Terrorismus in einer neuen Dimension

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London. Mit den Anschlägen in Bombay hat der Terrorismus in Indien eine neue Dimension erreicht. Von einem "noch nie dagewesenen Ausmaß" spricht Paul Wilkinson, Professor für internationale Beziehungen an der schottischen Saint Andrews Universität.

Mit den Anschlägen in Bombay hat der Terrorismus in Indien eine neue Dimension erreicht. Von einem «noch nie dagewesenen Ausmaß» spricht Paul Wilkinson, Professor für internationale Beziehungen an der schottischen Saint Andrews Universität. «Indien hat in den vergangenen Jahren eine Eskalation des islamistischen Terrorismus erlebt. Dies ist sicher der schlimmste Ausdruck davon», sagt Wilkinson.

Mindestens 130 Menschen starben bei den Anschlägen auf zwei berühmte Luxushotels, den Bahnhof, ein bei Touristen beliebtes Restaurant und weitere Orte der Wirtschaftsmetropole. «Die Tatsache, dass die Terroristen bedeutende Ziele angreifen, bedeutet, dass sie entsprechend große Aufmerksamkeit bekommen», sagt der Terrorexperte George Kassimeris von der britischen Universität Wolverhampton. «Das ist der Grund, warum sie solche Ziele auswählten, statt einfach eine Bombe in einem abgelegenen Vorort von Bombay zu zünden.»

Verbindungen zu den Indian Mujhaideen vermutet

Eine bislang unbekannte Gruppierung, die sich selbst als Deccan Mujahedeen bezeichnet, bekannte sich zu den Anschlägen. Der indische Premierminister Manmohan Singh machte in seiner Rede an die Nation sofort Täter «außerhalb des Landes» verantwortlich, ohne dafür Beweise anzuführen. Ein ranghoher Vertreter des indischen Militärs sagte, die Angreifer kämen aus Pakistan, wo sie unter den Druck der USA geraten seien, die im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet Jagd auf Aufständische machen.

Der militärwissenschaftliche Informationsdienst Jane's vermutet, dass es Verbindungen zu den Indian Mujhaideen geben könnte, die sich zu vier Anschlägen zwischen November 2007 und September 2008 bekannt hatten. «Aber die Strategie und Taktik dieser neuen Gruppe lässt erhebliche Unterschiede zu der terroristischen Gewalt erkennen, mit der Indien in den vergangenen 15 Jahren und besonders im letzten Jahr konfrontiert war», heißt es in der Einschätzung des Dienstes. «Internationale Luxushotels und andere sogenannte weiche Ziele anzugreifen ist zwar kein neues Phänomen in der Region. Aber ganz offensichtlich den Schwerpunkt darauf zu setzen, ausländische und besonders britische und US-Geschäftsleute zu töten oder als Geiseln zu nehmen - das hat es noch nie zuvor gegeben.» Ein solches Vorgehen lasse Motive vermuten, die sich auf breiter Basis und weltweit gegen den Westen richteten.

«Die russischen Geheimdienste haben Informationen, dass gewisse Gruppen, welche die Anschläge in Bombay ausgeführt haben, in Kontakt mit El Kaida stehen.»

Die Anschläge wecken Erinnerungen an den Bombenanschlag auf das Marriott Hotel im pakistanischen Islamabad, bei dem im September mindestens 60 Menschen getötet worden waren. Richard Bonney, Autor des Buches «Dschihad: Vom Koran zu Bin Laden», sieht jedoch deutliche Unterschiede zu dem Anschlag in Islamabad: Die Angriffe in Bombay hätten koordiniert stattgefunden, und es seien Geiseln genommen worden. «Diese Anschläge scheinen gefährlicher und besser vorbereitet, obwohl sie sich nicht gegen die Regierung richteten, sondern gegen wirtschaftliche Ziele und natürlich gegen die westlichen Verbündeten.»

Der Politikwissenschaftler Wilkinson hält die Anschläge von Bombay für «charakteristisch für die El-Kaida-Bewegung». Auch russische Geheimdienstler stellen die Verbindung zum Terrornetzwerk El Kaida her. «Die russischen Geheimdienste haben Informationen, dass gewisse Gruppen, welche die Anschläge in Bombay ausgeführt haben, in Kontakt mit El Kaida stehen», sagte ein ranghoher Vertreter des russischen Geheimdienstes der Nachrichtenagentur RIA Nowosti.

Dass sich die Anschläge und Geiselnahmen über mehr als 24 Stunden hinzogen, ist nach Auffassung des politischen Beobachters Crispin Black wahrscheinlich Teil der Strategie. «Das ist eine völlig andere Art von terroristischer Operation, als die, die wir kennen», sagte Black dem britischen Fernsehsender Sky News. Die Anschläge glichen einem Putsch, bei dem die Angreifer ganze Stadtteile in ihre Gewalt bringen. «Das ist eine sehr gewagte Propaganda der Terroristen. Jede Stunde, die diese Leute die Oberhand behalten, vervielfacht die propagandistische Wirkung.» (afp)

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