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Warum der Weg zur Inklusion in NRW so lang und schwierig ist

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NRW setzt die UN-Behindertenrechtskonvention zwar um. Aber das Ziel der Gleichberechtigung aller Behinderten ist weit entfernt, und es gibt Widerstand

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„Inklusion“ ist ein sperriger Begriff. Viele schrecken vor ihm zurück und sprechen lieber vom „gemeinsamen Unterricht“. Das aber ist ein Missverständnis. Inklusion hat zwar auch etwas mit Schule zu tun. Es geht aber um viel mehr als um das Miteinander behinderter und nicht behinderter Schüler. Inklusion (vom lateinischen „includere“ = einschließen/einbeziehen) bedeutet, dass jeder das Recht hat, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Egal, ob er leicht, schwer oder gar nicht behindert ist. Egal, ob alt oder jung, Mann oder Frau.

Das Ziel liegt in weiter Ferne. Viele Unternehmen zahlen lieber eine „Ausgleichsabgabe“ und verzichten auf die Beschäftigung von Schwerbehinderten. Allein in Westfalen-Lippe leben mehr als 22.000 Menschen mit schweren Behinderungen, die Arbeit suchen. Von den Förderschülern mit geistigen Einschränkungen schaffen nur ein bis zwei Prozent den Sprung auf den regulären Arbeitsmarkt.

Behinderte wollen auch gefordert werden

Viele Behinderte haben kaum Freunde und Bezugspersonen außerhalb von Förderschulen, speziellen Werkstätten und ihrer Familie. Denn Behinderte werden hierzulande eher abgeschirmt. Um sie zu „schützen“ und um sie zu „fördern“. Matthias Löb, Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) findet diese Kultur des Abschirmens nicht richtig. „Behinderte Menschen wollen auch gefordert werden“, sagt Löb.

Wie wichtig das Thema Inklusion sei, könne jeder an sich selbst testen. Löb: „Wie oft trifft man im Alltag Menschen mit schweren Behinderungen? Wie reagiere ich, wenn ein psychisch Kranker mit mir im Bus fährt und vor sich hin murmelt? Kann ich einen Menschen mit Downsyndrom einfach ansprechen? 80 Prozent der Menschen wissen nicht, wie sie sich in diesen Situationen verhalten sollen. Das liegt daran, dass uns das Miteinander mit Menschen mit Behinderung abhanden gekommen ist. Früher waren behinderte Menschen in den Dörfern selbstverständlich mit dabei. Wir haben uns dann aber daran gewöhnt, dass sie durch Profis in Sonderwelten versorgt werden. Ein Ziel von Inklusion ist, den selbstverständlichen Umgang mit behinderten Menschen wiederzufinden.“

Nichtdiskriminierung, volle Teilhabe, Chancengleichheit, Respekt.

Deutschland hat 2007 die Behin­derten­recht­skon­ven­tion der UNO unterzeichnet. 2009 trat sie in Kraft. Die Staaten verpflichten sich, „den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte … durch alle Menschen mit Behinderungen zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten und die Achtung der ihnen innewohnenden Würde zu fördern“. Erstmals wird damit die Politik für behinderte Menschen auf die Grundlage der Menschenrechte gestellt. Zu den Prinzipien gehören die Nichtdiskriminierung, volle Teilhabe, Chancengleichheit, Respekt.

Weit fortgeschritten ist die Inklusion in NRW schon in den Kitas. „Etwa 90 Prozent der behinderten Kleinkinder besuchen einen Regel-Kindergarten“, sagte die Landes-Behindertenbeauftragte Elisabeth Veldhues dieser Zeitung. In den Regelschulen liegt der Anteil behinderter Kinder derzeit bei rund 34 Prozent, vor zehn Jahren waren es nur zehn Prozent. Veldhues lobt die Umsetzung der Inklusion an Rhein und Ruhr. NRW sei weiter als die meisten anderen Länder. „Inklusion“, sagt Veldhues, „ist eine Frage der Haltung“. Man muss sie wollen, man muss sie anstreben, sonst funktioniert sie nicht.

Lehrerverbände wie der VBE üben aber Kritik an der Umsetzung der Inklusion in den Schulen. „Das, was die UN-Behindertenrechtskonvention von den Schulen fordert, und das, was die Landesregierung ihnen zur Verfügung stellt, passt nicht überein­ander“, sagt VBE-Chef Udo Beckmann. „Es fehlen Sonderpädagogen, es mangelt an Fortbildungen, die Lerngruppen sind zu groß.“

Hintergrund: 2,6 Millionen Menschen in NRW haben eine Behinderung

In NRW leben rund 122.000 Schüler „mit sonder-pädagogischem Förderbedarf“. Von ihnen besuchen rund 80.000 eine Förderschule (66 Prozent) und 42 000 eine allgemeine Schule (34 Prozent). Im kommenden Schuljahr soll der Anteil behinderter Kinder an allgemeinen Schulen auf 39 Prozent steigen. In NRW leben rund 2,6 Millionen Behinderte. Das sind 15 Prozent der Bevölkerung. 853.000 Menschen in NRW gelten derzeit als schwerbehindert. Von ihnen sind rund 50 000 arbeitslos gemeldet.