Viele Lehrer werden beschimpft oder sogar geschlagen

Matthias Korfmann
Die Aggressivität gegenüber Lehrern nimmt zu, beklagt der Lehrerverband VBE. Jeder vierte Lehrer sei von Schülern schon massiv beschimpft oder belästigt worden, ergab eine Umfrage.
Die Aggressivität gegenüber Lehrern nimmt zu, beklagt der Lehrerverband VBE. Jeder vierte Lehrer sei von Schülern schon massiv beschimpft oder belästigt worden, ergab eine Umfrage.
Foto: Patrick Pleul/dpa
Beleidigungen und körperliche Angriffe gehören für viele Lehrer zum Arbeitsalltag. Jeder vierte Lehrer in NRW ist schon beschimpft oder bedoht worden.

Düsseldorf.  Etwa jeder vierte Lehrer in Nordrhein-Westfalen ist schon von Schülern oder Eltern massiv beschimpft oder belästigt worden. Acht Prozent der in einer Forsa-Studie befragten Pädagogen sagten, sie seien sogar tätlich angegriffen worden.

Etwa jeder vierte Lehrer in Nordrhein-Westfalen ist schon von Schülern oder Eltern massiv beschimpft oder belästigt worden. Acht Prozent der in einer Forsa-Studie befragten Pädagogen sagten, sie seien sogar tätlich angegriffen worden.

Hochgerechnet auf die gesamte Lehrerschaft bedeutet dies: Fast 14.500 Lehrerinnen und Lehrer in NRW haben körperliche Gewalt gegen sich erlebt. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE), der die Umfrage in Auftrag gegeben hatte, forderte mehr Unterstützung für die Betroffenen durch Schulleitungen, Schulträger und Politik. Gewalt gegen Lehrer werde zu häufig kleingeredet.

Lehrer an Haupt-, Gesamt- und Förderschulen besonders gefährdet

„Es ist skandalös, so zu tun, als sei es ein Bestandteil des Berufes, sich beleidigen, belästigen und körperlich angreifen zu lassen“, sagte VBE-Chef Udo Beckmann am Montag im Landtag. An Haupt-, Gesamt- und Förderschulen seien Lehrer besonders gefährdet.

Auffällig ist, dass NRW in dieser Gewaltstatistik schlechter abschneidet als andere Länder. Bundesweit berichten sechs Prozent der Befragten von tätlichen Angriffen, in Bayern und Baden-Württemberg sind es vier Prozent. Gründe für das schlechte Abschneiden von NRW liefert die Studie nicht. Der VBE vermutet einen Zusammenhang mit den großstädtischen Strukturen im bevölkerungsreichten Bundesland.

Viele Angriffe werden offenbar verschwiegen

Gewalt gegen Lehrkräfte ist aus Sicht des Pädagogenverbandes immer noch ein Tabuthema. Allzu oft würden Angriffe verschwiegen oder als Einzelfälle abgetan. Während zum Beispiel Angestellte in Jobcentern, Polizisten und andere Mitarbeiter im öffentlichen Dienst mit der uneingeschränkten Rückendeckung ihrer Arbeitgeber rechnen könnten, seien Lehrer nach Angriffen meist auf sich allein gestellt. Das Problem werde zur Privatsache des Opfers.

15 Prozent gaben an, nach einem körperlichen Angriff durch Schüler gar nichts unternommen zu haben. Erfolgte die körperliche Gewalt durch Eltern, gaben sogar 35 Prozent der Betroffenen an, den Vorfall nicht gemeldet zu haben.

VBE fordert öffentliche Statistik über Übergriffe

Der VBE sieht die Politik in der Pflicht, gegen die „immer stärker werdende Aggressivität“ vorzugehen. Übergriffe aller Art gegen Lehrer müssten künftig verpflichtend gemeldet und die Statistiken regelmäßig veröffentlicht werden. „Die Kultusministerien müssen sich daran messen lassen, ob die Zahlen in fünf Jahren kleiner sind als heute“, so Beckmann. Die Opposition forderte NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) auf, sich schützend vor die Lehrer zu stellen.

Für die Untersuchung wurden bundesweit insgesamt 1951 Lehrer, darunter 500 in NRW, an allgemeinbildenden Schulen befragt.

