Von Dortmund in die Hölle

Deportation von Juden ins Konzentrationslager nach Polen
Deportation von Juden ins Konzentrationslager nach Polen
Foto: WR
Lange Zeit war nur wenig über Deportationen aus Westfalen in Konzentrationslager bekannt. Jetzt haben mehrere Autoren gemeinsam mit dem Historiker Ralf Piorr in dem Buch „Ohne Rückkehr“ den Leidensweg dieser westfälischen Juden erforscht.

Dortmund.. „Unbekannt verzogen“. Dieser bürokratische Vermerk ist alles, was von vielen der fast 800 Juden blieb, die am 30. April 1942, vor genau 70 Jahren, aus dem Regierungsbezirk Arnsberg zusammengetrieben und dann von Dortmund aus ins Ghetto in der polnischen Stadt Zamosc, dem späteren „Himmlerstadt“, deportiert wurden. Eine Reise ohne Wiederkehr.

Lange Zeit war nur wenig über diese Transporte bekannt. Jetzt haben mehrere Autoren gemeinsam mit dem Historiker Ralf Piorr in dem Buch „Ohne Rückkehr“ den Leidensweg dieser westfälischen Juden erforscht. Die Nazis hatten bei ihrer „Endlösung“ so gründlich gearbeitet, dass kaum Spuren zurückblieben. Nach dem Krieg wurden Akten über die Deportation systematisch vernichtet. Als wahrer Glücksfall entpuppte sich ein Dachbodenfund aus Niedermarsberg. Eine einzigartige Sammlung von Briefen aus Zamosc, die den Alltag in dem Ghetto beschreiben, konnte erstmals ausgewertet werden.

Tatkräftige Hilfe

Am 25. März 1942 kündigte die Gestapo-Stelle Dortmund den Verantwortlichen der Städte und Kreise des Regierungsbezirkes die anstehende Deportation an. „In Kürze werden weitere Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg in das Generalgouvernement abgeschoben“, hieß es in dem offiziellen Anschreiben knapp. Mit diesem Schreiben nahm das Schicksal für die westfälischen Juden seinen Lauf.

Durch die eifrige Unterstützung der Verantwortlichen in den Kommunen lief die Vorbereitung der Deportation offenbar ohne größere Zwischenfälle. Ein Beispiel: Der Amtsbürgermeister des sauerländischen Örtchens Hallenberg fügte der Gestapo-Liste gleich noch einige Namen hinzu, damit der Ort endlich gänzlich „judenfrei“ sei. Doch auch anderswo wurde die Deportation nicht hinterfragt sondern dienstbeflissen ausgeführt.

Wie von der Gestapo gefordert, fanden sich die Juden zwischen dem 27. und dem 30. April 1942 in Dortmund ein. Als Sammellager wurde die Turnhalle des Sportvereins Eintracht Dortmund (heute etwa der Sitz der Continenatl-Versicherung) genutzt.

Trotz der erlebten Vertreibung, Enteignung und Gewalt haben viele der Zusammengepferchten immer noch die Hoffnung, sie würden lediglich in den Osten abgeschoben. Das ändert sich schon bald. Am 30. April 1942, einem Donnerstag, treten die 800 jüdischen Bürger unter Bewachung der Gestapo ihren letzten Gang auf heimatlichem Boden an. Ihr Weg führt vom Eintracht-Gelände zum Südbahnhof am Heiligen Weg. Dort steht ein Zug der Reichsbahn bereit, der die Gefangenen nach einer 65-stündigen Fahrt ins polnische Zamosc bringen soll. Für die Entrichtung des Fahrpreises gewährte die Reichsbahn (Nachfolger: Deutsche Bundesbahn) einen Gruppentarif. Die Deportierten mussten also ihre Deportation in den Tod selbst bezahlen.

Die Westfalen sahen Zamosc zunächst nur als eine Art Durchgangsstation an. „Besonders die Juden aus Deutschland, aus Dortmund, waren guten Mutes und voller Optimismus. Überzeugt, dass sie als Pioniere nach Osten zur Arbeit gingen, hatten die meisten sogar Arbeitsanzüge und Werkzeug sowie Musikinstrumente dabei“, berichtet ein Augenzeuge.

Andere schreiben Briefe nach Hause, in denen sie versuchten, ihre Familien zu beruhigen. Dort sind Sätze zu lesen, wie: „Wir haben alle die Zuversicht, dass wir bald wieder bei Euch sind!“ Ein fataler Trugschluss. In Wahrheit befanden sich die Westfalen bereits im Vorhof zu Hölle.

Von Zamosc aus gab es zwar viele Wege, aber alle führten nur in den Tod. Wahlweise durch Massenexekutionen oder in den Gaskammern der nationalsozialistischen Vernichtungslager in Belzec, Sobibor oder Treblinka. Vorher wurden die arbeitsfähigen Menschen zur Zwangsarbeit missbraucht. Kaum einer der westfälischen Juden dürfte den Neujahrstag 1943 erlebt haben. „Zu diesem Zeitpunkt hatte man in Auschwitz größere Chancen zu überleben, als in Zamosc“, so Historiker Ralf Piorr.

Die Jahre 1942 und 1943 galten als die mörderischsten in der Phase der „Endlösung“, der fabrikmäßig organisierte Massenmord erreichte hier seinen Höhepunkt. Grundlage waren die Beschlüsse der „Wannsee Konferenz“, die vorsahen, alle Juden zu deportieren und zu ermorden.

Und die Täter? Von den lokalen Helfern, etwa der Gestapo, Mitarbeiter verschiedener städtischer Ämter, Banken oder der Reichsbahn, wurde niemand zur Verantwortung gezogen. Auch wenn die grausamen Beschlüsse in Berlin getroffen wurden, ohne die tatkräftige Unterstützung vieler Menschen in Dortmund, Altena, Brilon, Schwerte, Hagen Lüdenscheid, Siegen und den anderen Kommunen im Regierungsbezirk hätte die Deportation der Juden kaum durchgeführt werden können. Und die Deportation war schließlich eine wichtige Voraussetzung für den systematischen Massenmord.

Viele Städte haben dieses finstere Kapitel ihrer Geschichte teilweise aufgearbeitet. Stolpersteine oder Denkmäler erinnern an die Deportationen. Aber die eigene Mittäterschaft wird bis heute oftmals hinter der Formulierung, die Deportierten seien nur „unbekannt verzogen“, verdrängt.

 
 

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