Thüringen in der Nazizeit: Kann sich die Geschichte wirklich wiederholen?

Foto: dpa

Hätte Régis Bossu zu früh geschossen, dann gäbe es heute keinen Bruderkuss. Der Fotograf machte Ende der 60er jenes berühmte Bild von Erich Honecker und Leonid Breschnew, die sich küssend in den Armen liegen.

Und hätte Arthur Sasse mit seiner Kamera zu lange gezögert, gäbe es heute wohl keine Aufnahme von Albert Einstein mit herausgestreckter Zunge. Der Bruchteil einer Sekunde macht den Unterschied, ob ein Bild in die Geschichte eingeht oder nicht.

Der DPA-Fotograf Bodo Schackow drückte am 5. Februar 2020 in Erfurt exakt im richtigen Moment auf den Auslöser. Seine Aufnahme hat das Zeug dazu, historischen Wert zu erlangen. Das Bild zeigt Thüringens AfD-Chef Björn Höcke, der mit scheinbar demütig geneigtem Kopf dem neuen Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich die Hand schüttelt. Gänsehaut.

Das Bild vom rechtsextremen Höcke, der dem bürgerlichen Kemmerich die Hand reicht, weckt bei vielen unwillkürlich Assoziationen an eine andere Aufnahme: Adolf Hitler, der Reichspräsident Paul von Hindenburg in ganz ähnlicher Pose mit gesenktem Haupt die Hand reicht.

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Nach dem Wahl-Eklat in Thüringen taucht dieses Bild in sozialen Medien immer wieder auf. Die Geschichte von damals wiederhole sich, mahnen manche jetzt. Doch stimmt das wirklich?

Die wichtigsten Fragen - und Antworten:

Was hat es mit dem Hitler-Bild auf sich, das jetzt wieder überall auftaucht?

Das Foto, das die Szene zeigt, ging in die Geschichte ein. Und die Szene selbst war der Anfang vom Ende: Sie markierte den endgültigen Durchbruch Hitlers zur Macht.

Am 21. März 1933, dem sogenannten Tag von Potsdam, wurde der neue Reichstag eröffnet. Adolf Hitler, seit einigen Wochen Reichskanzler, nutzte die Eröffnung für einen symbolischen Festakt, der zeigen sollte, das er die „guten alten Werte“ des untergegangenen Kaiserreichs in eine neue Zeit überführen würde.

Allerdings stand seine Herrschaft noch auf tönernen Füßen: Bei den Wahlen am 5. März konnte seine NSDAP keine absolute Mehrheit erzielen - und koalierte deshalb zunächst mit der Deutschnationalen Volkspartei.

Hitler brauchte Vertrauen: Das der Bevölkerung - und das von Reichspräsident Hindenburg. Die tiefe Verneigung vor dem 86 Jahre alten Präsidenten in Kaiseruniform machte Eindruck. Wenig später konnte Hitler das Ermächtigungsgesetz im Reichstag durchsetzen, der Grundstein der Nazi-Diktatur: Die Abgeordneten der kommunistischen KPD und führende Köpfe der SPD wurden damals am Erscheinen zur Abstimmung gehindert: Wegen „nützlicher Arbeiten in den Konzentrationslagern“, wie es der damalige Innenminister Wilhelm Frick zynisch formulierte.

Was hat das Bild mit der Aufnahme aus Thüringen zu tun?

Die Analogie, die manche sehen, besteht darin: Adolf Hitler, der Faschist, nutzte den symbolischen Pakt mit den „bürgerlichen Werten“, um sich als seriöser Staatsmann zu präsentieren.

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Die AfD betont ebenfalls seit Jahren, sich als bürgerliche Partei der Mitte zu geben - im Kontrast zum bisweilen faschistoiden Vokabular, das führende AfD-Leute immer wieder nutzen. Dass Björn Höcke und seine AfD in Thüringen einem bürgerlichen FDP-Mann zum Amt des Ministerpräsidenten verhalfen, hat aus Sicht der Partei sicher entsprechenden Symbolwert.

Stimmig ist der Vergleich indes nicht: Hindenburg war 1933 Staatsoberhaupt, Thomas Kemmerich steht nur an der Spitze einer fünfköpfigen Mini-Fraktion im Thüringer Landtag.

Und Adolf Hitler stand am Tag von Potsdam kurz vor der fatalen Machtergreifung - Björn Höcke darf zwar als Faschist bezeichnet werden, aber er ist nicht Adolf Hitler.

Verharmlosen solche Vergleiche die Nazi-Zeit?

Das ist Ansichtssache. Die AfD betont ohnehin, eine bürgerliche Partei der Mitte zu sein. Jeder, der nicht Mitglied der Partei oder deren Anhänger ist, würde das wohl anders sehen.

