Warum viele Schulkinder immer unsportlicher werden

Dominik Loth und Thomas Mader
Einfache Sportübungen bekommen viele Schüler eher schlecht als recht hin.
Einfache Sportübungen bekommen viele Schüler eher schlecht als recht hin.
Foto: picture alliance / dpa
Liegestütze oder kurze Sprints: Viele Grundschüler bekommen das kaum hin. Vor allem in armen Vierteln haben Schüler Defizite beim Sport.

Ruhrgebiet. Liegestütze, Rumpfbeugen, Sprints und kurzer Dauerlauf – kriegen die meisten der 350 getesteten Grundschüler aus Alt-Oberhausen mehr schlecht als recht hin. Ein Viertel ist übergewichtig. Und wiederum ein Viertel nur ist Mitglied in einem Sportverein. Solche Tests finden nun in 33 Kommunen im Lande für das Förderprogramm „KommSport“ statt. Und dass der Oberhausener Süden vor Kurzem im Vergleich schlecht abschnitt, ist symptomatisch für sozial schwache Viertel. Zumindest dieses Ergebnis deckt sich mit dem des dritten Kinder- und Jugendsportberichts: Deutschlands Kinder bekommen ein Fitness-Defizit.

Das Land NRW müsse mehr qualifizierte Sportlehrer einstellen und speziell Grundschullehrer besser ausbilden, fordert Professor Ulf Gebken vom Institut Sport- und Bewegungswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen, das die Tests auswertet. „Sport muss genauso wichtig sein wie Sachunterricht.“ So könne verhindert werden, dass vor allem in Problemvierteln Schüler immer unsportlicher werden. „Wenn die Sportlehrer konstant gut sind, kann man fast alle Kinder für Bewegung begeistern“, so Gebken. Aktuell seien zu wenig Lehrer qualifiziert genug.

Der Deutsche Kinder- und Jugendsportbericht kam 2015 zu ähnlichen Ergebnissen. Herausgeber Werner Schmidt von der Uni Duisburg-Essen: „Motorische Störungen nehmen zu bei Schülern, ebenso wie Übergewicht und der Medienkonsum. Zugleich wird der Sportunterricht gekürzt. Auch durch die Ganztagsschule nimmt die Inaktivität stark zu. Nur noch 15 Prozent der Neuntklässler bewegen sich täglich über 30 Minuten mit mittlerer Herzfrequenz. Es liegt nicht an den Kindern. Durch die Strukturen werden ihre Bewegungen eingeschränkt.“

Was sind die Ursachen?

„In den Grund- und Förderschulen werden mehr als fünfzig Prozent des Sportunterrichts von fachfremden Lehrern erteilt“, sagt Ulf Gebken vom Institut Sport- und Bewegungswissenschaft an der Uni Duisburg-Essen. Dieser Anteil habe zugenommen. Überspitzt gesagt sehe der Unterricht so aus: „Völkerball, Brennball, Zombie und wieder Völkerball.“

Die Folgen bekommt etwa Henning M. zu spüren, Gymnasiallehrer in Essen. „Rückwärtslaufen haben einige Fünftklässler einfach noch nicht gemacht. Meist sind es nur Einzelfälle, aber einmal hatte ich eine Klasse, in der gleich drei Schüler umgefallen sind. Bamm, bamm, bamm. Seitdem mache ich mit den Kindern vorher immer Fallübungen auf der Matte. Dann kriegen sie zumindest keine Gehirnerschütterung.“

Kritik an den Eltern

Der Elternverein NRW verortet die Ursachen nicht in der Schule, sondern bei der eigenen Klientel. Die Landesvorsitzende Regine Schwarzhof sagt: „Schulen und Lehrer können richtige Erziehung nicht ersetzen.“ Zwar hätten Eltern das Recht, sich über mangelnde Freizeit zu beklagen, trotzdem müssten sie ihren Kindern die richtigen Werte vermitteln. So würden Medien oft als Babysitter eingesetzt, wodurch die Freizeit eher im Sitzen verbracht werde. „Kinder brauchen körperliche Aktivitäten. „Eine Katastrophe“ sei allerdings die Personalplanung an Schulen. Zu häufig würden Ersatzlehrkräfte, gerade in Nebenfächern, eingesetzt, sagt Schwarzhof.

