Widerstand gegen Anwerbung von chinesischen Altenpflegern

Matthias Korfmann
Die Anwerbung chinesischer Pflegekräfte durch deutsche Arbeitgeber stößt in Fachkreisen auf heftige Kritik. Zu hoch seien die sprachlichen und kulturellen Barrieren, heißt es. Aber ein Blick zurück zeigt: Krankenschwestern aus Korea haben in Deutschland einen guten Job gemacht.

Essen. Die Anwerbung chinesischer Pflegekräfte durch deutsche Arbeitgeber stößt in Fachkreisen auf heftige Kritik. „Wichtiger ist es, die Arbeitsbedingungen von Pflegern in Deutschland zu verbessern. Die Bezahlung ist oft schlecht, die Arbeit hoch belastend. Oft sind Pflegekräfte nach kurzer Zeit gar nicht mehr in der Lage, Vollzeit zu arbeiten. Es ist falsch, noch mehr gering Qualifizierte in der Pflegebranche zu beschäftigen“, sagte Gerda Bertram, NRW-Vorsitzende des Sozialverbandes SoVD.

Auch der Chef des Kuratoriums Deutsche Altershilfe, Peter Michell-Auli, ist skeptisch: „Wir halten dieses Anwerbe-Projekt für ausgesprochen schwierig. In der Pflege kommt es ganz besonders auf Sprache und kulturelles Verständnis an. Die Pfleger aus Asien würden also auf große Barrieren stoßen.“

Pilotversuch mit 150 chinesischen Altenpflegern

150 chinesische Altenpfleger werden auf Jobs in Deutschland vorbereitet. Es ist ein Pilotversuch, der die Tür öffnen könnte für weitere Migranten aus Asien. Die privaten Pflege-Unternehmen führen dafür ein starkes Argument an: Der Fachkräftemangel ist zu groß. Doch das China-„Experiment“ stößt bei Sozial- und Pflege-Experten aus NRW auf Widerstand.

Sie bezweifeln, dass die Kollegen aus China hierzulande gut pflegen können. Die Sprache sei das Problem und die Kultur, unterstrichen der Sozialverband Deutschland (SoVD) und das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA). „In der Pflege kommt es ganz besonders auf Sprache und kulturelles Verständnis an“, sagte KDA-Geschäftsführer Peter Michell-Auli dieser Zeitung. „Wir reden hier von der Zuwendung zu Menschen und nicht von einem Maschinenpark, der zu bedienen ist.“

In den 60er-Jahren kamen Krankenschwestern aus Korea

Pfleger aus Asien – das ist keine wirklich neue Idee. Viele werden sich an die koreanischen Krankenschwestern erinnern, die in den 1960er-Jahren nach Deutschland kamen. Nicht nur die Deutsch-Koreanische Gesellschaft spricht von einer Erfolgsgeschichte. Patienten schwärmten von den freundlichen, kompetenten Damen. „Sie haben Menschlichkeit ins Krankenhaus gebracht“, heißt es.

Im Jahr 1967 wurden rund 10 000 Krankenschwestern aus Südkorea angeworben, jede Dritte ging ins Ruhrgebiet. Sie folgten mehreren tausend koreanischen Bergleuten, die ab 1963 in die hiesigen Zechen einfuhren. „Auch damals herrschte hier ein Pflegenotstand, und die Koreanerinnen waren willkommen“, erinnert sich Christel Bienstein, Pflegewissenschaftlerin an der Uni Witten/Herdecke. Aber die Professorin warnt davor, die Situation vor 40 Jahren mit der heutigen zu vergleichen. Die Anforderungen an Altenpfleger hätten sich inzwischen dramatisch verändert. „Sie haben es heute oft mit Menschen zu tun, die gleich mehrfach erkrankt sind“, sagte Bienstein. Da komme manchmal alles zusammen: Demenz, Diabetes, Schlaganfall, Schmerzen.

Vor allem Demenzkranke brauchen viel Verständnis

Nur echte Profis könnten mit solchen Patienten umgehen, meint Gerda Bertram, die NRW-Landesvorsitzende des Sozialverbandes SoVD. Sie sagt: „Es ist falsch, noch mehr gering Qualifizierte in der Pflegebranche zu beschäftigen. Die Anforderungen an die Beschäftigten werden immer komplexer. In der Pflege ist das persönliche Verhältnis von besonderer Bedeutung. Insbesondere die vielen Demenzkranken brauchen speziell ausgebildete Pflegekräfte, die gut Deutsch sprechen und ein kulturelles Verständnis für die alten Menschen mitbringen. Sie sollten zum Beispiel in der Lage sein, Erinnerungen an früher zu wecken. Dies wird in der Altenpflege erfolgreich durch das gemeinsame Singen von alten Liedern geleistet.“

NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) hält andere Maßnahmen für wichtiger. „Wir sollten uns zunächst vor allem darauf konzentrieren, die Rahmenbedingungen und die gesellschaftliche Anerkennung des Pflegeberufs so zu verbessern, dass wir mehr Menschen für diese wichtige Aufgabe begeistern können. In Nordrhein-Westfalen haben wir allein durch die Einführung der Ausbildungsumlage innerhalb weniger Monate die Zahl der Auszubildenden zur Pflegefachkraft um 22 Prozent steigern können. Das zeigt: Wir sind in diesem Bereich noch steigerungsfähig, wir haben unsere Potential an jungen Menschen und auch an Rückkehrerinnen und Rückkehrern in einen zukunftssicheren Beruf noch nicht komplett ausgeschöpft.“

Pflege ist „viel mehr als waschen, cremen, an- und ausziehen“

Laut Steffens geht es bei der Pflege „um viel mehr als waschen, cremen, an- und ausziehen.“ Gerade die Betreuung älterer Menschen mit Demenz erfordere viel persönliche Zuwendung, dazu seien wiederum Kenntnis und Verständnis der jeweiligen Biografie, der individuellen Lebensgeschichte notwendig. „Insbesondere für die Pflege von Menschen mit Verwirrtheitszuständen ist außerdem eine möglichst lückenlose Beherrschung der deutschen Sprache erforderlich.Nicht zuletzt müssen wir uns vor der aktiven Anwerbung von Menschen aus anderen Ländern generell immer die Frage stellen: Welche Lücken hinterlassen diese Menschen in ihrer Heimat?“, so die Ministerin.

Als Reaktion auf unsere Berichterstattung meldeten sich am Montag mehrere Pflege-Fachkräfte. Sie erzählten von extrem harten Arbeitsbedingungen in der Branche. „Oft wird das Personal willkürlich verheizt, die Bezahlung ist schlecht, und es werden Pfleger eingesetzt, die nicht ausreichend qualifiziert sind“, sagte zum Beispiel Angelo Reiff aus Duisburg. Unter solchen Bedingungen sei der Pflegeberuf nicht attraktiv.