Warum die DDR Probleme mit Rechtsextremisten verleugnete

Treffen von Ost-Berliner Neonazis vor dem ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen, Kreis Oranienburg 1990.
Treffen von Ost-Berliner Neonazis vor dem ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen, Kreis Oranienburg 1990.
Foto: ullstein bild
Stasi-Akten belegen: Es gab Rechtsextremismus jenseits der Mauer. Doch der Staat schaute weg. In der DDR wurden braune Umtriebe lange Zeit geleugnet. Der Antifaschismus war verordnet, sagt der Leiter der Stasi- Unterlagenbehörde im Interview. Die Morde des Terror-Trios aus Zwickau werfen ein neues Licht auf den Umgang der DDR mit Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit.

Berlin.. Als die Mauer fiel, waren sie Teenager: Die Täter der Zwickauer Terrorgruppe – aufgewachsen in einem Staat, der den Antifaschismus hoch hielt und Neonazis offiziell verleugnete. Mehr als 20 Jahre später werfen die Morde des Trios ein neues Licht auf den Umgang der DDR mit Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Julia Emmrich sprach mit dem Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, Roland Jahn.

Wie sichtbar war Rechtsextremismus in der DDR?

Roland Jahn: Neonazis sind in der DDR eher punktuell aufgetreten – etwa bei Fußballspielen oder am Rand von Konzerten. In den Stasi-Akten finden sich aber auch andere Fälle: In Wolgast hat die Staatssicherheit 1989 eine Gruppe festgenommen, die sich als SS-Truppe verstanden hat. Die haben sich mit SS-Dienstgraden angeredet und Hakenkreuz-Armbinden getragen.

Und im Alltag?

Roland Jahn: Fremdenfeindlichkeit gab es auch in der DDR. Das darf man nicht verleugnen. Ausländische Arbeitskräfte, etwa aus Vietnam oder Algerien, wurden vielfach angefeindet. Das war ein Denkmuster, das nach der Maueröffnung weiter wirkte. Als die ersten Türken und Italiener in die neuen Bundesländer kamen, Restaurants und Geschäfte eröffneten, ging es ihnen genauso.

Richteten sich die Attacken auch gegen Juden?

Jahn: Es gab auch Antisemitismus in der DDR. Sogar sichtbaren. Immer wieder wurden jüdische Friedhöfe geschändet.

Die Stasi hat die Rechten beobachtet. Wie groß war die Szene?

Jahn: Die Staatssicherheit spricht 1988 von zirka 1000 Skinheads. Die meisten gab es in Berlin und Umgebung.

Ist die Zahl realistisch?

Jahn: Das ist die Sichtweise der Staatssicherheit. Man muss da vorsichtig sein. Es gab keine freie soziologische Forschung in der DDR. Und die Staatssicherheit hat sich nicht wirklich für die Ursachen des Rechtsradikalismus interessiert. Die wenigen Studien, die es dazu gab, wurden geheim gehalten.

Neonazis passten nicht ins Bild. Die DDR sah sich als antifaschistischer Staat.

Jahn: Das war ein verordneter Antifaschismus. Kein in allen Bereichen gelebter.

Im Grunde gab es also im Osten dieselben rechten Strömungen wie im Westen?

Jahn: Ich will das nicht gegeneinander aufrechnen. Aber eins ist sicher: In der DDR gab es Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus. Ein unfreies System provoziert auch Gegenwehr. Nach dem Ende der DDR haben mir rechtsradikale Jugendliche gesagt, dass sie der Anpassung ihrer Eltern an das System etwas entgegensetzen wollten.

Hat also die Wende entfesselt, was zu DDR-Zeiten unterdrückt war?

Jahn: Die Freiheit der Meinungsäußerung hat etwas offengelegt, was bis dahin meist im Verborgenen war.

Gab es vor der Wende Kontakte zwischen ost- und westdeutschen Neonazis?

Jahn: Punktuell gab es Verbindungen. In den Stasi-Akten ist keine organisierte Zusammenarbeit dokumentiert.

Könnte man sagen: Die Ursachen für die Morde der Zwickauer Zelle reichen bis in die DDR-Zeit zurück?

Jahn: Da gibt es keine einfachen Wahrheiten. Da fließt vieles mit ein: die DDR-Vergangenheit, der persönliche Hintergrund und die Zeit des Umbruchs nach 1989. Die Täter des Zwickauer Trios waren damals 16, 14 und 12 Jahre alt. Ich weiß nicht, ob sie Kontakt zu Rechtsradikalen aus DDR-Zeiten hatten.

 
 

EURE FAVORITEN