Syrien wird zum Spielball der Mächte

Kein Frieden in Syrien: Kinder verstecken sich hinter Sandsäcken in der Stadt Rastan nahe Homs.  Foto: afp
Kein Frieden in Syrien: Kinder verstecken sich hinter Sandsäcken in der Stadt Rastan nahe Homs. Foto: afp
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Sollte die Lage in Syrien eskalieren, dürfte die Zahl der Todesopfer in die Zehntausende gehen. Zum ersten Mal seit Beginn des Arabischen Frühlings kommen Anfang nächster Woche in Bagdad die neuen und alten Führer der arabischen Welt zusammen, um die Lage zu beraten.

Kairo. Syriens Präsident Assad ist nicht eingeladen, und trotzdem wird er in Bagdad im Mittelpunkt stehen: Zum ersten Mal seit Beginn des Arabischen Frühlings kommen Anfang nächster Woche in der irakischen Hauptstadt die neuen Revolutionäre und die alten gekrönten Häupter der arabischen Welt zu ihrem Jahresgipfel zusammen.

Tunesien, Ägypten und Libyen haben ihre Diktatoren gestürzt, während in Syrien die blutige Konfrontation des Regimes mit seinem eigenen Volk auch nach einem Jahr kein Ende nehmen will. Ganz im Gegenteil, seit der Eroberung der rebellischen Hochburgen Homs, Idlib und Deraa scheint das Assad-Regime überzeugter denn je, im Machtkampf am Ende die Oberhand zu behalten. Denn je länger die Krise dauert, desto planloser und zerstrittener agiert die Opposition.

Zerstrittene Opposition

Die Gegner Assads haben nie an einem Strang gezogen, ihre Egos sind zu groß, ihre ideologischen und strategischen Differenzen zu tief. Auch die Gräben zwischen den Regimegegnern in Syrien und denen draußen im Exil waren von Anfang an unüberbrückbar.

International sieht die Bilanz der letzten zwölf Monate nicht viel besser aus. Russland und China halten ihrem Verbündeten Syrien diplomatisch die Nibelungentreue, auch wenn beide ihre Haltung angesichts der anhaltenden internationalen Empörung offenbar überdenken.

Bewaffnung und Eskalation

Inzwischen aber setzen auch die arabischen Meinungsführer Katar und Saudi-Arabien auf Bewaffnung und Eskalation. Und so könnten demnächst alle Seiten die letzten Hemmungen fallen lassen. Dann gäbe es bald nicht 8000 Tote, sondern vielleicht 80.000 – ein Horrorszenario, was dem ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan bei seiner Vermittlungsmission klar vor Augen steht.

Syrien nämlich liegt an einer politisch-tektonischen Nahtstelle, an der ein Dutzend regionale und geostrategische Machtinteressen mit voller Härte aufeinander prallen:

  • Für den Iran ist das Regime der engste und wichtigste Verbündete in der Region.
  • Für Russland ist Syrien der wichtigste Stützpunkt im Mittelmeerraum, für die radikal-islamische Hisbollah unentbehrliche Schutzmacht.
  • Für Israel ist Assad der kalkulierbare, wenn auch ungeliebte Langzeitfeind.
  • Irak und Libanon mit ihren zahlreichen Minderheiten dagegen fürchten, religiöse und ethnische Kämpfe in Syrien könnten übergreifen und ihre Länder in neuerliche Bürgerkriege zurückwerfen.
  • Die Türkei mit ihrer über 800 Kilometer langen Grenze könnte bald von Flüchtlingen überrannt werden.
  • Für USA, Israel, Saudi-Arabien und die Golfstaaten wäre Assads Sturz ein Hebel, um Teheran weitaus stärker zu exponieren, als dies alle Sanktionen bisher vermochten.

Und so geht es nicht alleine um die Zukunft der Assad-Clique. Es geht um Stabilität, Machtbalance und Wohlergehen einer ganzen Region – gemischt mit einer kräftigen Prise alter Kalte-Kriegs-Rivalität zwischen der beiden ehemaligen Hauptantagonisten Russland und Amerika.

 
 

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