Wer arm ist stirbt früher - dagegen hilft nur Bildung

Gregor Boldt, Matthias Korfmann, Sigrid Krause
Foto: WR
Arme sterben früher als Reiche. Das war immer schon so, aber die Schere geht weiter auseinander. Geringverdiener sterben heute im Schnitt zwei Jahre früher als vor zehn Jahren. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu einem prekären Thema

Essen. Wie alt werden wir?

Einem Mädchen, das heute geboren wird, wird eine Lebenserwartung von 82,4 Jahren vorhergesagt. Jungen erreichen 77,2 Jahre. Vor zehn Jahren waren es 81,3 (Mädchen) und 75,6 Jahre (Jungen).

Die Lebenserwartung von Männern, die wenig verdienen, sinkt aber. Ist das ein deutsches Problem?

Ja. Diese Entwicklung ist in der jüngeren europäischen Geschichte fast beispiellos. „Es gab das in den 90-er Jahren in Großbritannien, nach dem Sozialabbau durch die Thatcher-Regierung. In Russland ging nach 1990 die Lebenserwartung in der armen Bevölkerung ebenfalls zurück. Aber eine sinkende Lebenserwartung ist äußerst selten“, sagt Rolf Rosenbrock, Experte für öffentliche Gesundheit.

Warum sterben arme Männer immer früher?

Die Lebenserwartung wird wesentlich beeinflusst von Bildung, beruflicher Position und Einkommen. „Bildung ist besonders wichtig“, erklärt der Bochumer Sozialrechtler Stefan Huster. Wer nicht gebildet ist, weiß oft nicht, wie er gesund leben kann. Ein Teil der Bevölkerung ist abgekoppelt von guter Bildung, bekommt schlechte oder keine Jobs. Das senkt die Lebenserwartung. Rosenbrock: „Das geht einher mit einer zunehmenden sozialen Ungleichheit im Land. Je größer die Ungleichheit, desto geringer ist die Lebenserwartung in der Gesellschaft.“

Warum ist die Lebenserwartung im Osten niedriger?

Das lässt sich durch die generell schlechtere soziale Lage und belastenden Lebenssituationen der Menschen auch durch Arbeitslosigkeit und Armutserfahrungen erklären, sagt der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, Wolfgang Stadler.

Welche Rolle spielt die medizinische Versorgung?

Keine, da sind sich die meisten Experten einig. Die medizinische Versorgung ist in ei­nem so hoch entwickelten Land, in dem fast alle Menschen krankenversichert sind, nicht so ungleich, dass die Lebenserwartung darunter leiden könnte. Aber, so Rosenbrock: „Männer aus der Mittel- und Oberschicht leben über zehn Jahre länger als Männer aus der Unterschicht. Herz-/Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes oder psychische Probleme zeigen sich in der armen Bevölkerung etwa vier Jahre früher.“

Warum sinkt die Lebenserwartung armer Frauen nicht?

„Dafür mag es neben biologischen auch soziale Gründe geben“, sagt Stefan Huster. Männer definieren sich mehr über ihren Beruf. Sie leiden noch mehr unter stressigen Jobs und Arbeitslosigkeit. Außerdem neigen sie eher zu ungesundem Verhalten: wenig Bewegung, Tabak, Alkohol.

Was fordern die Sozialverbände?

„Um Armut effektiv zu bekämpfen, brauchen wir eine Erhöhung des Hartz-IV-Satzes auf 420 Euro, einen gesetzlichen Mindestlohn und einen Ausbau der öffentlich geförderten Beschäftigung“, so Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbendes.

Wir wirkt sich Armut auf Kinder aus?

Kinder armer Eltern sind oft schon beim Start ins Leben im Nachteil: Ihr Geburtsgewicht liegt im Schnitt deutlich unter dem von Kindern aus gut situierten Familien. Fast jede dritte Mutter (31 Prozent) mit niedrigem Sozialstatus hat geraucht während der Schwangerschaft; von den gut situierten Frauen war es jede zwölfte (acht Prozent).

In der Kindheit setzt sich für Kinder armer Eltern die Reihe der Ungleichheiten fort: Sie erleiden häufiger Unfälle, haben häufiger Zahnprobleme oder Essstörungen. Jungen vor allem fallen als Jugendliche verstärkt wegen psychosomatischer Beschwerden oder Verhaltensstörungen auf.

Besondere Sorge bereitet Medizinern und Sozialforschern das steigende Armutsrisiko der Kleinsten. Rund 13,1 Millionen Menschen unter 18 Jahren lebten 2010 in Deutschland. Gut jeder sechste (16 Prozent) wächst in einer Familie auf, die weniger als 11 151 Euro im Jahr zum Leben hat.

Warum ist der Trend so verheerend?

Wie sehr sich Arbeitslosigkeit, geringe Bildung und niedriges Einkommen der Eltern auf die Gesundheit der Kinder auswirken, analysiert das ­Robert Koch Institut (RKI) in Berlin seit 2003. Für die Langzeitstudie über „Die gesundheitliche Lage der Kinder und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS) wurden bundesweit 17 641 Jungen und Mädchen sowie deren Eltern befragt.

Ein Ergebnis: Der Gesundheitszustand jedes zehnten Jungen aus einer armen Familie ist mittelmä­ßig bis „sehr schlecht“ – dieser Anteil ist doppelt so hoch wie der unter Jungen aus wirtschaftlich gut ­abgesicherten Familien.

Besonders stark sind die Unterschiede bei psychischen und Verhaltensauffälligkeiten bei drei- bis zehnjährigen Jungen: Von den sozial benachteiligten fiel damit jeder sechste (16,4 Prozent) auf, von den Gleichaltrigen mit hohem Sozialstatus war es jeder 25. (vier Prozent). Ähnlich war es bei Essstörungen: Die hatte jeder fünfte arme Jugendliche (19,9 Prozent). In „besseren“ Familien waren neun Prozent der Jugendlichen betroffen.