US-Botschafterin fordert Entlassung eines UN-Repräsentanten nach Boston-Bemerkung

Per Twitter hat US-Botschafterin Susan Rice die Entlassung eines UN-Repräsentanten gefordert.
Per Twitter hat US-Botschafterin Susan Rice die Entlassung eines UN-Repräsentanten gefordert.
Foto: dpa
Susan Rice, die US-Botschafterin der Vereinten Nationen, hat die Entlassung eines hochrangigen UN-Repräsentanten gefordert. Der amerikanische UN-Gesandte hatte zuvor erklärt, "das amerikanische Projekt der weltweiten Vorherrschaft" schaffe "zwangsläufig jede Art von Widerstand". Inzwischen äußerte sich auch die Frau des getöteten mutmaßlichen Attentäters zu dem Anschlag.

Washington/Boston/New York. Nach umstrittenen Bemerkungen zum Bombenanschlag von Boston hat die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Susan Rice, die Entlassung eines hochrangigen UN-Repräsentanten gefordert. Es sei höchste Zeit für ihn, zu gehen, erklärte Rice am Mittwoch per Twitter über den Gesandten des UN-Menschenrechtsrates für die Palästinensergebiete, Richard Falk. Der Amerikaner hatte nach dem Anschlag mit drei Toten von "Widerstand" gesprochen.

Falk hatte in einem Beitrag für den arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira Reaktionen auf die Bomben erwähnt und geschlussfolgert: "Das amerikanische Projekt der weltweiten Vorherrschaft schafft zwangsläufig jede Art von Widerstand in der nachkolonialen Welt. In mancher Hinsicht können die USA glücklich sein, dass es keine stärkeren Rückschläge gab. Aber das könnte jetzt passieren, erst recht, wenn es keine Bereitschaft gibt, die US-Positionen zu Anderen in der Welt, vor allem dem Nahen Osten, zu überdenken."

Rice erklärte, sie sei empört über Falks "höchst beleidigende Äußerungen". "Für jemanden, der solche Boshaftigkeiten schreibt, ist kein Platz bei den Vereinten Nationen." Der Jura-Professor, Jahrgang 1930, war in den vergangenen Jahren immer wieder mit brisanten Thesen aufgefallen. So hatte er 2007 gewarnt, die israelische Araberpolitik könne zu einem "Holocaust" an den Arabern führen. Der Amerikaner ist selbst Jude, in Israel aber seitdem eine unerwünschte Person.

Frau von getötetem mutmaßlichen Boston-Attentäter bricht Schweigen

Gut eine Woche nach dem Bombenanschlag hat inzwischen die Frau eines der beiden mutmaßlichen Attentäter ihr Schweigen gebrochen und den Ermittlungsbehörden ihre Mithilfe zugesichert. Die Frau des bei einer Schießerei mit der Polizei getöteten Tamerlan Zarnajew ließ am Dienstag von ihren Anwälten Amato DeLuca und Miriam Weizenbaum eine Erklärung verlesen, in der sie mitteilte, sie sei erschüttert, dass ihr Mann und dessen jüngerer Bruder Dschochar in den Anschlag mit drei Todesopfern und mehr als 260 Verletzten verwickelt seien. "Das war ein vollkommener Schock", sagten die in Providence im Bundesstaat Rhode Island ansässigen Anwälte.

Die Anwälte brachten auch die Trauer ihrer Mandantin Katherine Russel über den Anschlag auf den Boston Marathon zum Ausdruck. "Die Toten und die Verletzten unter den Menschen, die gekommen waren, um einen Wettlauf und einen Feiertag zu feiern, haben Katie und ihrer Familie große Verzweiflung und Schmerz beschert", hieß es in der Erklärung.

Die 24-Jährige hatte Tamerlan Zarnajew 2010 geheiratet. Das Paar hat eine dreijährige Tochter. US-Medien zufolge war Russel zum Islam konvertiert, nachdem sie ihren aus Tschetschenien stammenden Mann kennengelernt hatte.