Die AfD ist längst nicht mehr nur die extrem konservative neoliberale Partei, die sie 2013 mal war. In Teilen bewegt sich die AfD am rechtsextremen Rand - und schreitet immer wieder auch über diesen Rand hinaus, gerade in Thüringen unter Björn Höcke.

Vielleicht bringt es der Historiker Paul Nolte ganz gut auf den Punkt. Er sagte nach dem Wahl-Eklat: „Wir haben keinen neuen 30. Januar 1933 erlebt. Ein neuer Nationalsozialismus steht mit dieser Wahl nicht bevor."

Er sagte aber auch: Die Gefahr einer Verharmlosung der Nationalsozialisten bestehe durch Rückgriffe auf die Geschichte nicht. Man dürfe den Vergleich nicht abbrechen, nur weil der Schaden, den die AfD angerichtet hat, im Vergleich relativ klein ist. „In erster Linie geht es darum, die Demokratie zu verteidigen, und dafür sind diese Vergleiche und diese Wachsamkeit gegenüber der AfD sehr geboten.“

Warum reden jetzt immer alle von 1924?

Die denkwürdige Wahl von Mittwoch erinnert an ein Ereignis von 1924 - ebenfalls in Thüringen. Der Thüringerordnungsbund, ein bürgerliches Parteien-Bündnis, dem auch die beiden FDP-Vorgängerparteien DVP und DDP angehörten, baute im Landtag auf eine Minderheitsregierung - die von den Nationalsozialisten und der Deutschnationalen Volkspartei mitgewählt wurde.

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Viele sehen Parallelen zu heute. Denn auch Thüringens FDP-Chef Thomas Kemmerich hatte womöglich eine Minderheitsregierung angestrebt - gewählt und unterstützt von der in Teilen rechtsextremen AfD. Mitgeholfen hat die CDU, indem sie ihre Stimmen ebenfalls Kemmerich gab. Das Ziel: Eine linke Regierung mit Bodo Ramelow sollte verhindert werden - mithilfe der Rechten.

Auch wenn Kemmerich sicher nie als AfD-Freund aufgefallen ist - ganz im Gegenteil - so bestand genau darin der Tabubruch, den viele Kritiker nun anprangern. Und der tiefgreifende Folgen hatte: Nach nur einem Tag trat Kemmerich als Ministerpräsident zurück, FDP und CDU sind in der Krise - nicht nur in Thüringen.

Kann sich die Nazi-Geschichte wiederholen?

Im historischen Rückblick gelten die FDP-Vorgängerparteien als Steigbügelhalter der Nazis. Die NSDAP konnte sich derart etablieren, dass sie sechs Jahre später in Thüringen an einer bürgerlichen Landesregierung beteiligt war.

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Thüringen, das damals traditionell eher rot regiert wurde, begann braun zu werden. 1932 wurden die Nazis stärkste Partei im Landtag.

All das mag Geschichtsverdrossene allzu stark an das erinnern, was knapp 100 Jahre später in Thüringen passiert: Als gäbe es kein Entkommen.

Zum Glück muss man das nicht ansatzweise so fatalistisch sehen. Denn heute ist eben nicht damals.

Vor 100 Jahren hatte Deutschland gerade einen verheerenden Ersten Weltkrieg hinter sich, die Wirtschaft war um Jahrzehnte zurückgeworfen, es gab viel Armut und Arbeitslosigkeit.

Ein Kaiserreich war gerade untergegangen, Deutschland probte in der Weimarer Republik gerade zum allerersten Mal eine parlamentarische Demokratie: Ein noch wackliges Gebilde, mit dem niemand Erfahrung hatte und das viel Raum für Experimente offen ließ.

Letztlich waren es auch die Schwächen dieses jungen Systems, das die Machtergreifung der Nazis begünstigte.

Heute leben wir in stabilen Verhältnissen, haben seit Jahrzehnten ein demokratisches Regierunssystem und einen funktionierenden Rechtsstaat. Vielleicht am wichtigsten: Heute kennen wir die Geschichte - und haben offenbar auch daraus gelernt.

Der Historiker Volkhard Knigge etwa hat die zahlreichen Proteste gegen die Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich zum Thüringer Ministerpräsidenten als „unheimlich ermutigend“ bezeichnet.

„Es ist positiv, dass viele sagen: Hier ist eine rote Linie überschritten“, sagte der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Eben das sei „der große Unterschied“ zur Weimarer Republik.

„Deshalb muss man mit historischen Vergleichen vorsichtig sein.“ Die Proteste von Menschen bundesweit hätten gezeigt, „es gibt ein Bewusstsein für die deutsche Geschichte, Gott sei dank auch in der Breite der Gesellschaft.“

 
 

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