Sylvia Löhrmann: Kein Schnellschuss beim Turbo-Abi

Sylvia Löhrmann, NRW-Schulministerin und Spitzenkandidatin der Grünen für die Landtagswahl 2017, im Interview.
Sylvia Löhrmann, NRW-Schulministerin und Spitzenkandidatin der Grünen für die Landtagswahl 2017, im Interview.
Foto: Sebastian Konopka
  • Die Frage nach acht oder neun Jahren weiterführender Schule hält Löhrmann nicht für entscheidend
  • Die Inklusion, an der es vielfache Kritik gibt, bezeichnet sie als "Jahrhundertprojekt"
  • Eine Koalitionsaussage will die Grüne im Interview mit unserer Redaktion nicht machen

Düsseldorf. Frau Löhrmann, der Streit um die verkürzte Gymnasialzeit (G8) ist wieder voll entbrannt. Warum schwenken Sie nicht auf das alte G9 um?

Sylvia Löhrmann: Wir sollten vom Kind her denken und uns nicht in Strukturdebatten „G8 gegen G9“ festbeißen. Diese Frage ist nicht die entscheidende. Wir Grüne werben für flexible, individuelle Lernzeiten in jedem Gymnasium, denn jedes Kind ist anders. Viele Gymnasien nutzen die heutige Struktur bereits für besondere Angebote: 60-minütige Schulstunden, zusätzliche Förderung, besserer Ganztag. So bieten etwa Reformschulen, die nach dem Dalton-Konzept arbeiten, Zeiten an, in denen die Kinder freier arbeiten können. Das ist vorbildlich. Schüler werden so eigenständiger.

Haben Sie die Kritik an G8/G9 unterschätzt?

Löhrmann: Nein. NRW ist ja keine Insel. Die Korrekturen in Niedersachsen und Hessen an G8 schwappen zu uns herein. Und wenn einer der Partner am Runden Tisch, die Landeselternschaft der Gymnasien, auf einmal die Pferde wechselt, wird die Herde schnell scheu. Wir dürfen aber nicht kopflos vorgehen. Die Schulen wollen zurecht keine überstürzten Lösungen. Eine Weiterentwicklung des Gymnasiums muss ruhig und mit Bedacht geschehen. SPD, CDU und FDP wollen auch nicht komplett zurück zu G9. Nun hat der Wettbewerb der besten Ideen begonnen.

Sie hätten längst die Fehler, die die Vorgänger-Regierung bei G8 gemacht hat, korrigieren können. Sie haben aber nichts getan.

Löhrmann: Doch, das haben wir. Jedes Gymnasium wurde gefragt, ob es zurück will zu G9. Nur 13 haben dazu Ja gesagt. Wir haben auch danach alle Akteure am Runden Tisch intensiv mit einbezogen. Aber, um es mal in der Fußballsprache zu sagen: Schulentwicklung dauert länger als eine Saison. Ein Schnellschuss schadet nur.

Lehrerverbände protestieren gegen die Umsetzung der Inklusion an den Schulen. Es gebe wenig Personal, schlechte Ausstattung, kaum Fortbildung.

Löhrmann: Inklusion ist ein Jahrhundertprojekt, dafür gibt es keine Blaupause. Sie durchbricht den traditionellen aber falschen Ansatz, dass Lernen in möglichst homogenen Gruppen besser sei. Unsere Gesellschaft, und damit unsere Schulen, sind aber vielfältiger geworden. Wir gehen behutsam vor. Wir schaffen keine Förderschulen ab, sie laufen nur aus, wenn der Bedarf nicht mehr da ist. Und wir haben nach dem Protest nachgesteuert. Wir geben zu den 3200 zusätzlichen Stellen für Inklusion noch einmal weitere 900 Stellen und bieten Lehrern mehr Fortbildung an.

Diese „Jahrhundertaufgabe“ soll bewältigt werden, gleichzeitig müssen die Schulen Flüchtlingskinder integrieren. Wie soll das gehen?

Löhrmann: Wir können doch jetzt nicht sagen, wir setzen die Inklusion aus wegen der Flüchtlinge. Oder wir nehmen die Flüchtlinge nicht auf. Dann würde man Menschenrechte gegeneinander ausspielen.

CDU und FDP schlagen einzelne, gut ausgestattete „Schwerpunktschulen“ für Inklusion vor. Außerdem soll der Abbau der Förderschulen gebremst werden. Eine gute Idee?

