syrer lebt nun in Berlin. Hier führt er seinen Kampf gegen das Assad-Regime fort.

„Syrnet“ wird vom Auswärtigen Amt gefördert

In Berlin arbeitet al-Bunni für die Nichtregierungsorganisation „Media in Cooperation and Transition“ (MiCT), die seit über einem Jahrzehnt Journalisten in Krisenregionen unterstützt. Gemeinsam mit seinen Kollegen von MiCT betreut er das Projekt „Syrnet“, seit 2013 gefördert vom Auswärtigen Amt. Sein Zweck: der Aufbau regierungsunabhängiger Radiostationen, um die moderate Opposition in Syrien mit Informationen zu versorgen.

Die Opposition in Syrien ist breit gefächert. Sie reicht von unabhängigen Bürgerrechtlern, die sich für demokratische Werte einsetzen, auf der moderaten Seite bis hin zur Terrormiliz Islamischer Staat und der Al-Kaida-nahen Al-Nusra-Front auf der Seite der Extremisten.

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Zehn Radiosender beteiligen sich an „Syrnet“

Um Extremisten keine Plattform zu bieten, hat „Syrnet” einen Verhaltenskodex für die beteiligten Radiosender entwickelt. Mithilfe dieses Kodex soll sichergestellt werden, dass ausschließlich moderate Oppositionelle an dem Projekt beteiligt sind. Und wer im Radio gegen politische und religiöse Gruppen hetzt oder gar Propaganda betreibt, ist nicht willkommen.

„Das Projekt soll der Zivilgesellschaft eine Stimme geben“, heißt es im Auswärtigen Amt. „Die geförderten Sender übermitteln eine Botschaft der politischen Aufklärung in Zeiten massiver Kriegspropaganda.“ Zehn Radiosender haben sich innerhalb von „Syrnet” bereits zusammengeschlossen.

Radio-Aktivisten werden von Assad und IS bedroht

Weder al-Bunni noch die anderen beteiligten Oppositionellen, die in seinem Heimatland ausharren, sind ausgebildete Journalisten. Sie sind politische Aktivisten. Berichterstatter wurden sie erst durch die Schrecken des Krieges, der nun schon sechs Jahre andauert. Sie berichten nicht für Geld oder für die Quote, sondern für das syrische Volk.

„Dabei werden die Aktivisten vor Ort von Assad und der Terrormiliz IS ständig bedroht“, sagt al-Bunni. Die Oppositionellen haben vor allem in den von der syrischen Regierung überwachten Gebieten kaum eine Möglichkeit, ihr Radioprogramm zu senden. Das Assad-Regime kontrolliert momentan im Westen die Regionen um die Städte Homs und Hama bis an die Westküste. Im Süden haben regierungsnahe Truppen große Teile der Hauptstadt Damaskus unter ihrer Kontrolle – und im Norden die Region um Aleppo.

Pocket FMs senden unabhängige Infos in Syrien

Die syrische Zivilbevölkerung soll auch in diesen von Assads Truppen beherrschten Arealen Zugang zu unabhängigen Informationen bekommen. Deshalb haben Techniker des MiCT in Berlin vor zwei Jahren ein einfaches, aber wirkungsvolles Gerät entwickelt: das Pocket FM. Ein kleiner schwarzer Kasten mit gelbem Griff und gelbem Knopf. Er besteht aus einem winzigen, mit Batterien betriebenen Computer, der, an einen Satelliten angeschlossen, Radiofrequenzen über sechs Kilometer Entfernung senden kann.

Wie genau die Pocket FMs nach Syrien gelangen, dürfen die am Projekt Beteiligten aus Sicherheitsgründen nicht verraten. Die Aktivisten in Syrien können mit nur einem dieser kleinen Sender ein ganzes Dorf mit Informationen versorgen. Das Programm, das von den Pocket FMs gesendet werden soll, kann von einem USB-Stick, über eine Wlan-Verbindung oder mithilfe eines Satelliten in das Gerät eingespeist werden.

Programme über traumatisierte Kinder

Al-Bunni selbst produzierte in Istanbul bis vor zwei Jahren eine politische Radiosendung, die über die Pocket FMs in Syrien ausgestrahlt wurde. Doch über die Pocket FMs werden in den Kriegsgebieten auch Warnungen über mögliche Minenverstecke oder kommende Luftangriffe verbreitet, erklärt al-Bunni. Die Informationen, die er und andere Oppositionelle im Exil oder in Syrien produzieren, können also dazu beitragen, das Überleben der Zivilbevölkerung zu sichern.

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„Wir machen aber auch viele Bildungssendungen für Kinder, denn in den Flüchtlingscamps haben sie keine Schule,“ sagt al-Bunni, „Weil viele Kinder traumatisiert sind, erklären wir im Radio, wie man mit ihren Traumata umgeht.“ Auch praktische Hinweise über die medizinischen Versorgungsmöglichkeiten vor Ort oder das Verhalten nach einem Giftgasangriff bestimmen das Programm. Da das Assad-Regime versucht, die Ausstrahlung des Programms zu verhindern, machen die Regierungssoldaten Jagd auf die Berichterstatter.

Pocket FMs sind schwerer zu orten

Dank der Pocket FMs müssen die Oppositionellen jedoch weniger Angst davor haben, von Assad-Anhängern erwischt zu werden. Denn für das Militär sind die Mini-Sender wesentlich schwerer zu entdecken als UKW-Antennen, die üblicherweise zur Übermittlung von Frequenzen genutzt werden.

Und wenn Assads Truppe oder der IS doch einmal zu nahe kommen - und die Aktivisten fliehen müssen? „Dann können die Pocket FMs auch aus einigen Kilometern Entfernung per SMS ausgeschaltet werden“, sagt al-Bunni. Damit stellen die Aktivisten sicher, dass niemand außer ihnen die Sender für die eigenen Zwecke nutzt.

Radiosender werden in Berlin überwacht

Die Pocket FMs verbrauchen als Sender nur wenig Energie. Sie können mithilfe von Solarzellen, Autobatterien und Generatoren betrieben werden. Doch das Radio ist nicht nur aufgrund seines niedrigen Stromverbrauchs in Syrien beliebt. Es mangelt dort schlicht an Alternativen. Internet und Fernsehen werden von der Regierung kontrolliert.

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Auch Majid al-Bunni und seine Kollegen bei MiCT müssen darauf achten, dass ausschließlich moderate Radiostationen ihre Sendungen über die Pocket FMs ausstrahlen. Deshalb überwachen sie die Sender täglich und können prüfen, ob Assad-Propaganda oder islamistische Hetze im Programm auftauchen. Wenn das der Fall ist, wird der Partnersender aus dem „Syrnet“ ausgeschlossen.

Radio-Rebellen schlafen mit Gewehr in der Hand

Die meisten der Aktivisten senden regierungskritische Informationen, berichten etwa über Kriegsverbrechen der Assad-Armee. Damit bringen sie sich in große Gefahr. „Viele der oppositionellen Aktivisten schlafen mit einem Gewehr in der Hand ein, damit sie nicht von Extremisten oder Assads Truppen überrascht werden“, erzählt al-Bunni.

Doch so lange sie noch können, senden die „Radio-Rebellen“ weiter Informationen über die nächsten potenziellen Angriffsziele und Kriegsverbrechen.

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