Talentsucher wollen Hürden auf dem Weg zur Uni abbauen

Gelsenkirchen/Essen..  Oft hängt der Bildungserfolg von benachteiligten Kindern nicht nur von Talent und Leistung ab, sondern von Zufällen. Erst recht, wenn es sich um Migrantenkinder handelt. „Ich habe meinen Lehrer angefleht“, berichtet eine junge türkische Frau von ihrer Zeit auf der Hauptschule. „Sechste, siebte, achte Klasse – jedes Jahr bin ich zu meinem Klassenlehrer gegangen und habe ihm gesagt: Ich will auf die Realschule.“ Die Antwort lautete stets: „Du wirst es nicht packen.“ Sie hat später trotzdem Abitur gemacht. Weil sie Hilfe bekam, weil jemand bemerkte: Das Kind hat Talent. Ein anderes Mädchen hatte Glück, weil es eine freundliche Nachbarin gab, eine „Tante Birgit“, die sie jeden Tag nach der Schule besuchte, um mit ihr Hausaufgaben zu machen. Das Mädchen studierte später Jura.

Träume verwirklichen

Suat Yilmaz ist – mit Verlaub – hauptberuflich eine solche „Tante Birgit“. Er ist in Gelsenkirchen der bundesweit erste Talentscout an einer Hochschule und hat mehrere Hundert Schüler im Ruhrgebiet beraten und betreut. Mit seinen Kollegen besucht er täglich die Schulen des Ruhrgebiets, „dabei treffen wir die Marios, Vanessas, Tunas und Zaynabs, in deren Umfeld Erfolg nicht so wahrscheinlich ist und deren Träume und Visionen seltener Beachtung finden“, berichtet er von seiner Arbeit.

Er begegnet Jugendlichen, die ein Zimmer mit mehreren Geschwistern teilen, nach der Schule im Haushalt helfen, arbeiten gehen und erst abends lernen können. Trotzdem wird er immer noch oft von den Jugendlichen überrascht: „Ich kenne ein libanesisches Mädchen, deren Eltern nicht einsehen wollten, dass ihre Tochter aufs Gymnasium geht. Es wäre um ein Haar zur Hauptschule gekommen.“ Dank seines Einsatzes, wozu auch oft Gespräche mit den Eltern gehören, kam das Mädchen doch aufs Gymnasium und machte das Abitur mit der Note 2,5.

„Wenn so ein Mädchen es schafft, haben wir es ganz klar mit einem Talent zu tun.“ Dann hat sich seine Arbeit gelohnt. „Wir wollen so eine Art Rampe sein, für die, die vielleicht nicht von sich aus an ein Studium denken“, sagt Yilmaz. Denn für viele ist die Welt der Hochschule fern und fremd, ihnen könne man Ängste nehmen und sie auf den ersten Metern begleiten.

In Zukunft soll es nach dem Willen der NRW-Landesregierung viele solcher Talentsucher geben, Dutzende „Tante Birgits“, wenn man so will. Sieben Hochschulen stellen mit Mitteln des Landes Experten ein, die in die Schulen gehen, Eltern besuchen, Beratungsgespräche führen, Wege aufzeigen bis hin zur Hilfe bei Studieneinstieg und Bafög-Antrag. So plant zum Beispiel die TU Dortmund, sechs Talentscouts anzustellen, die 60 Schulen in der Region betreuen sollen. Einer von ihnen soll vor allem Kontakt zu Förderschulen aufnehmen, um gezielt Schülern mit Behinderungen Wege aufzuzeigen. „Wir wollen auf die jungen Leute zugehen und ihnen vermitteln: Ihr könnt das“, sagt Uni-Sprecherin Eva Prost. Die Ruhr-Uni Bochum will fünf Talentscouts beschäftigen, die Brücken zu den Jugendlichen schlagen sollen, auch die anderen beteiligten Hochschulen werden ihr Angebot massiv aufstocken.

Engagement des Landes

„Mit dem Ausbau des Talentscoutings wollen wir die Bildungsgerechtigkeit fördern. Das Programm soll soziale Schieflagen ausgleichen und Hürden auf dem Weg in die Hochschule abbauen“, erklärte Wissenschaftsministerin Svenja Schulze gestern. Suat Yilmaz sieht sich durch das Engagement des Landes in seiner Pionierarbeit bestätigt. „Ich frage die Jugendlichen immer nach ihrem persönlichen Traum. Wir können helfen, ihn zu verwirklichen.“

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