Tränen in den Augen der FDP-Anhänger - Neustart mit Lindner?

Julia Emmrich
Müssen eine historische Wahlniederlage verantworten: FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle (l) und Parteichef Philipp Rösler.
Müssen eine historische Wahlniederlage verantworten: FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle (l) und Parteichef Philipp Rösler.
Foto: dpa
Erstmals wird die FDP nicht im Bundestag vertreten sein. Die Rechnung, auf die Zweitstimmen der Merkel-Anhänger zu setzen, ging nicht auf. Das Führungsduo Philipp Rösler und Rainer Brüderle deutet bereits den Rücktritt an. Die Basis sagt: „Jetzt muss etwas passieren.“ Nur was?

Berlin. Es ist ein historischer Moment. Zum ersten Mal ist die FDP nicht mehr im Bundestag vertreten. Bis zuletzt hatten die Liberalen auf das Mitleid der Unionswähler gesetzt und um Leihstimmen geradezu gebettelt. Doch die Rechnung ging nicht auf: Hauptsache weiterregieren – als Botschaft war das vielen zu wenig. Die Wähler bestraften die FDP mit dem schlechtesten Ergebnis in ihrer über 60-jährigen Geschichte.

„Es ist eine schwere Stunde für die FDP.“ Rainer Brüderle sieht müde aus, blass. Schmallippig reiht sich die FDP-Riege um den 68-Jährigen Spitzenkandidaten. Guido Westerwelles Miene ist versteinert. Mit ihm hatte die FDP bei der letzten Wahl das Dreifache geholt. Nun steht ein dreifacher Abschied an: Die FDP wird nicht mehr im Bundestag sein, Rainer Brüderle und Philipp Rösler deuten ihren Rücktritt an, die liberalen Minister verlieren ihre Ämter.

Wasser statt Sekt

Sie haben damit gerechnet, dass es eng wird. „Wir halten die Taschentücher bereit“, witzeln die Anhänger der Liberalen noch am späten Nachmittag im Kongresszentrum am Berliner Alexanderplatz. Für die Wartenden gibt es Kartoffelsuppe, Merkels Lieblingsessen. Dass sie eine Henkersmahlzeit löffeln, können sie da noch nicht wissen. Aber sie ahnen es.

Ungewohnt ernst steht der Komiker Dieter Hallervorden („Ich bin FDP-Sympathisant“) im Gedränge. „Für eine liberale Republik braucht man eine liberale Stimme im Bundestag“, mahnt er. Die FDP habe es nicht verdient, dass nur die letzten vier Jahre gesehen würden, und nicht „die Leistung der letzten Jahrzehnte“. Er trinkt Wasser. Sekt hat die Partei erst gar nicht geordert.

Ein kollektives Stöhnen

Die erste Hochrechnung verschlägt den Liberalen die Sprache. Unter fünf Prozent. Und zwar nicht knapp, sondern deutlich. Ein kollektives Stöhnen, ein entsetztes „Nein!“ fliegt durch die Reihen. Minuten später dann das Ergebnis aus Hessen. Auch hier unter der Fünf-Prozent-Hürde. Jetzt stöhnen sie noch lauter. Als hätten sie erst jetzt verstanden, dass es kein Rechenfehler ist, sondern ein Trend. Die Wähler strafen die FDP flächendeckend ab: erst in Bayern, jetzt im Bund und in Hessen.

Den Liberalen schießen die Tränen in die Augen. „Ich bin schlichtweg geschockt“, sagt Parteimitglied Gregor Jung. Mit seinen 33 Jahren ist er nur ein paar Jahre jünger als Philipp Rösler. „Es muss jetzt was passieren“, sagt Jung. Und was? „Ei­ne absolute Neuausrichtung.“ Und wohin? „Das weiß ich, ehrlich gesagt auch nicht.“

Liberaler Scherbenhaufen

Mechthild Roth da­gegen schon. Die 87-jährige Juristin ist extra aus Detmold zur Wahlparty nach Berlin gefahren. Seit 50 Jahren ist sie in der FDP, sozial-liberaler Flügel. Sie weint nicht. Sie hat es kommen sehen: „Die FDP hat zu sehr auf das Thema Steuern gesetzt und zu wenig auf Soziales.“ Und nun? „Die FDP ist gewöhnt, dass sie mal gewinnt und mal verliert. Beim nächsten Mal sollten sie mehr Frauen aufstellen.“ Da hinke die FDP den anderen Parteien hinterher. Roth zuckt die Achseln. „Aber das war immer schon so.“

„Es ist nicht das Ende der Partei“, sagt Rainer Brüderle, der gescheiterte Spitzenkandidat. Parteichef Rösler findet Trost ausgerechnet bei der Konkurrenz: „Die SPD hat in schwierigen Zeiten nie aufgehört zu kämpfen. Das imponiert.“ Röslers Frau Wiebke, im kanariengelben Shirt, legt ihm den Arm um die Schulter, auch Brüderle sucht Körperkontakt. Mit 45 Jahren, das hat Rösler mal gesagt, wolle er mit der Politik Schluss machen. Jetzt ist er 40 und steht bestürzt vor dem liberalen Scherbenhaufen. Ein rührendes, ein tragisches Bild.

Neuanfang mit Lindner?

Parteivize Christian Lindner guckt sich das kurz an, stößt dann seinen nordrhein-westfälischen Landsmann Daniel Bahr an und verlässt als erster das Gruppenbild der Wahlverlierer. Lindner, der Jüngste an der FDP-Spitze, der Hoffnungsträger aus NRW, wird wohl den Neuanfang stemmen müssen.