Syrien: Schlimmste Fluchtwelle seit Kriegsbeginn – das bedeutet es für Deutschland

Syrien, Ma'arrat Misrin: In diesem Lager harren Familien aus, die nach den Bombenangriffen in der Region Idlib vertrieben wurden.
Syrien, Ma'arrat Misrin: In diesem Lager harren Familien aus, die nach den Bombenangriffen in der Region Idlib vertrieben wurden.
Foto: dpa

Der Krieg lässt sie einfach nicht mehr los: Seit neun Jahren tobt er in Syrien, bringt Tod und Hunger - und treibt die Menschen in die Flucht.

Jetzt droht eine Flüchtlingskrise, die die humanitären Katastrophen der vergangenen Jahre noch einmal in den Schatten stellt.

Syrien: „Situation ist dramatisch“

„Die Situation in Nordwestsyrien ist dramatisch“, sagt Chris Melzer von der UN-Flüchtlingsagentur (UNHCR) gegenüber DER WESTEN.

Seit Anfang Dezember wurden etwa 900.000 Menschen aus ihren Heimatorten vertrieben. „Es handelt sich um Zivilisten, die Mehrzahl von ihnen sind Frauen und Kinder. Viele von ihnen wurden schon zum dritten, vierten Mal vertrieben“, so Melzer.

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Diese Menschen seien nicht nur entwurzelt, sondern noch immer in akuter Gefahr, weil sie sich immer noch im Gebiet des Konflikts befinden. Dramatisch: „Immer wieder werden auch die Flüchtlingstrecks angegriffen und es gibt Tote“, sagt Melzer.

Syrien-Krieg: Worum geht es eigentlich?

Angefangen hatte 2011 alles mit einem Hauch von Hoffnung. Damals hatten im Zuge des arabischen Frühlings Tausende gegen den syrischen Diktator Baschar Al-Assad friedlich demonstriert. Das Ziel: mehr Demokratie. Davon ist nichts mehr übrig. Irgendwann mischten islamistische Kräfte mit, der IS überrollte das Land mit seinem Terror, Russland und die USA warfen Bomben ab. Kaum mehr zu überblicken, worum es in diesem Krieg eigentlich geht.

Für Millionen Menschen in Syrien spielt das im Grunde auch keine Rolle mehr, sie wissen nur, dass sie um jeden Preis da rauswollen. Diesmal fliehen sie vor anrückenden Regierungstruppen und Gewalt. Das syrische Militär hatte im vergangenen Jahr eine Offensive auf die letzte verbliebene Rebellenhochburg um die Stadt Idlib gestartet. Eigentlich gilt eine Waffenruhe, doch die Truppen setzten ihre Angriffe in den vergangenen Wochen fort.

„Schlimmste Flüchtlingskrise“ seit Ausbruch des Bürgerkriegs

„Wir versuchen, den Menschen so gut es geht zu helfen. Wir liefern Zelte und Decken, Nahrung und Medizin“, berichtet Melzer. Doch die Möglichkeiten der UN-Helfer seien begrenzt: „Nicht nur, weil die Not so groß ist und wir unterfinanziert sind. Wir können uns in Syrien auch nicht so bewegen, wie wir es müssten, um allen helfen zu können.“

Dabei gehe es nicht nur um die gefährlichen Kämpfe. „Unsere Kollegen sind erfahren in Krisen- und Kriegsgebieten und kennen die Gefahr. Aber es gilt auch in Syrien das Prinzip der staatlichen Souveränität. Die staatlichen Behörden können uns leider Zugang verwehren und machen es immer wieder auch“, erklärt Melzer.

Die Welthungerhilfe spricht von der „schlimmsten Flüchtlingskrise“ seit Ausbruch des Bürgerkriegs. Anders als in der Vergangenheit haben die Menschen nun keine Ausweichmöglichkeiten mehr: Denn die Türkei hat die Grenzen dichtgemacht, will keine Flüchtlinge mehr aus Syrien aufnehmen. Die Menschen harren jetzt in Lagern aus - die völlig überfüllt sind. Es handele sich um eine „krasse humanitäre Katastrophe“, so Dirk Hegmanns von der Welthungerhilfe gegenüber der Deutschen-Presse Agentur.

Kommen Flüchtlinge nach Deutschland?

Die Situation dürfte noch deutlich an Dramatik gewinnen. „Die Zahl der Binnenvertriebenen könnte eine Million erreichen“, glaubt Chris Melzer.

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Anders als 2015 dürften nur wenige den Weg nach Westen schaffen. „Wir gehen nicht davon aus, dass das wirklich Auswirkungen auf Deutschland hat. Diese Menschen haben nichts, sind verzweifelt und erschöpft. Sie schaffen es ja kaum aus ihrer Stadt oder aus ihrem Dorf heraus“, glaubt Melzer. Die übergroße Mehrheit bleibe im eigenen Land - schon aus Mangel an Alternativen. „Wer kann, geht vielleicht nach Libanon, aber selbst das ist nur ein Bruchteil. In Mitteleuropa wird wohl keiner der jetzt Vertriebenen ankommen.“

 
 

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