Tatsächlich nimmt auch jenseits der Schule die Zahl der Kinder ab, die Sport im Verein treiben, deutlich ab. Beim Landessportbund NRW waren 2007 rund 5,1 Millionen Mitglieder registriert, aktuell sind es nur noch 4,7 Millionen. Mehr als ein Drittel dieses Rückgangs betrifft die 7- bis 14-Jährigen (minus 150 000). Ein leichtes Plus gibt es nur bei den Vorschulkindern. Jugendreferatsleiter Matthias Kohl nennt als Gründe neben der Digitalisierung der Kindheit und der Überalterung der Gesellschaft die zurückgehende Zahl der Sportstätten und der Übungsleiter. Auch existiere keine „Selbstläufer-Dynamik“ mehr, bei der Eltern ihre Kinder zum Verein mitnehmen.

Doch die Klage, Kinder hätten durch die Ganztagsschule keine Zeit mehr, greife zu kurz. Kohl: „Die Vereine, die sich an Ganztagsschulen beteiligen, gewinnen Mitglieder.“

Problemsport Schwimmen

Die sportlichen Defizite von Schülerinnen und Schülern werden vor allem beim Schwimmen deutlich. In sozial schwierigen Vierteln kann laut Gebken am Ende der vierten Klasse die Hälfte der Schüler nicht schwimmen. Bei einer Tagung, berichtet der Uni-Professor, hätten sich sieben von fünfzehn Lehrer gemeldet, die schon einmal einen Schüler aus dem Wasser ziehen mussten.

Das ist Lehrer Henning M. zwar noch nicht passiert. Aber auch der 40-Jährige sagt: „In jedem Jahrgang bekommen wir ein oder zwei Grundschüler, die nicht schwimmen können – obwohl das Seepferdchen eigentlich Pflicht ist in der Grundschule.“ Diese De­fizite auszumerzen, stelle die weiterführende Schule vor große Probleme. „Im Idealfall begleiten zwei Lehrer den Schwimmunterricht“, aber oft sei das nicht möglich. Und man kann nicht gleichzeitig vor dem Schwimmer- und dem Nichtschwimmerbecken stehen. „Wir behelfen uns oft, indem wir zwei Klassen gleichzeitig mit zwei Lehrern zum Schwimmen schicken.“

Auch der Schwimmverband NRW kennt diese negative Entwicklung. „Die Anfänger sind nicht auf dem Stand, den wir haben wollen“, sagt Sprecher Marc Sandmann. Auch er habe schon Berichte gehört von Schwimmlehrern, die als Lebensretter in Erscheinung treten mussten, weil Schüler direkt vom Duschen ins Wasser gesprungen seien – ohne überhaupt schwimmen zu können. Viele Kinder hätten „null Erfahrung mit dem Bewegungsraum Wasser“. Nicht vergessen dürfe man die gestiegene Zahl der Badetoten: 488 Menschen sind 2015 beim Schwimmen gestorben, der Höchststand seit neun Jahren.

Vereine können Schulsport machen

Die Gründe sind nach Ansicht des Schwimmverbands vielfältig: Mit der Schließung vieler Bäder gehe häufig einher, dass Schulen und Eltern – insbesondere auf dem Land – die Logistik nicht mehr stemmen könnten. Insgesamt hätte die Zahl der regelmäßigen Unterrichtsstunden abgenommen. Und: Eltern übernehmen nicht mehr so häufig den Schwimmunterricht wie früher.

Viele Schwimmlehrer seien auch nicht genügend ausgebildet. Ehrenamtliche Helfer oder Vereine könnten diese Aufgabe übernehmen, aber „die Kooperationen sind schwierig zu organisieren.“ In Dortmund hat so eine Partnerschaft Erfolg: Seit zwei Jahren kooperiert die Landgrafen-Grundschule mit dem SV Westfalen.

Den Verdacht jedenfalls, dass Kinder allgemein die Lust am Sport verlieren, kann Forscher Gebken nicht bestätigen: „Schüler können bestimmte Dinge nicht mehr gut, wie beispielsweise Bockspringen. Dafür können sie andere Sachen wie Einradfahren oder Skateboardfahren. Der Sport hat sich gewaltig verändert. Das muss man aufmerksam wahrnehmen.“