USA hatten einen Zarnajew-Bruder bereits auf geheimer Terror-Liste

Dschochar Zarnajew, der derzeit im Krankenhaus behandelt wird und gegen den bereits Anklage erhoben wurde, bezeichnete nach Informationen von US-Medien seinen getöteten 26-jährigen Bruder als Drahtzieher des Anschlags in Boston. Ein US-Regierungsvertreter sagte dem Sender CNN, der 19-Jährige habe angegeben, dass Tamerlan "den Islam vor Angriffen schützen wollte"

Die US-Behörden hatten einen der mutmaßlichen Attentäter von Boston auf einer geheimen Liste mit potenziellen Terroristen, haben ihn aber im Daten-Wust aus den Augen verloren. Angaben über Tamerlan Zarnajew seien in die TIDE-Datei des nationalen Anti-Terror-Zentrums eingegeben worden, verlautete am Dienstag aus Ermittlerkreisen. Der Grund dafür sei gewesen, dass die Bundespolizei FBI 2011 mit dem ethnischen Tschetschenen nach einem Hinweis der russischen Behörden gesprochen habe. Diese hatten mitgeteilt, der in den USA lebende Tamerlan Zarnajew sei möglicherweise ein Anhänger radikaler Moslems. Das FBI habe Zarnajew zwar nicht als eine aktive Bedrohung gewertet, hieß es in den Kreisen. Gleichwohl setzte das FBI ihn auf die TIDE-Liste, die mehr als eine halbe Million Namen umfasst.

TIDE ist eine Namenssammlung von Menschen in der ganzen Welt, die die US-Behörden als bekannte, verdächtige oder mögliche Terroristen einstuft. Nur fünf Prozent sind US-Bürger. Wegen des enormen Umfanges der Datei wird nicht jeder Einzelne regelmäßig überprüft. Und TIDE ist nur eine von vielen Sicherheitsdateien, die in den USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 angelegt wurden. Die Sammelwut der US-Behörden war bereits wiederholt Gegenstand harscher Kritik.

Angehöriger sieht Boston-Attentäter als Opfer russischer Behörden

Die republikanische Senatorin Susan Collins bemängelte, es habe vor den Anschlägen von Boston auch Probleme damit gegeben, die Informationen zu teilen. Sie sei beunruhigt, dass so viele Jahre nach den Anschlägen vom 11. September Kenntnisse noch immer nicht effektiv ausgetauscht würden. Collins äußerte sich nach einer Befragung von FBI-Vizedirektor Sean Joyce und anderer Behördenvertreter durch Kongressabgeordnete. Dabei ging es vor allem um die Frage, wie das FBI den getöteten Tamerlan Zarnajew wieder aus dem Blick verlor. Senator Saxby Chambliss aus Georgia sagte allerdings: "Ich kann nicht sagen, dass das FBI im entscheidenden Moment versagt hat."

Tamerlan Zarnajew und sein jüngerer Bruder Dschochar sollen den Anschlag auf den Marathon von Boston vergangene Woche verübt haben. Dabei starben drei Menschen, mehr als 260 wurden verletzt. Die Brüder waren vor etwa zehn Jahren in die USA eingewandert. Ein Angehöriger in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny sagte, die Brüder seien Opfer der russischen Behörden, die sie als Terroristen abgestempelt hätten. Russland habe falsche Informationen an die USA weitergegeben, sagte Said Zarnajew. Russland wolle den Westen glauben machen, dass ein islamistischer Aufstand in der russischen Nordkaukasus-Region international geworden sei und in einen Angriff auf ein US-Ziel gemündet sei. "Ohne eine Einmischung der russischen Seite wäre das nicht geschehen", sagte Said Zarnajew. "Russland muss dem Westen, auch den USA, zeigen, dass Tschetschenen Terroristen sind. Deshalb geschieht das alles." (afp/rtr)

 
 

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