Wer Sozialhilfe will, muss in Rotterdam mit anpacken

Rotterdam.. Mut zur Nische: Rotterdam versucht, mit ungewöhnlichen Mitteln die Arbeitslosigkeit aus der Stadt zu verbannen. Wer Sozialleistungen möchte, der muss etwas dafür tun.

Mohammed aus Somalia hat einen Job, den gibt’s gar nicht. Steht an der Kasse und packt Tomaten in Tüten. Vielleicht brauchen die Kunden das nicht; es gab schon solche, die fanden: „Ich habe selbst zwei gesunde Hände.“ Mohammed aber glaubt: „Ich werde gebraucht.“ Und sagt, das sei endlich „ein guter Grund, um zu leben“.

Tüten packen? Dabei ist das nur eine Idee, mit der „Werkland“ langzeitarbeitslose Migranten wieder „aan de slag” bringen will, an die Arbeit. In Rotterdam, der Stadt, in der der Spitzenkandidat der Ar-beitspartei gerade die Kommunalwahl gewann, obwohl – oder weil er den Mut hatte, Sozialhilfe zum Thema zu machen. Indem er versprach, seine Stadt „arbeitslosigkeitsfrei“ zu machen. Gelobte, niemand müsse mehr „hinter Geranien verkümmern“. Indem er aus seiner „Partei van de Arbeid“ auf Plakaten die „Partei van de Aanpak“ machte. Was bedeutet: Wer Hilfe will, muss anpacken.

„Jeder kann was“, sagt dieser Dominic Schrijer. Mancher findet das unsozialdemokratisch, klagt über „Zwangsarbeit!“. „Werkland“-Manager Stephen Roseval drückt es etwas sanfter aus: „Lass mal sehen, was du kannst.” Er sitzt in Tarwewijk, mitten im sozialen Brennpunkt am Maas-Hafen, unter lauter Afrikanern, Polen, Bulgaren. Die Stadt sagt ihnen, dass sie arbeiten müssen, um weiter Unterstützung zu beziehen, „Werkland” sagt wo. Und wie. Jemand hat keine Betreuung fürs Kind? Rückenschmerzen? Sprachprobleme? Sie beschäftigen eigens jemanden bei „Werkland“, der solche Hindernisse ausräumt. Roseval nennt es seine „Herausforderung“, es klingt, als sei es seine Freude.

„Wir sind eine Mischung aus Personaldienstleister und Reintegrations-Betrieb“, sagt sein Chef Dick Vink, der eigentlich Wirtschaftsberater ist und „Werkland“ erfand. Denn so funktioniert seine Idee: Die Stadt zahlt den „Bijstand” nicht dem Arbeitslosen, sondern ihm. Dafür vermittelt er den „Mitarbeiter” in einen Job – und zahlt ihm die Hilfe als Gehalt. Nischenjobs sind das, eigens entwickelt wie das Tütenpacken im Supermarkt, wie kleine Renovierungs- oder Telefondienste.

„A-Jobs“ nennen sie die; wer gut ist, wechselt in einen „Better job“ und macht irgendwann vielleicht „Career“: „ABC“. Dabei arbeiten die Menschen anfangs nicht täglich: weil sie Kurse besuchen, Sprachkurse vor allem. „Die Sprache“, sagt Roseval, „ist das Wichtigste, was man können muss, um zu arbeiten.“ Und zu lernen: Er hat Leute, die in ihrer Heimat Ingenieure waren oder Ärzte, jetzt lernen sie die aktuelle Technik und die Fachbegriffe gleich dazu. Am Arbeitsplatz. „Arbeiten ist Lernen”, sagt Roseval.

Bei Safeta aus Serbien hat das geklappt. „Nichtstun ist nichts für mich“, sagt sie; es klingt fehlerlos, denn seit sie an der Kasse steht, muss sie reden mit den Kunden. „Das Lebensgefühl ist anders.“ Auch die Russin Viktoria kennt das: Sie hilft als Sekretärin bei „Werkland”, „wir können Pläne machen, was wir weiter tun im Leben.”

Natürlich haben sie auch die, die klagen: dass sie etwas tun müssen für dasselbe Geld. Worüber Roseval sich wundert: „Wer Nein sagt zur Arbeit, sagt der nicht Nein zum Arbeitslosengeld?“ Und es gibt die, die finden, Besseres gelernt zu haben als Tütenpacken – wie die Kardiologin in der Chocolaterie. Manchen bietet Roseval an, daheim zu bleiben. „Aber sie kommen schnell zurück. Sie sehen die Anderen arbeiten.“ Und: „Es ist egal, was für ein Job es ist. Wenn es nur Arbeit ist.”

 
 

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