Studenten müssen zur Vorlesung in den Baumarkt

Christopher Onkelbach, Matthias Korfmann
Es wird eng an den Unis: Studenten bei einer Erstsemester-Begrüßung.
Es wird eng an den Unis: Studenten bei einer Erstsemester-Begrüßung.
Die NRW-Unis stehen vor einem neuem Ansturm der Studenten. Manche Gebäude werden nicht rechtzeitig zum Beginn des Wintersemesters fertig. Es gibt Not-Hörsäle und Notunterkünfte. Die Lage wird sich noch verschärfen, wenn im nächsten Jahr der doppelte Abiturjahrgang zu den Hochschulen drängt.

Essen. Der Ansturm der Studenten reißt nicht ab und stellt die Universitäten in NRW vor riesige Probleme.

Im vergangenen Wintersemester waren an den Hochschulen in Nordrhein-Westfalen knapp 600.000 Studierende eingeschrieben, so viele wie nie zuvor. Dies war der vierte Anstieg in Folge, meldet das Statistikamt des Landes. Auch in diesem Oktober wird die Zahl der Studienanfänger nur unmerklich sinken, um dann 2013 eine neue Rekordhöhe zu erreichen. Dann nämlich verlassen in NRW wegen der Schulzeitverkürzung (G8) erstmals zwei Abiturjahrgänge gleichzeitig die Schulen.

40 Prozent mehr Studienanfänger

Die Zahl junger Menschen mit einer Studienberechtigung schnellt dann um 40 Prozent in die Höhe. Und da nicht alle Schulabgänger sofort mit einem Studium beginnen, sondern zum Beispiel ein freiwilliges soziales Jahr einlegen, wird sich der doppelte Abi-Jahrgang auch noch in den nächsten Jahren auswirken. Bis 2025 bleiben daher nach Prognosen der Kultusminister die Anfängerzahlen bei den Studenten hoch.

Ursachen für den Zustrom sind zudem eine deutlich gestiegene Studierneigung, die Aussetzung der Wehrpflicht sowie ein steigender Anteil beruflich Qualifizierter, die ein Studium nachholen.

Bundesweit fehlen Plätze in Wohnheimen

Was die Bildungspolitiker freut, stellt die Hochschulen vor große Probleme. Bereits im letzten Jahr wurden spontan Autohäuser, Kinosäle, Baumärkte und Container in Seminarräume umfunktioniert. Und seither hat sich die Lage kaum gebessert. Die zum Teil provisorisch umgebauten Räumlichkeiten werden auch im kommenden Semester wieder verwendet, was für die Unis zusätzliche Mietausgaben bedeutet. Zwar werden an vielen Standorten neue Hörsaalgebäude errichtet, doch dies geschieht zu langsam und reicht kaum aus, um die wachsenden Studentenzahlen zu fassen.

So wird das neue Hörsaalzentrum an der Uni Duisburg-Essen wohl nicht bis zum Rekordjahr 2013 fertig werden, fürchtet die Hochschulleitung. 800 Millionen Euro zusätzlich seien nötig, so die Hochschulrektoren, um genügend neue Studienplätze einzurichten. Die Landesregierung fordert vom Bund stärkere finanzielle Unterstützung. Das Deutsche Studentenwerk wiederum fordert die Länder auf, mehr Geld in Wohnraum für Studenten zu investieren. Bundesweit fehlten mindestens 25.000 Wohnheimplätze.

Viele Studiengänge haben einen NC

Die Kultusminister haben mit ihren Voraussagen komplett daneben gelegen. Mit 420 000 Studienanfängern bundesweit hatten sie für 2013 gerechnet. Doch 2011, also zwei Jahre früher, waren es bereits 520 000 Neu-Studenten. Nach den nunmehr korrigierten Prognosen bleiben die Studienanfängerzahlen noch die nächsten 15 Jahre deutlich über 450 000. Allein in NRW werden in diesem Zeitraum jedes Jahr mehr als 100 000 Schulabgänger ein Studium beginnen. Die fehlenden Studienplätze einzurichten, würde bundesweit rund sieben Milliarden Euro kosten, kalkuliert Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.

