Warum Bayerns Schüler immer besser sind als jene in NRW

Können bayerische Schüler mehr als ihre Altersgenossen in NRW? Ist ein Abi in München „mehr wert“ als eines in Köln oder Dortmund? Ein Schulvergleich fällt nicht selten zugunsten des Freistaats aus.
Können bayerische Schüler mehr als ihre Altersgenossen in NRW? Ist ein Abi in München „mehr wert“ als eines in Köln oder Dortmund? Ein Schulvergleich fällt nicht selten zugunsten des Freistaats aus.
Foto: WAZ
Wann immer die Leistungen von Schülern in NRW und Bayern verglichen wurden, lag Bayern vorn. Bayern verzeichnet weniger Absteiger und gibt viel mehr Geld für Schulen und Schüler aus. Nur beim Ganztag und bei der Zahl der Schüler, die die Hochschulreife erreichen, kann NRW punkten.

Essen.. „Mir san mir“ ist so ein satter bajuwarischer Spruch. Bayern sind eine Klasse für sich. Extraklasse, sozusagen. Die Nummer eins. Im Fußball und auf anderen Feldern. Schon zu Franz-Josef Strauß’ Zeiten wurde im Freistaat zünftig über das „NRW-Abitur“ gelästert. Gesamtschulen sind in Bayern noch immer so selten wie Gamsbartträger in Gelsenkirchen. Bayern und NRW gehen schulpolitisch getrennte Wege. „Der bayerische Weg ist in Deutschland einzigartig“, schwärmt Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). Stützen die Fakten sein Selbstbewusstsein?

Wann immer die Leistungen von Schülern in Bayern und NRW verglichen wurden, lag Bayern vorn: Viertklässler konnten besser rechnen, lesen und schreiben. Neuntklässler waren spitze in Mathe, Naturwissenschaften, Deutsch, Englisch und Französisch. Drei Bundesländer-Vergleichstests gab es seit 2009, und NRW war bestenfalls Mittelmaß. „Bayern liegt in allen wesentlichen Bereichen auf Spitzenplätzen“, lobt Werner Wiater, Schulpädagoge an der Uni Augsburg.

Bayerns Lehrer verdienen besser

Sein Kollege (und Rivale) Klaus Klemm, Bildungswissenschaftler aus Essen, will das nicht so stehen lassen. „Dass es Bayern besser macht, ist wissenschaftlich nicht zu belegen“, meint er. „Wenige Fächer wurden getestet und wenige Jahrgänge. Wir haben also keine Ahnung, wie Kinder aus den zweiten, sechsten oder achten Klassen abschneiden. Und wir wissen nichts über die Leistungen zum Beispiel in Geschichte, Latein, Kunst, Musik.“ Aber Klemm gibt zu: „Dort, wo Leistung gemessen wurde, sind die Bayern deutlich besser.“

Ganz eindeutig geht der Vergleich aus, wenn es ums Geld geht. Da kann das arme NRW keinen Blumentopf gewinnen. Bayern gibt viel mehr Geld für Schüler, für Lehrer und Unsummen für moderne Schulgebäude aus – 20 Prozent mehr pro Schüler und Jahr. „Besonders viel fließt in die Grundschulen. Aber auch in Sozialarbeit, Sprachförderung, in die Zusammenarbeit mit Jugendämtern und Arbeitgebern. Bayern fördert gute und schwache Schüler mehr als andere Länder“, so Werner Wiater. Übrigens: Lehrer verdienen in Bayern mehr. Bis zu 4000 Euro im Jahr. Das Leben ist aber mancherorts auch teurer als in NRW.

In bayerischen Klassen sitzen im Schnitt zwei Schüler weniger als in NRW. Unterrichtsausfall ist in Bayern kein großes Thema. In NRW schon, aber hier will das Land gar nicht erst prüfen lassen, wie viel Unterricht ausfällt. Zu teuer, zu viel Aufwand, heißt es. Über G8, also die verkürzte Schulzeit an Gymnasien, wird in beiden Ländern gestritten, in Bayern sogar noch viel heftiger.

Im ideologischen Urwald

Mittelschule (so heißt die Hauptschule in Bayern), Realschule, Gymnasium – so überschaubar ist das in Bayern, ausgeschmückt mit diversen Berufsober- und Fachoberschulen. „Sind diese drei klaren Wege nicht besser?“, fragt Professor Wiater. Aber seine Frage führt mitten hinein in den ideologischen Urwald. Halten wir uns lieber an die Fakten.

In Bayern ist der schulische Aufstieg – zum Beispiel von der Realschule ins Gymnasium – leichter als in anderen Ländern. Wer hätte das gedacht! Während die Gruppe der Auf- und der Absteiger zwischen Würzburg und Oberstdorf in etwa gleich groß ist, kommen in NRW auf einen Aufsteiger fast sechs Absteiger. Mehr als vier Prozent der Schüler in der Sekundarstufe 1 wechselten 2011 in Bayern die Schulform. In NRW nur 1,8 Prozent. Der Aufstieg hat in Bayern aber einen Preis: Etwa jeder Zweite bezahlt ihn mit einer Klassenwiederholung, gibt die Bochumer Bildungsforscherin Gabriele Bellenberg zu bedenken.

Ihr Kollege Wiater aus Augsburg spielt noch einen Trumpf für den Freistaat aus: „Bayern ist dem Ziel ,Kein Abschluss ohne Anschluss’ verpflichtet. Jeder hat eine Chance, seine Qualifizierung zu verbessern, zum Beispiel in einer Berufsoberschule. Und es gibt viele Wege, die zum Abitur führen. So haben an der Uni Augsburg 44 Prozent der Studierenden nicht den Weg über das gymnasiale Abitur genommen.“

In der Grundschule wird gesiebt

Junge Bayern mit Mittelschulabschluss (also Hauptschule) finden viel leichter einen Ausbildungsplatz als Hauptschüler in NRW. Der Einwand: Kunststück in einem Land mit annähernd Vollbeschäftigung.

Vergleichsweise hart ist die Grundschulzeit in Bayern. Denn dort wird fleißig gesiebt. Ein geforderter Notenschnitt von 2,66 (für die Realschule) und 2,33 (für das Gymnasium) stresst Kinder und Eltern. Dennoch schaffen viele Schüler (40 Prozent) den ersehnten Sprung aufs Gymnasium. Klaus Klemm nennt zwei mögliche Erklärungen: „Entweder ist das Leistungsniveau dort tatsächlich sehr hoch. Oder die Lehrer neigen dazu, gute Noten zu geben, um den Kindern nicht die Chancen zu nehmen.“

Und wo schneidet NRW besser ab?

Erstens beim Ganztag. Der steckt in Bayern noch in seinen Anfängen fest.

Zweitens punktet Nordrhein-Westfalen bei der sozialen Gerechtigkeit. Laut dem letztjährigen „Chancenspiegel“ der Bertelsmann-Stiftung, erstellt von dem Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos, ist die Chance für Arbeiterkinder in Bayern, aufs Gymnasium zu kommen, minimal. Besser gesagt: noch kleiner als in Nordrhein-Westfalen.

Zudem führt NRW, dritter Pluspunkt gegenüber dem Freistaat, viel mehr Kinder eines Jahrgangs zur Hochschulreife. Das bedeutet für diese Kinder: größere Chancen auf Studium, auf gute Jobs und ein höheres Einkommen. Für die zunehmende Gier der Wirtschaft nach Fachkräften ist NRW ein gutes Pflaster. Mindestens so gut wie Bayern – und durchaus „Mir san mir“-tauglich.

 

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