Überraschender Versuch einer Annäherung

Sotschi..  Als mutige und gutwillige Geste loben die Russen den Besuch von US-Außenminister John Kerry in ihrem Land - den ersten seit zwei Jahren. Es ist der überraschende Versuch einer Annäherung in Zeiten, da das russisch-amerikanische Verhältnis wegen des Ukraine-Konflikts zum Äußersten gespannt ist. Wie sehr die Russen Kerrys Kommen schätzen, ist daran abzulesen, dass Präsident Wladimir Putin sich Zeit nimmt für ein Gespräch in Sotschi am Schwarzen Meer.

Der Kremlchef hat die USA immer wieder verantwortlich gemacht für den „Staatsstreich“ in der Ukraine und den Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch - für das Chaos in Europa. Stets betonten die Russen aber auch, dass der Konflikt in der Ex-Sowjetrepublik nur mithilfe der USA zu lösen sei. Längst wird nicht nur in Moskau, sondern auch in Kiew diskutiert, ob das bisherige Verhandlungsformat Deutschland, Frankreich, Russland, Ukraine um die USA erweitert werden könnte.

Zwar hat Putin erst kurz vor dem Treffen mit Kerry den USA wieder ein rücksichtsloses Streben nach weltweiter Vormacht vorgeworfen. Solche Kritik verbindet der Kremlchef allerdings meist auch mit dem Angebot eines Dialogs. Gerade erst hat Putin beim großen Gedenken an das Ende der Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren in Moskau auch Kanzlerin Angela Merkel empfangen.

Kein Durchbruch

Doch vor allem Kerrys Besuch schürt Erwartungen bei den Russen, dass es doch Frieden geben könnte im Donbass - und damit in Europa. Insgesamt sind die Befürchtungen weiter groß, dass die Kämpfe im Donbass nun - nach dem Winter - wieder voll aufflammen können. Die von den USA und der EU unterstützte Führung in Kiew redet fast täglich davon, die abtrünnigen Gebiete Luhansk und Donezk wieder unter ihre Kontrolle bringen zu wollen.

Kerry beriet sich gestern zunächst mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow im Schwarzmeer-Kurort Sotschi über die schlechten Beziehungen zwischen Russland und den USA. Der Kreml lobte die Gespräche später als offen konstruktiv und freundschaftlich. Zwar habe es bei den Diskussionen etwa über den Ukrainekrieg keinen Durchbruch gegeben. Das Treffen mache aber Hoffnung auf eine Verbesserung der bilateralen Beziehungen, erklärte der außenpolitische Berater von Kremlchef Putin, Juri Uschakow, später.

Die Liste der Streitthemen zwischen Russland und den USA ist lang. Der blutige Krieg im Donbass und die deswegen vom Westen verhängten Sanktionen gegen Russland belasten das Verhältnis stark. Russland ist auch der Vormarsch der Nato in Osteuropa ein Dorn im Auge. Zuletzt war Kerry im Mai 2013 in Russland zu Gast gewesen.

Kartoffeln als Geschenk

Der US-Chefdiplomat stellte die Aufhebung der gegen Russland verhängten Sanktionen in Aussicht. Voraussetzung: das Einhalten der Waffenruhe in der Ostukraine. Lawrow nannte die Strafmaßnahmen eine „Sackgasse“. Nötig sei eine gleichberechtigte Partnerschaft. Der Russe schenkte seinem Kollegen demonstrativ Kartoffeln - als Replik auf ein ähnliches Geschenk von Kerry im Januar. Medien interpretieren dies als Anspielung auf Russlands Embargo für westliche Lebensmittel.

Lawrow sprach zunächst mit Kerry vier Stunden im Hotel „Rodina“ (Heimat) in Sotschi. Anschließend informierten die Minister Staatschef Putin über das Ergebnis ihrer Beratungen. Auf die Frage von Journalisten, wie das Gespräch gelaufen sei, antwortete Lawrow knapp: „Wunderbar.“

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