Urlaub: Für das Klima aufs Fliegen verzichten? Das macht überhaupt keinen Sinn!

In den Urlaub fliegen: Dafür dürfen wir uns nicht ständig schämen.
In den Urlaub fliegen: Dafür dürfen wir uns nicht ständig schämen.
Foto: dpa

Wer fliegt, muss beichten.

Voller Reue erzählt neulich ein Freund von seinem Urlaub in Schweden. Er sei mit dem Flugzeug geflogen, sagt er mit betretenem Gesicht. Beim Wort „Flugzeug“ senkt er die Stimme. Fatal für die Umwelt, wieder ein Stück Pol geschmolzen.

„Dabei kann man die Strecke ja auch mit dem Zug fahren - in gut 18 Stunden ist man in Stockholm“, sagt er. Und meint es ernst.

+++ Kolumne: Warum man in Düsseldorf nicht mal tot überm Zaun hängen will +++

Urlaub und Fliegen? Wir müssen aufhören, uns zu schämen

Das muss aufhören: Wir dürfen uns nicht mehr ständig schämen.

Vorab: Der Klimawandel passiert. Er hat fatale Folgen. Und er ist menschengemacht - wir pumpen außerhalb des natürlichen Kreislaufs viel zu viel CO2 in die Atmosphäre, was zu einer gefährlichen Erhöhung der Durchschnittstemperatur auf unserem Planeten führt. Auch beim Fliegen wird tonnenweise CO2 freigesetzt. Wer das immer noch anzweifelt, ist im besten Fall ignorant.

___________________________________________________

So ist die Lage im Westen: DER WESTEN-Redakteur Peter Sieben kommentiert Themen, die uns in NRW bewegen.

___________________________________________________

Nur führt der Umgang mit dem Problem zu falschen Reaktionen. Viele glauben, dass die Lösung darin liegt, auf möglichst viel zu verzichten. Etwa auf Flugreisen in den Urlaub, die als Klimakiller Nr. 1 gelten. Das aber ist ein Mythos. Gerade einmal zwei Prozent des CO2, das vom Menschen in die Atmosphäre gepumpt wird, stammen aus dem weltweiten Flugverkehr. Selbst wenn ganz Deutschland ab morgen nicht mehr fliegt, ändert sich fast nichts.

+++ Kolumne: RRX - Warum die schöne neue Bahn Opium fürs Pendlervolk ist +++

„Fridays for Future“ und die Genervten

Es ist nicht der Einzelne, der durch Verzicht den Klimawandel aufhalten kann. Inzwischen haben sich Lager gebildet, die Gesellschaft ist gespalten: Manche glauben, durch beinahe religiös gelebten Selbstverzicht den Planeten zu retten. Das Credo: Wer in den Urlaub fliegt, ist ein Sünder. Die anderen sind davon genervt und fühlen sich bevormundet.

Interessant: Weder die „Fridays for Future“-Bewegung, noch die Grünen haben aktuell mehr Verzicht oder generelle Flugverbote gefordert. Festgesetzt hat sich das im kollektiven Bewusstsein trotzdem - vielleicht auch, weil ihre Kritiker ihnen das regelmäßig in Form von Totschlagargumenten in den Mund legen.

+++ Martin Sonneborn im DERWESTEN-Interview: „Dieter Nuhr ist ein Scheinkabarettist“ +++

Das eigentliche Problem gerät durch solche Diskussionen und Lagerbildungen aus dem Fokus. Denn das Problem ist das System. Wir leben in einem Wirtschaftssystem, dessen innerster Antrieb darin besteht, immer weiter zu wachsen.

Urlaub ist nicht das Problem

Manche Ökonomen nennen das „Wachstumszwang“, der - so die Theorie - das mehr oder weniger stabile Gebilde unserer Zivilisation am Laufen hält. Um diese ständig wachsende Produktion stemmen zu können, muss immer mehr Energie aufgewendet werden. Und seit 200 Jahren leben wir nun mal in einer Welt, in der Energie zum allergrößten Teil aus endlichen fossilen Brennstoffen gewonnen wird: Kohle und Öl.

Etwa 40 Prozent der Treibhausgase, die pro Jahr in die Atmosphäre gepumpt werden, stammen aus der konventionellen Stromerzeugung. Sprich: Um wirklich etwas zu ändern, sind große politische Entscheidungen nötig. Die Menschheit muss zum Beispiel jetzt aufhören, Strom aus Kohle zu produzieren.

+++ Stewardess packt aus: DAS war das mit Abstand Ekligste, das je ein Fluggast gemacht hat +++

Ein Verzicht auf Flugreisen in den Urlaub hingegen wirft uns als Gesellschaft zurück, ohne dass das Klima dadurch gerettet wird. Das Fliegen ist nicht nur eine technische Errungenschaft des 20. Jahrhunderts - sondern auch eine kulturelle.

Der Teufel: Inlandsflüge und Shoppingtouren nach New York

Wenn wir nicht mehr reisen oder uns nur noch in einem Radius von 500 Kilometern um unser Zentrum herum bewegen, weil wir im Rahmen unseres Jahresurlaubs weiter einfach nicht mehr kommen, kehren wir zurück ins Mittelalter und geißeln uns voller Schuldbewusstsein allmählich Engstirnigkeit ins Hirn.

Nun wäre es natürlich zu einfach und zu bequem, die Sache mit dem Klima irgendwelchen abstrakten Größen wie „der Politik“ oder „der Industrie“ zu überlassen. Selbstverständlich ist es gut, wenn jeder einzelne von uns auch sein persönliches Konsumverhalten überdenkt.

Es ist gut, wenn wir unser Reiseverhalten hinterfragen: Flüge von Düsseldorf nach Berlin zum Beispiel sind sehr oft sehr unnötig - der ICE ist eine mehr als würdige Alternative zum Inlandsflieger. Und eine Kreuzfahrt zum Beispiel ist wirklich verdammt umweltschädlich. Und wer nach New York fliegt, sollte das nicht nur für ein Shopping-Wochenende machen.

Aber auf Flugreisen im Urlaub zu verzichten, ist falsch. Reisen per se ist kein sinnloser Zeitvertreib, den wir uns als moderne Gesellschaft schenken können. Es ist notwendig und legitim - und in den Urlaub zu fliegen darf auch kein Privileg der Vermögenden sein. Erst durch das Reisen und Erfahren von Neuem können wir als Gesellschaft unseren Horizont erweitern. Dafür sollten wir uns nicht schämen.

 
 

EURE FAVORITEN