Ukraine-Krieg: Kann Putin noch gewinnen? Militärexperten geben düstere Prognosen ab

Charkiw: Ukrainische Armee stößt angeblich bis an russische Grenze vor

Charkiw: Ukrainische Armee stößt angeblich bis an russische Grenze vor

Die ukrainische Armee ist nach eigenen Angaben nahe der Millionenstadt Charkiw bis an die russische Grenze vorgestoßen. Im Donbass gab es dagegen neue Angriffe der russischen Truppen.

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Fast drei Monate dauern die Kämpfe nach dem militärischen Überfalls Russlands auf die Ukraine nun an. Wie sieht eine Zwischenbilanz des Ukraine-Krieges aus? Kann man sagen, dass es eine Wende gab und Wladimir Putin keine Chance mehr hat, den Krieg zu gewinnen?

Militärexperten geben Einschätzungen ab: Wie sieht die Zwischenbilanz seit dem Kriegsausbruch am 24. Februar wirklich aus? Ein Fachmann gibt sogar eine Abschätzung ab, wie lange der Krieg noch dauern könnnte.

Lage im Ukraine-Krieg: Wie sieht es wirklich aus?

Am Sonntag erklärte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, dass für Putin der Krieg anders läuft als geplant. Die Russen „haben es nicht geschafft, Kiew einzunehmen, sie ziehen aus Charkiw zurück. Ihre Großoffensive im Donbass ist steckengeblieben. Russland erreicht seine strategischen Ziele nicht“, so Stoltenberg.

Doch ist die Lage tatsächlich so eindeutig? Der österreichische Militärexperte Markus Reisner sieht sie teilweise anders. Im „Focus“-Interview sagt er: „Die Gebietsverluste im Südosten sind für die Ukraine massiv. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die russische Offensive nun stockt. Für die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit der Ukraine sind die Häfen, die Öl-Produktion oder auch die Getreide-Produktion essenziell. Vieles davon ist nun in russischer Hand oder zumindest umkämpft.“

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Tatsächlich konnte Putin seit Februar Gebietsgewinne vor allem im Südosten der Ukraine erzielen, etwa die Millionenstadt Mariupol mit einem enormen Zerstörungswillen einnehmen und weitere Teile der Küste des Schwarzen Meeres, so dass eine Verbindung zur 2014 völkerrechtswidrig annektierten Krim hergestellt wurde.

Ukrainischer Außenminister will Russen ganz aus Land vertreiben – Militärexperte hat Zweifel daran

Nun spricht der ukrainische Außenminister Kuleba aber sogar davon, die Russen ganz aus der Ukraine zu vertreiben, also auch aus den Gebieten, die 2014 annektiert oder unter Kontrolle von prorussischen Separatisten gebracht wurden. Ist das realistisch?

Militärexperte Professor Carlo Masala von der Bundeswehr-Uni in München hält diese Aussage für „sportlich“. „Wir haben bisher noch keine große Gegenoffensive der Ukraine gesehen", so Masala. Im Donbass gelinge es den Ukrainern teilweise, die spärlichen Landgewinne der Russen wider zurückzuerobern, „da reden wir aber über wenige Kilometer", so der Experte im Gespräch mit ntv. In dieser großen Steinkohle- und Industrieregion im Osten der Ukraine beobachte man nun einen „Stellungs- und Abnutzungskrieg“.

Gesichtswahrend könne Putin aber sowieso nicht mehr aus diesem Krieg kommen, befindet Masala, weil die Russische Föderation bereits mehrere militärische Niederlagen erlitten habe. „Wenn man sich anschaut, was sie anfänglich wollten, was sie zwischenzeitlich wollten und worauf sie sich jetzt konzentrieren, dann muss man sagen: Sie erleiden eine militärische Niederlage nach der anderen.“

Interner Lagebericht der Bundeswehr zum Ukraine-Krieg: Hat Putin Odessa als Ziel?

