US-Soldaten in Afghanistan - Tod und Hass am Hindukusch

Ein afghanischer Soldat an einem Militärstützpunkt. Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten in einem Dorf haben die radikalislamischen Taliban mit Vergeltung gedroht.
Ein afghanischer Soldat an einem Militärstützpunkt. Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten in einem Dorf haben die radikalislamischen Taliban mit Vergeltung gedroht.
Foto: dapd
Am Sonntag soll ein US-Soldat in den nebeneinander liegenden Dörfern Balandi und Alkozai, im Süden Afghanistans, wahllos 16 Zivilisten erschossen haben. Unter den Opfern sind auch kleine Kinder und Frauen. Das wird Folgen haben. Die Super-Macht Amerika verliert in der Schlussphase das Heft des Handelns aus der Hand. Ein Kommentar.

Kandahar.. Was einen 38-jährigen Vater zweier Kinder dazu bewegt, in Uniform in einem einsamen Amoklauf 16 Menschen, darunter neun Kinder, auf ihren Schlafmatten zu erschießen, die Leichen anschließend in Brand zu setzen und sich danach seinen Vorgesetzten zu stellen, kann unversehrter Menschenverstand nicht erfassen. Wenn es sich denn wirklich so abgespielt haben sollte.

Zweifel sind berechtigt. Unerkannt allein nachts bewaffnet aus einem amerikanischen Hochsicherheits-Camp in der brandgefährlichen Provinz Kandahar zu entwischen, diese Version klingt wie ein Ding der Unmöglichkeit. Jeder Erklärungsversuch versagt gleichwohl vor der Abscheulichkeit der Tat. Dass es ein erfahrener amerikanischer Soldat gewesen sein soll, dem in Afghanistan die Aufgabe zukam, vertrauensbildend und stabilisierend in die misstrauische einheimische Bevölkerung hinein zu wirken, legt den Blick auf den Wahnsinn frei, der sich – nach Leichenschändungen, Koran-Verbrennungen und vielen tödlichen Kollateralschäden bei der Jagd nach Aufständischen – in den vergangenen Monaten nicht nur subjektiv beschleunigt hat.

Keine tragischen Einzelfälle mehr

Es sind keine tragischen Einzelfälle mehr, die symptomatisch für das Chaos am Hindukusch stehen. Zehn Jahre nach Beginn des unheilvollen Einsatzes platzen die Verrohungen, die dieser Zermürbungskrieg hinterlassen hat, auf wie Eiterbeulen. Auf beiden Seiten. Amerika verliert in Afghanistan den Restbestand von Glaubwürdigkeit und Autorität. Das Wort der Offiziellen in Washington, man sei zum Frommen des afghanischen Volkes da, wird durch die Frequenz der Entschuldigungs-Arien unerträglich hohl. Amerikas Truppengebaren ist inzwischen die beste Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Taliban. Obwohl sie es sind, die mit ihrem Steinzeit-Terror den Löwenanteil der zivilen Opfer am Hindukusch zu verantworten haben.

Die Tragödie von Kandahar wird aller Erfahrung nach die nächste Vergeltung, die nächste Eskalation auslösen. Die Super-Macht Amerika verliert in der Schlussphase das Heft des Handelns aus der Hand. Der Ruf nach einem Abzug der internationalen Truppen besser heute als morgen wird immer lauter. Wer wollte die Afghanen noch vom Gegenteil überzeugen?

 
 

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