Wappnen für den Wahlkampf im Web 2.0

Essen. Ohne das Internet hätte Barack Obama die US-Wahl wohl nicht gewonnen. Deutsche Parteien dagegen hinken beim Wahlkampf im Web 2.0 noch deutlich hinterher, sagt der Polit-Blogger Markus Beckedahl. Und selbst der Nachwuchs macht den Mutter-Parteien noch selten etwas vor.

Am Anfang stand eine Vermutung, erzählt der Polit-Blogger und Netz-Experte Markus Beckedahl: Deutsche Politik im Web 2.0 - da passiert nicht viel. Es gab nur kaum belastbare Zahlen, also machte sich Beckedahl mit Falk Lüke und Sebastian Hirsch an eine Studie zum Thema. "Das Ergebnis fiel so schlecht aus, wie wir uns gedacht hatten", sagt Beckedahl.

Die erste Studie legten die Verfasser im Juni dieses Jahres vor, vor kurzem haben sie sie erstmals aktualisiert. Erste Erkenntnis des Updates: "Die Aktivitäten der deutschen Parteien und Spitzenpolitiker im Social Web nehmen langsam zu." Von einem "breiten, organisierten Onlinewahlkampf" könne aber nach wie vor keine Rede sein, meinen die Autoren. "Viel hat sich nicht geändert", sagt Beckedahl im Gespräch nach Version 2.0.

Was Beck im Internet macht

Und das nach Obama, der dank des Netzes erst Hillary Clinton und dann John McCain niederrang, der Zehntausende Freunde bei Facebook um sich scharte, der sich noch am Wahltag für Flickr fotografieren ließ.

Rückblende in die Deutsche Politik: "Was macht ein Politiker wie Kurt Beck im Internet?", fragten die Autoren der Studie im Juni: "Die Antwort wird wenige überraschen: eigentlich nichts." Wenig später sollte Beck auch im realen Leben keine neuen Freunde mehr gewinnen.

Eine Analogie: Von Franziska Drohsel, der Vorsitzenden der SPD-Jugendorganisation Jusos, gebe es derzeit "keine Website, kein Profil, kein Weblog", sagt Beckedahl: Jenseits von jusos.de existiere sie im Netz praktisch nicht, konstatiert der Polit-Blogger: "Da werden viele Chancen verspielt."

Es sind Aufgabestellungen für Parteistrategen auch und gerade der Nachwuchsorganisationen: Wie wollen sie junge Menschen erreichen, wo treffen, wie Angebote schaffen, wie Kontakte herstellen? Die schwierigste Gratwanderung ist: Wie bleiben sie authentisch und wie schaffen sie es gleichzeitig, die eigenen politischen Inhalte zu vermitteln?

Umtriebige Junge Liberale

Die Jungen Liberalen sind recht umtriebig: Auf Flickr haben sie eigene Bilder und Impressionen von der US-Wahl ins Netz gestellt, sie sind bei YouTube dabei, sie grübeln noch über Twitter. Das aktuelle Motto des MySpace-Profils lautet "Für die Freiheit" - allerdings liegt der letzte Login schon ein ganzes Weilchen zurück, erst vier "Freunde" hat Benutzer "JuLis" an seiner Seite.

Im Moment ist es mehr das Sichern eines Accounts als das Pflegen eines Profils. Aber es kann ja noch werden: "Mit MySpace haben wir etwas ganz besonderes vor", kündigt Julis-Pressesprecher Nils C. Droste an, will mehr aber noch nicht verraten.

Das Engagement der Parteien im Netz müsse "einen Mehrwert für den Nutzer" haben, glaubt Droste. An entsprechenden Konzepten, etwa auch für Blogs im Vorfeld der Bundestagswahl 2009, werde intensiv gearbeitet. Eine Agentur hilft dabei.

Auch die Grüne Jugend setzt darauf, ihre "Aktivität im Netz in den nächsten Monaten weiterhin ausbauen" zu können. Die Nachwuchsorganisation verwaltet ein eigenes Wiki, schon seit einiger Zeit wird getwittert - von Grüßen nach Gorleben bis zu Ergebnissen von Sprecherwahlen. "Es wird sich weiter entwickeln", glauben die Jung-Grünen: "mehr twittern, mehr soziale Netzwerke".