Ähnlich liest sich ein interner Bundeswehr-Lagebericht zum Ukraine-Krieg, der dem „Business Insider“ vorliegt. Das Minimalziel der Russen, den Donbass und die Separatistengebiete Lugansk und Donezk unter Kontrolle zu bringen, sei trotz zahlenmäßiger Überlegenheit der Truppen gefährdet.

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Jedoch sieht die Lage nur im Norden und Nordosten so ernüchternd aus für die russischen Invasoren. Im Süden und Südosten dagegen würden sich die ukrainischen Streitkräfte in der Defensive befinden. Russland verstärke nun seine Aktivitäten im Raum um die Großstadt Cherson und stoße über den Fluss Dnieper in Richtung Westen vor. Dort liegt die große Hafenstadt Odessa.

Aus Sicht der Bundeswehr-Analysten sind die russischen Streitkräfte aktuell darum bemüht, den Donbass zu sichern, in der Region um Cherson weiter vorzudringen und schließlich den „Druck auf Odessa [zu] erhöhen“, zitiert der Business Insider aus dem Papier.

Bis wann könnte der Ukraine-Krieg noch dauern? Experte: Bis Mitte 2023 möglich

Militärexperte Markus Reisner sieht Putin jedenfalls noch lange nicht auf der Verliererstraße im Krieg. Der Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt verweist darauf, dass es für Beobachter im Westen schwierig sei, eine objektive Lagebewertung zu bekommen.

Ganz klar sei die Verteidigung Kiews ein Sieg der Ukraine gewesen, auch die Kämpfe in der Ostukraine würden nicht nach Plan des Kreml laufen, doch deswegen sei der Krieg noch nicht entschieden, so Reisner gegenüber „Focus Online“.

Auch der Österreicher spricht von einem Abnutzungskrieg, genauso wie Masala. Der Ausgang sei offen. „Bei einem Abnutzungskrieg schlagen beide Seiten so lange aufeinander ein, bis eine nachgibt. Genau das erleben wir jetzt im Donbass, wo sich die Fronten nur noch langsam verschieben“, so Reisner.

Für die russische Seite spreche dabei die Luftüberlegenheit und die „immer knapper werdende Treibstoffversorgung auf ukrainischer Seite“. Russland habe beispielsweise die zentrale Zugverbindung nach Odessa gekappt, „was dazu führt, dass aus dem Westen kaum noch Treibstoff in den Süden nachgeliefert werden kann“, so der Experte im „Focus“-Interview. Für die Ukraine würden dagegen die massiven Waffenlieferungen von EU und NATO sowie wertvolle Geheimdienstinformationen von westlichen Nachrichtendiensten sprechen.

Aus der Sicht von Reisner ist es möglich, dass der Krieg „mindestens bis Ende dieses oder Mitte nächsten Jahres“ andauern könnte.

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Ukraine-Krieg: Bereits bis zu 50.000 Verluste bei den Russen?

Wie viele Verluste es in diesem Krieg bereits gab, ist nur schwer abzuschätzen. Der britische Militärgeheimdienst geht davon aus, dass bislang ein Drittel der russischen Truppen verloren gingen. Zu diesen Verlusten zählen gefallene Soldaten, aber auch jene, die verwundet wurden, in Kriegsgefangenschaft gerieten oder desertierten. Es ist unklar, wie viele Soldaten Putin bislang genau in die Ukraine schickte. Bei 100.000 bis 150.000 Soldaten wären es somit 30.000 bis 50.000 verlorene russische Soldaten.

Diese Schätzung übersteigt sogar die Zahlen des ukrainischen Generalstabes. Hier behauptet man, dass es bislang 27.900 russische Todesopfer gab (Stand Dienstag).

Die UN bemüht sich darum, die Zahl der getöteten und verletzten Zivilisten seit Kriegsausbruch zu ermitteln. Demnach seien bis zum 16. Mai 3.668 verifizierte Tote sowie 3896 bestätigte verletzte Zivilisten zu beklagen. Jedoch sind diese Zahlen sehr wahrscheinlich deutlich zu niedrig, wie die Vereinten Nationen selbst einräumen.