Warum so viele Asylbewerber aus Balkanländern zu uns kommen

Auf der Flucht vor Armut und Perspektivlosigkeit:  Frauen und Kinder aus Balkanstaaten  in einem Flüchtlingscamp in Bulgarien.
Auf der Flucht vor Armut und Perspektivlosigkeit: Frauen und Kinder aus Balkanstaaten in einem Flüchtlingscamp in Bulgarien.
Foto: picture alliance / dpa
Im Kosovo steht eine ganze Generation in den Startlöchern. Auch Albaner und Serben wollen sich in Deutschland eine Existenz aufbauen. Eine Analyse.

Pristina. Zu den vielen Flüchtlingen vom Balkan, die Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer zum Thema gemacht hat, kann man vieles Richtige sagen und trotzdem alles falsch machen. Es stimmt zum Beispiel, dass ausgerechnet Albanien nach Syrien zurzeit das zweithäufigste Herkunftsland von Asylbewerbern in Deutschland ist – das, obwohl in Albanien weder Krieg noch politische Verfolgung herrschen. Es stimmt auch, dass die Zahl der Hilfesuchenden vom Balkan erst gestiegen ist, als die Visumspflicht abgeschafft wurde. Aber es wäre trotzdem ein schwerer Fehler, alle zurückzuschicken oder gar die Reisefreiheit wieder aufzuheben.

In Pristina können viele Deutsch

Die Auswanderung vom Balkan ist nicht zu stoppen. Für die Deutschen ist etwa das Kosovo, aus dem ebenfalls noch viele Asylbewerber kommen, ein fremdes, fernes Land. Umgekehrt trifft so ziemlich das Gegenteil zu. Wer es nicht glaubt, soll in Pristina in ein Café gehen und fragen, ob hier jemand Deutsch spricht. An jedem Tisch geht mindestens ein Finger hoch. Zehntausende junge Kosovaren haben einen Teil ihrer Kindheit in Deutschland, der Schweiz oder Österreich verbracht, und alle anderen haben Verwandte hier. Sie studieren in großer Zahl Germanistik in der Hoffnung, damit ihre Chancen auf Auswanderung zu verbessern. Ihre technisch begabten Altersgenossen wählen ihre Studienfächer schon mit Blick auf den deutschen Arbeitsmarkt.

Es stimmt: Asyl bekommt so gut wie niemand vom Balkan. Aber kaum einer will das auch. Vor allem die jungen, gut Ausgebildeten unter den Wirtschaftsflüchtlingen aus Albanien, Serbien, Mazedonien oder dem Kosovo wollen sich in Deutschland eine Existenz aufbauen. Die Älteren, die aus den strukturschwachen Gebieten kommen, wollen in kurzer Zeit so viel Geld verdienen, dass sie nach ihrer Rückkehr eine Weile davon leben können. Dass sie „früher oder später“ zurückgeschickt werden, schreckt sie nicht. Hauptsache, es geschieht eher später als früher. Dass sie vom Schlaraffenland träumen würden und auf das Taschengeld für Asylbewerber spekulieren, ist bloß eine Fantasie von Rechtspopulisten.

Asyl beantragen die Auswanderer vom Balkan, um einen legalen Aufenthaltsstatus zu bekommen. Das ist kein Betrug, sondern im Prinzip ein begrüßenswerter Impuls: Sie wollen in geordnete Verhältnisse. Asyl ist neben dem Familiennachzug dafür de facto die einzige Möglichkeit. Eine „Blaue Karte“ für gut verdienende Hochschulabsolventen konnten bisher nur gezählte fünf Bewerber aus dem Kosovo ergattern. Ein deutsches Studentenvisum halten ganze 54 Kosovaren – bei immerhin fast 700 Marokkanern und mehr als 3000 Indern. Dabei steht hier eine ganze Generation in den Startlöchern. Sie sprechen nicht nur Deutsch, sondern auch gut Englisch. Ihre Eltern sparen für teure Schulen und Universitäten – private Hochschulen, vor allem amerikanische, sind ein Renner in der Region. Wenn Deutschland Arbeitskräfte braucht, verfügt es auf dem Balkan über ideale Reserven.

Physisch lässt sich die Einwanderung nicht aufhalten. Kein Mittelmeer trennt Deutschland vom Balkan, und selbst der künftige ungarische Grenzzaun lässt reichlich Auswege offen – über Kroatien oder über Bosnien. Wer kein Asyl beantragt, wird trotzdem irgendwann kommen, spätestens dann, wenn der Druck zu Hause noch ein wenig größer wird. Wenn es keine legalen Wege gibt, werden eben die illegalen genützt. Wohin das führen kann, haben die Neunzigerjahre gezeigt, als vor allem die Schweizer sich über die vielen Albaner im Drogenhandel wunderten.

Wie hilflos, ja, absurd der Vorschlag ist, die Visumspflicht für die Balkanländer wieder einzuführen, zeigt das Kosovo – das einzige Land auf dem Balkan, dessen Bewohner nicht frei in die Schengen-Staaten reisen dürfen. Ausgerechnet aus diesem Kosovo sind in den Wintermonaten bis zu 80. 000 Menschen nach Deutschland gekommen, mehr als aus allen visumfreien Balkanstaaten zusammen. Schon eine Debatte über Reisebeschränkungen ist ein sicherer Weg, eine panikartige Ausreisewelle zu erzeugen.

Auswanderung ist ein Ventil

Die eingängige Formel schließlich, man solle doch lieber die Wirtschaft in den Herkunftsländern stärken, als Auswanderung zu gestatten, stellt die Verhältnisse auf den Kopf. Auswanderung ist für die armen Balkanstaaten ein wichtiges Ventil. Außer im hermetisch abgeriegelten Albanien zwischen 1944 und 1991 hat es sie immer gegeben; gerade im albanischen Sprachraum sind viele Generationen auf „kurbet“, zur Arbeit ins Ausland gegangen und haben die Familie zu Hause unterstützt. Die Überweisungen von Verwandten sind im Kosovo und in Albanien der wichtigste Einnahmefaktor. Schneidet man die Balkanländer von den Überweisungen ab, kollabieren sie erst recht.

Ein Einwanderungsgesetz, wie die SPD es fordert, wäre ein wichtiger Schritt. Noch wichtiger wäre es, zu begreifen, dass der Balkan zu Deutschland gehört wie der Maghreb zu Frankreich und der Commonwealth zu Großbritannien.

 
 

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