Es muss sich auch weiter entwickeln. Im Blog der Grünen Jugend stammt der letzte Beitrag von Anfang September. [Aktualisierung: Dabei soll es sich um den letzten (sichtbaren), nicht aber um den aktuellsten Beitrag handeln: Nach Angaben der Grünen Jugend im Anschluss an diesen Bericht sind aus Versehen auf einen Schlag alle Beiträge der letzten zwei Monate gelöscht worden. In Kürze sollen sie wieder zu sehen sein. - 18.11.2008, sk]

Kein Guerilla-Marketing

Die Junge Union ist erst vor ein paar Tagen auf den Twitter-Zug aufgesprungen. "Ein bisschen rumspielen" rund um den Deutschland-Tag, sagen die Web-Verantwortlichen. Vage sind die Überlegungen für die kommenden Monate derzeit auch dort: kein Guerilla-Marketing, es darf nicht zu gewollt wirken, die eigenen Unterstützer soll es mobilisieren, zur Imagebildung beitragen, neue Interessenten locken. Klar nur: "Das mit der Interaktion - das wächst hier alles."

Pläne, Überlegungen - Stand der Dinge derzeit auch bei den Jusos. Als denkbar gilt hier schon, dass die Vorsitzende Drohsel während Wahlkampfreisen twittert, so wie es Hubertus Heil von der "großen" SPD schon während des US-Wahlkampfs getan hat.

2009 jedenfalls werde ein Schwerpunkt der Jusos auf dem Online-Wahlkampf liegen, lässt die Zentrale verlauten. Noch laufe aber die "Planungsphase", betont Juso-Sprecherin Daniela Augenstein. Die Jusos bleiben online nicht allein, Junge Union, Grüne Jugend, Junge Liberale - "alle werden in die Offensive gehen", glaubt Augenstein.

Es gibt leichtere Unterfangen als den Online-Wahlkampf in Deutschland jenseits "herkömmlicher" Methoden wie Newsletter. Da gibt es personelle Besonderheiten, erläutert Polit-Blogger Beckedahl: "Obama ist einfach charismatischer als deutsche Politiker - mit Kurt Beck können Sie kein cooles Video machen." Nun ist der mehr oder weniger Geschichte - aber schauen sich junge Menschen ein Filmchen an, in dem die Kanzlerin die Finanzkrise erklärt? "Da ist Fernsehen spannender", antwortet Beckedahl. Es gibt außerdem parteipolitische Besonderheiten, meint der Polit-Blogger: "Es gibt in Deutschland noch immer eine Top-Down-Mentalität für Kampagnenführung." Die Parteiführung plant die Plakate und schickt sie raus zum Verteilen. Und es gibt schließlich eine strukturelle Besonderheit: "Die Deutschen sind sehr konservativ eingestellt, was die Internetnutzung betrifft. In anderen Ländern ist der Medienwandel viel weiter fortgeschritten."

Das Netz als Sozialraum

Während SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier beginnt, "seinen" Freundeskreis bei Facebook zu mehren, treten gerade die Jugendorganisationen der Parteien (noch) auf der Stelle, auch wenn das Netz als Sozialraum für sie an Bedeutung gewinnt: Die Zahl der Juso- oder Junge Union-Gruppen und ihrer Mitglieder bei Netzwerken wie StudiVZ steigt stetig.

Auch die kleineren Parteien stehen dem nicht nach. Was aber den originellen politischen Dialog mit Mitgliedern und vor allem potentiellen Interessenten betrifft, sehen die Studien-Autoren derzeit schwarz: "Als widerlegt scheint nunmehr gelten zu können, dass die ,Jungen' den ,Alten' vormachen würden, wie Politik online funktioniert: die Jugendorganisationen [...] enttäuschen alles in allem."

Zumindest Beckedahl wäre nicht enttäuscht, wenn sich das bald ändern würde. Teil eins seiner Studien endete fast mahnend: "Wer im Internet inaktiv bleibt, wird dort auch nichts gewinnen." Bleibt nur die Frage, was es zu verlieren gibt.

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