Löhrmann: Schwerpunktschulen sieht das Schulgesetz vor und gibt es auch längst. Es muss ja nicht jede Schule sofort inklusiv arbeiten. Darüber und über die Förderschulen entscheiden aber die Kommunen. Mir ist kein Fall bekannt, in dem Eltern, die für ihr Kind die Förderschule wollten, keinen Platz bekommen hätten. Andererseits bekommen jetzt Eltern einen Platz für ihr behindertes Kind in einer Regelschule, die sich bislang durch die Instanzen klagen mussten. Sie sind keine Bittsteller mehr.

Laut einer neuen Studie nimmt die Gewalt gegen Lehrer zu.

Löhrmann: Gegen Gewalt muss man grundsätzlich und überall konsequent vorgehen. Ich habe Hunderte Schulen besucht, dort war das kein Thema. Wir wissen allerdings sicher, dass die Gewalt gegen Schüler und Lehrer im Internet zunimmt. Insofern ist es gut, dass wir eine Stelle gegen Cybermobbing geschaffen haben.

NRW-Verkehrsminister Michael Groschek hat vor einer „durchgrünten Gesellschaft“ gewarnt. Und er will den Einfluss von Bürgerinitiativen verringern. Entfremden sich SPD und Grüne in NRW?

Löhrmann: Grundsätzlich nicht. Es ist normal, dass sich die Parteien im Wahlkampf voneinander abgrenzen. Michael Groschek hat mit diesem Spruch doch ein klassisches Eigentor geschossen, weil er uns damit die Gelegenheit zur Profilierung gegeben hat. Wenn die Gesellschaft grüner wird, zeigt das ja, dass unsere Politik Erfolg hat. Zu glauben, man setzt Projekte besser durch, indem man Kritiker außen vor lässt, ist ein Trugschluss. Ich dachte, die NRW-SPD hätte das nach Clement gelernt.

SPD-Fraktionschef Norbert Römer sagt, wir brauchen noch bis 2050 fossile Energieträger wie die Braunkohle. Was ist Ihr Ziel?

Löhrmann (lacht): Ich möchte den Braunkohle-Ausstieg noch erleben. Mit der Verkleinerung des Tagebaus Garzweiler haben wir in NRW ja schon mit dem Ausstieg begonnen, die Fördermenge wird um 300 Millionen Tonnen reduziert. An diesem Ausstieg wollen wir in den nächsten fünf Jahren in der Landesregierung anknüpfen und ihn innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte abschließen.

Ist Schwarz-Grün für Sie eine Option in NRW?

Löhrmann: Wir wollen ein gutes zweistelliges Ergebnis einfahren, dritte Kraft bleiben und unser Land weiter mitgestalten. Wenn es für Rot-Grün nicht reichen sollte, wird es voraussichtlich auch für Schwarz-Grün nicht reichen. Dass sich FDP-Chef Christian Lindner jeder Gestaltung verweigert und mit uns in keinem Fall zusammenarbeiten möchte, ist verantwortungslos und grob fahrlässig. Sein einziges Ziel ist der Sprung nach Berlin. Demokratische Parteien müssen aber miteinander gesprächsfähig sein. Wir würden mit allen reden, außer mit der AfD.

Also auch mit der Linkspartei?

Löhrmann: Ja. Aber für eine Koalition braucht man Verlässlichkeit, die sehe ich bei der NRW-Linken derzeit nicht. Die verspricht allen alles gleichzeitig, und das geht nicht. Ich hätte zum Beispiel nicht nur den Grund- und Hauptschulleitern eine bessere Besoldung gegönnt, sondern auch deren Stellvertretern. Aber wir können nicht alles auf einmal stemmen. Das und die bessere Bezahlung aller Grundschullehrkräfte haben wir Grüne uns für die nächste Legislaturperiode vorgenommen.

Können wir uns sechs Flughäfen in NRW leisten?

Löhrmann: Die Regionalflughäfen in Westfalen sind Subventionsgräber. Sie sind weder wirtschaftlich noch beim Lärmschutz gut aufgestellt. Wir setzen auf eine bessere Kooperation der beiden großen Airports mit den Regionalflughäfen. Und in Düsseldorf und Köln/Bonn müssen und können wir wirtschaftliche Interessen und die Interessen der Anwohner noch besser in Einklang bringen.

 
 

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