Studie zeigt: Gewalt gegen Lehrer weit verbreitet 

Bis in die 1960er-Jahre hinein konnten Lehrer ihre Schüler körperlich züchtigen, und manche „Pädagogen“ machten von diesem Recht ausgiebig Gebrauch. Inzwischen müssen sich die Lehrer eher vor ihren Schülern oder auch deren Eltern fürchten.

Es kommt offenbar häufig vor, dass Kinder ihre Lehrer mit übelsten Beleidigungen konfrontieren. Im Internet oder auch direkt – von Angesicht zu Angesicht. Etwa 14 500 Pädagogen in NRW sind sogar schon einmal oder mehrmals mit Fäusten attackiert, getreten oder mit Gegenständen beworfen worden.

Lehrer sind keine Kampfsportler

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) hat sich mit dem „Tabuthema“ Gewalt gegen Lehrer beschäftigt und eine repräsentative bundesweite Umfrage in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse sind erschreckend. So sagten zum Beispiel 38 Prozent der befragten Lehrkräfte an Förderschulen, sie hätten bereits persönlich körperliche Übergriffe erlebt. An Grundschulen sind es zwölf Prozent.

VBE-Chef Udo Beckmann nannte drei Beispiele aus Nordrhein-Westfalen. Eine Grundschullehrerin wurde von Eltern in sozialen Medien unter Druck gesetzt, nur aus dem Grund, weil sie die Kinder in eine Moschee mitgenommen hatte. Laut dem VBE stellte sich die Schulaufsicht nicht schützend vor die Lehrerin.

Lehrerin als „Schlampe“ beschimpft

In einem anderen Fall wurde eine junge Lehrerin in einer WhatsApp-Gruppe von Eltern als „Hure“ und „Schlampe“ bezeichnet. Die Schule habe sich geweigert, Maßnahmen dagegen einzuleiten. Erst ein Rechtsberater der Gewerkschaft habe der Pädagogin geholfen.

Fall drei betrifft einen Rektor, der angeblich einen Schüler verletzt hatte. Später stelle sich heraus, dass sich das Kind die Verletzungen bei einem Streit mit anderen Jugendlichen zugezogen hatte. Mitschüler hatten wider besseres Wissen den Rektor mitbeschuldigt. Die Schulaufsicht habe auch diesen Fall nicht ernst genommen.

Immer wieder würden solche Probleme an Schulen „kleingeredet“, ärgert sich Beckmann. Das gehöre halt zu diesem Job, sei eine weit verbreitete Ansicht. „Aber außer professionellen Kampfsportlern ist mir keine Personengruppe bekannt, zu ,deren Job es gehört’, sich psychisch und physisch angreifen zu lassen“, sagte der VBE-Bundesvorsitzende gestern im Landtag. Mehr als die Hälfte der Befragten erwarten mehr Unterstützung durch die Landesregierung, wenn es um Gewalt gegen Lehrer geht. Etwa jeder Zweite vermisst Rückendeckung von der Schulverwaltung.

Cybermobbing nimmt zu

Fast 80 Prozent der befragten Lehrer sagen, dass das Cybermobbing, also die Belästigung übers Internet, deutlich zunehme. Fast jede vierte befragte Lehrkraft in NRW gab an, dass es Fälle von Cybermobbing gegen Lehrer an der eigenen Schule gab. Die Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen müsse dringend verbessert werden, um den Schülern ein Unrechtsbewusstsein für Cybermobbing zu vermitteln, so der VBE.

Der Verband vermutet die Gründe für die zunehmende Aggression gegen Lehrer in einer allgemeinen „Verrohung der Gesellschaft“. Autoritäten würden nicht mehr anerkannt, der Respekt vor dem Anderen nehme ab. Das sei ein gesamtdeutsches Phänomen.

Der Bayerische Lehrerverband BLLV hatte Anfang September ein Manifest gegen diese Verrohung veröffentlicht. Auf den Schulhöfen verbreite sich eine aggressive, hasserfüllte Sprache. Unter Schülern sei Aggressivität gegen Andersdenkende und Ausländer weit verbreitet, sogar in den Grundschulen. Verbandspräsident Josef Kraus sagte: „Sie hören heute schon von Acht- oder Neunjährigen Begriffe wie Hure, Spasti oder Asylant.“