Wenn Widerspruch Ausdruck von Loyalität ist

Essen..  Angesichts der Herausforderungen durch die steigende Zahl von Flüchtlingen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich bei ihrer Sommer-Pressekonferenz gesagt: „Wir schaffen das!“ Dieser Satz hat für Pater Klaus Mertes „die Qualität eines Widerspruchs aus Loyalität“, weil er Unmut in den eigenen Reihen auslöste und Merkel von dem einen oder anderen als taktischer Fehler ausgelegt wurde – aber von der Kanzlerin und CDU-Chefin aus tiefer Überzeugung geäußert wurde. „Widerspruch aus Loyalität“, das war die große Überschrift des 111. Politischen Forums Ruhr gestern in der Essener Philharmonie. Es ist das Lebensthema von Klaus Mertes.

Schlagartig rückte Pater Klaus Mertes Anfang 2010 ins Licht der Öffentlichkeit, als er den jahrzehntelang währenden sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche publik machte. Dabei stellte sich der damalige Leiter des Berliner Jesuitengymnasiums Canisius vorbehaltlos auf die Seite der Opfer, statt vor seine verdächtigten Kirchenbrüder. Zur Erinnerung: Nachdem drei ehemalige Canisius-Schüler ihm ihre schockierenden Missbrauchserlebnisse geschildert hatten, wandte sich Mertes an Hunderte Absolventen des Kollegs und entschuldigte sich. Dank gab es von der Amtskirche nicht, der Theologe wurde als Netzbeschmutzer geschnitten und beschimpft.

Wer aus Loyalität widerspricht, muss damit rechnen, dass er stigmatisiert wird, sagt Klaus Mertes. Derjenige, der widerspricht, werde oft als schnöder Verräter gebrandmarkt. Sein Beispiel schwebte natürlich über dieser Aussage, er nannte aber andere: den deutsch-türkischen Regisseur Fatih Akin etwa, der in seinem Film „The Cut“ den Genozid an den Armeniern thematisiert und dafür nicht nur in der Türkei massiv angefeindet wird; oder die israelischen Soldaten, die sich in der Gruppe „Breaking the Silence“ zusammengeschlossen haben und die das Vorgehen der israelischen Armee in den Palästinensergebieten kritisieren.

Wutschnauben ist kein Widerspruch

Nicht jedes Aufbegehren, nichts jedes Erheben der Stimme ist für den Jesuiten-Pater aber gleich ein „Widerspruch aus Loyalität“. Wer als „eitler Querdenker“ prinzipiell gegen den Mainstream wettert, wer sich als Tabubrecher feiert (und allzu oft dazu erst vermeintliche Tabus erfindet), die Wutbürger und „Shitstormer“, die ohne jede Reflexion pöbeln und keifen – das sind laut Mertes Menschen, die nicht in seine Kategorie des „Widerspruchs aus Loyalität“ fallen.

Aus Loyalität zu widersprechen, das setzt für Mertes zuallererst die Anerkennung von Loyalitätspflichten voraus; als Mertes seinerzeit den Missbrauchsskandal öffentlich machte, ging es ihm zwar vorrangig um die Opfer, aber eben auch um den Schutz der Institution Kirche. Nur „totalitäre Systeme beruhen auf aktivem Schweigen“, sagt er und dass das Aufbegehren gegen das dieses Schweigen notwendig ist, um gegen Resignation, Fatalismus und Hoffnungslosigkeit anzukämpfen. Dieses Aufbegehren brauche aber auch einen Abwägungsprozess vor der Entscheidung und einen Prozess des selbstkritischen Umdenkens.

Nicht ganz klar wurde bei Mertes’ Vortrag und in der anschließenden Diskussion aber, wie relativ die Wertung ist, ob jemand aus Loyalität widerspricht und aufbegehrt – das Beispiel Merkel kann schließlich ja auch so aufgefasst werden, dass die Kanzlerin eben doch nur wie so häufig Stimmungen aufgenommen hat; diesmal eine, die eine Willkommenskultur feiert, weil sich etwas „im Gebälk der Gesellschaft bewegt“, wie es Mertes ausdrückte. Und dass diejenigen, die jetzt ihre Chefin kritisieren, es sind, die jetzt aus Loyalität widersprechen.

 
 

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