Warum ist Fremdenhass im Osten so weit verbreitet?

Demonstration gegen Asylunterkunft
Demonstration gegen Asylunterkunft
Foto: dpa
Offen zeigen Menschen in Heidenau ihren Fremdenhass, fast jede zweite rassistische Gewalttat wird im Osten begangen. Warum ist das so? Eine Analyse.

Essen. 17 Prozent der Deutschen leben in Ostdeutschland. Aber in den Ländern, die im Herbst 1990 der alten Bundesrepublik beigetreten sind, sind 2014 fast die Hälfte aller rassistischen Gewalttaten auf deutschem Boden festgestellt worden. 61 der 130 bundesweit registrierten. 2015 wird es kaum anders sein. Die Ausschreitungen gegen die Flüchtlingsunterkunft im sächsischen Heidenau sind dafür ein ungutes Vorzeichen.

Zumal: Sie sind nicht das Werk kleiner, zugereister Krawallmacher. Sie kommen aus der lokal verwurzelten bürgerlichen Mitte heraus. Oder werden von dort beklatscht. Das war schon vor mehr als zwanzig Jahren so. In Hoyerswerda 1991 und in Rostock-Lichtenhagen ein Jahr später, wo das Sonnenblumenhaus angegriffen wurde.

Auch im Westen gibt es Probleme mit Rechtsextremen

Es ist das, was die Lage im Osten von der im Westen Deutschlands unterscheidet. Ja, auch im Westen brennen geplante Asylbewerberunterkünfte. Jüngst erst wieder in Baden-Württemberg. Und NRW hat seine eigenen rechten Probleme gehabt. Das ist nicht zu beschönigen. Es hat sie auch heute. In Solingen weint Mutter Genc immer noch um ihre fünf ermordeten Kinder. In Dortmund gibt es umtriebige rechtsradikale bis rassistische Zellen.

Doch mit diesen Tätern und mit diesen Rassisten will hier niemand etwas zu tun haben. Sie sind ausgegrenzt. Das macht Hoffnung. Von wenigen Ängsten und Diskussionen abgesehen funktioniert derzeit der schnelle Aufbau eines Unterkunft-Netzes zwar hektisch, aber erstaunlich reibungslos. Die Hilfsbereitschaft der Deutschen für die Kriegsflüchtlinge ist breit. Eine erst kurzfristige Information durch die Kommunen wird der Umstände wegen hingenommen.

Wieso also vor allem der Osten? Und woher dieser Hass?

Sachsen, sagte der aus Westdeutschland stammende damalige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf nach den Asylheim-Bränden von Hoyerswerda, sei „immun gegenüber rechtsradikalen Versuchungen“. Da trauten sich Schwarze schon nicht mehr über die Elbe und war die Zahl der Übergriffe auf Ausländer fünf Mal so hoch wie in den alten Bundesländern. Dass die Aussage des Professors Fehleinschätzung, Selbstbetrug oder mehr noch - eine platte Lüge – war, das war allen klar, die die gesellschaftliche Situation in den neuen Ländern früh hinterfragten.

Ausländeranteil in Dresden noch immer unter fünf Prozent

Ausländer? Gab es in den Nach-Einheitsjahren dort noch viel weniger als heute, wo der Anteil an der Bevölkerung in Dresden immer noch unter fünf Prozent liegt. Fremdenfeindlichkeit hingegen wurde dessen ungeachtet in den Schulen vom Lehrerpult aus vermittelt, nachdem Biedenkopfs Landesregierung weitgehend ungeprüft fast alle alten DDR-Pädagogen übernommen hatte. „Geht nicht in die Straßen, wo Ausländer wohnen.“ „Seit die Grenzen weg sind, haben wir hier mehr Räuber und Mörder.“ Es sind Zitate aus einem Unterricht Ost, anno 98 – und sicher kein Einzelfall.

Aber die alten Lehrer hatten es nicht anders gelernt. Schon die vermeintlich antifaschistische DDR hatte ein großes, staatlich gesteuertes rechtes Problem. Sie duldete nicht nur die Umtriebe der Vorläufer der späteren Skinheads Sächsische Schweiz (SSS), die erst 2002 verboten wurden. Auch ihre vietnamesischen Gastarbeiter wurden offen von den Behörden diskriminiert. Junge Asiatinnen, die in den Wohnheimen schwanger wurden, waren vor die Alternative gestellt: Abtreibung - oder Koffer packen. Wie menschlich war der angeblich so menschenfreundliche Sozialismus denn da?

Die Angst der Einheitsverlierer vor Veränderungen

Die Ursachen für die aktuellen Gewaltausbrüche mögen vielschichtig sein. Die Angst der Einheitsverlierer vor ständigen Veränderungen – nicht wenige der heute um die Sechzig- bis Siebzigjährigen in der Ex-DDR zählen dazu – sind eine. Die ausgeprägte, gelobte „Stallwärme“ der Gesellschaft in manchen Regionen, in die Fremde wenig passen, ist eine andere.

Aber darf der Gesamtstaat das vor dem Hintergrund der Herausforderung, die allen angesichts der wachsenden Fluchtbewegungen bevorsteht, als Entschuldigung akzeptieren? Überhaupt nicht.

Sachsens Landesregierung gehörte bei der nächsten Konferenz der Innenminister zusammengestaucht angesichts ihrer völligen Unfähigkeit oder ihres Unwillens, die Ausbrüche von Heidenau rechtzeitig in den Griff zu bekommen.

Vielleicht sollte man mal an die Lage 1989 erinnern

Die West-Schulminister müssten ihre Ost-Kollegen dringlich befragen, wie weit Offenheit gegenüber zuwandernden, hilflosen Flüchtlingen endlich Teil des Unterrichtskonzepts ist. Vielleicht hilft ein Nebensatz mit der Erinnerung an die Lage 1989 weiter, als die Trabi-Kolonnen westlich der Elbe herzlich begrüßt wurden, wie es der „Spiegel“ kürzlich in einem Brief an die „lieben vergesslichen Menschen aus Freital“ deutlich gemacht hat.

Und am Ende sollte es keinen Zweifel geben: Die Verteilung der ankommenden Asylbewerber auf Ost und West hat strikt nach der Einwohnerzahl zu erfolgen – auch, um sie menschenwürdig zu gestalten.

Letztlich wird eine schnelle Korrektur des Irrwegs gerade ostdeutschen Regionen gut tun. Denn nur die Zuwanderung ist ihre Zukunft. Alleine für die sich entwickelnden HighTech-Schmieden rund um Dresden brauchen sie Migranten, und die ausländischen Aspiranten zeigen seit Monaten eine beunruhigende Bewerbungs-Abstinenz. Kein Wunder: Sie haben Angst. Die tollsten Mathe-Noten der Republik an den lokalen Schulen allein sind kein Garant für ein gutes Leben.

 
 

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