Viele Migranten wollen als Deutsche akzeptiert werden

Die „neuen Deutschen“ definieren sich über das Land, in dem sie leben: Deutschland. Ein buntes Land.
Die „neuen Deutschen“ definieren sich über das Land, in dem sie leben: Deutschland. Ein buntes Land.
Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Auch sie sind das Volk - und doch gelten sie oft als Fremde: Viele Migranten wollen endlich als das gesehen werden, was sie sind: Deutsche.

Essen.. Dichte dunkle Locken, tiefbraune Augen – immer wieder hört die junge Frau diese Frage: Wo kommen Sie her? Sie antwortet: aus Duisburg. Und ihre Eltern?, folgt meist die nächste Frage. Sie: Auch aus Duisburg! Wann hört ein Migrationshintergrund auf? Ab wann ist man „richtige“ Deutsche und nicht länger eine Frau, deren familiäre Wurzeln in der Türkei liegen? Nach einer Generation, nach zweien – oder nie? Die „neuen Deutschen“ wollen sich solche Fragen nicht mehr stellen lassen, sie wollen weg von der ethnischen Zuordnung und als das gesehen werden, was sie sind und wie sie sich fühlen: als Deutsche.

Bundesweit haben sich in den vergangenen Jahren, vor allem nach der Sarrazin-Debatte, zahlreiche Initiativen von Menschen gegründet, dies sich nicht mehr als Migranten bezeichnen lassen wollen. Sie heißen „Deutsch Plus“, „Jugendliche ohne Grenzen“, „Juma“ (Jung, muslimisch, aktiv), „Buntesrepublik“, „Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland“, „Neue Deutsche Medienmacher“ oder auch „Deutscher Soldat“, eine Zusammenschluss von Bundeswehrsoldaten mit Migrationshintergrund. So verschieden sie sind, einig sind sie sich in ihrer Botschaft: Wir gehören dazu und wollen mitreden. Diese Gruppen haben nichts gemein mit den klassischen Ausländer- oder Heimatvereinen, sie definieren sich nicht über das Land ihrer Ahnen, sondern über das Land, in dem sie heute leben. Um sichtbarer zu werden, gründeten sie im Februar 2015 die Dachorganisation „Neue Deutsche Organisationen“ (NDO).

16 Millionen Menschen kommen aus einem anderen Land

NRW ist das erste Bundesland, das den politischen Dialog mit diesen bunten Gruppen sucht: Am 16. November bittet Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) Dutzende dieser Initiativen zum Gespräch in die Berliner Landesvertretung. Im Frühjahr soll ein zweites Treffen in Düsseldorf stattfinden. „Die Neuen Deutschen Organisationen machen uns darauf aufmerksam, dass Begrifflichkeiten wie Migrationshintergrund mit der gesellschaftlichen Realität nicht mehr Schritt halten. In unserer Einwanderungsgesellschaft soll jeder Mensch ein selbstverständlicher Teil sein“, so Löhrmann gegenüber dieser Zeitung.

In Deutschland leben mehr als 16 Millionen Menschen, die aus einem anderen Land kommen oder deren Eltern oder Großeltern eingewandert sind. Etwa ein Drittel von ihnen kam hier zur Welt. Trotzdem fühlen sie sich oft ausgegrenzt, anders behandelt, in eine Sonderrolle gedrängt. „Auch wir sind das Volk. Wir sind da, und wir wollen mitentscheiden“, sagt stellvertretend für viele Farhad Dilmaghani von der Initiative „Deutsch plus“. An die Stelle einer aus ihrer Sicht verfehlten Integrationspolitik, die sich auf Migranten und ihre Nachkommen konzentriert, müsse eine Gesellschafts- und Teilhabepolitik treten, die sich an alle richtet, lautet eine Kernforderung der Neuen Deutschen Organisationen. Als fortwährende Kränkung empfinden sie es etwa, dass Diskussionen über Rechtsextremismus oder Pegida meist ohne Beteiligung der Angefeindeten abliefen. Debatten über Diskriminierung und Einwanderung „können nicht ohne uns stattfinden“, fordern die NDO.

Die unvermeidbare Frage,ob der Islam zu Deutschland gehört

Die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre, finden sie abwegig. „Fakt ist, die Religionsfreiheit gehört zu Deutschland und damit das Recht der Muslime und aller Religionsgruppen, ihren Glauben zu leben“, sagt Leila Younes El-Amaire von „Juma“.

Ihr Anliegen und ihre Ansprüche wollen die NDO nicht mit der aktuellen Flüchtlingsproblematik vermengt sehen. „Aber wir sind womöglich eine Art Wegbereiter für die Integrationsprobleme der Flüchtlinge. Die Frage ist doch, wie wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen können“, sagt Breschkai Ferhad, Leiterin der Koordinierungsstelle der NDO. „Wir stehen ganz am Anfang, vieles ist erst im Aufbau“, weiß Ferhad. Es könne daher noch eine Zeit dauern, bis sich diese Frage nicht mehr stellt: Wo kommen Sie her?

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