Was diese angespannte Lage für die jungen Menschen bedeutet, bringt Franz Bosbach, Pro-Rektor für Lehre an der Uni Duisburg-Essen, auf den Punkt: „Jetzt werden Zukunfts-Chancen verteilt.“ Wer einen der knappen Studienplätze ergattert, hat den ersten Schritt auf dem Karriereweg geschafft. Doch viele talentierte junge Leute, so die Befürchtung, könnten sich durch fehlende Plätze und strenge Zulassungsgrenzen (Numerus clausus) von einem Studium abschrecken lassen – kaum ein Studiengang, der nicht mit einem NC versehen ist.

Was macht die Politik? 

Die Landesregierung verspricht, dass jeder Studierwillige auch studieren kann – nur nicht in seinem Traumfach an seiner Wunsch-Uni. 1,8 Milliarden Euro geben Land und Bund für die Einrichtung neuer Studienplätze in NRW. Bis 2015 sollen dadurch 97 000 neue Plätze geschaffen werden. Zusätzlich sollen in diesem Zeitraum knapp 1000 neue Medizin-Studienplätze entstehen. Mit weiteren 33 Millionen Euro reagierte die Landesregierung auf die Abschaffung der Wehrpflicht, was die Zahl der Studienbeginner zusätzlich anwachsen lässt.

Dass dies alles nicht reichen wird, ahnt NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD), weshalb sie vom Bund eine Aufstockung der Hochschulpakt-Mittel verlangte. Die Rektoren klagen: „Der Trend zum Studium hält an, doch die Ressourcen halten nicht mit.“

Was machen die Hochschulen?

Gebaut wird fast überall. An der Ruhr-Uni Bochum entstehen zwei große Hörsaalzentren und ein neues Studentenwohnheim. Das Personal wird aufgestockt. Die Fachhochschule Bochum baut an, und in Heiligenhaus entstand ein neuer Campus. An beiden Standorten der Uni Duisburg-Essen werden große Hörsaalzentren gebaut mit jeweils rund 1000 Plätzen. An der TU Dortmund wird an einem Seminar- und Hörsaalgebäude gearbeitet, das ab September 2012 bezugsfertig sein soll. In Siegen werden neue Seminar- und Büroräume errichtet, die Arbeiten für den „Campus Altstadt“ beginnen 2013. Und so fort.

Zusätzlich haben viele Hochschulen externe Räumlichkeiten angemietet. In Essen hat die Uni zum Beispiel Räume in den Cinemaxx-Türmen bezogen. Das Gebäude eines ehemaligen Elektronik-Discounters dient jetzt der Mathematischen Fakultät als neues Heim. In Duisburg bietet das ehemalige Arbeitsamt Mitarbeitern und Studenten Platz. Und da für Klausuren in Massenfächern besonders viel Platz benötigt wird, bittet die Uni ihre Prüflinge zur Trabrennbahn in Recklinghausen.

Trotz aller Probleme: „Die Studien-Chancen sind nicht kleiner geworden“, meint Pro-Rektor Bosbach. „Man muss sich nur früher umsehen und sich fragen, was man will.“ Und manche Professoren zeigen in diesem Moment mit dem Finger in Richtung Osten: In den neuen Bundesländern ist noch viel Platz.

Was bemängeln die Studenten? 

Zum Beispiel, dass es in der Vergangenheit zu Verzögerungen bei den Bafög-Anträgen kam. Helga Fels von der Arbeitsgemeinschaft der Studentenwerke in Nordrhein-Westfalen dazu: „Das Land hat uns Unterstützung versprochen, wir gehen davon aus, dass wir mehr Personal einstellen können. Ziel ist, Bafög-Anträge in zwei Monaten zu bearbeiten. In der Regel schaffen wir das auch. Häufig entstehen Verzögerungen, weil Studierende ihre Unterlagen nicht vollständig einreichen.“

Gibt es genug Wohnheimplätze?

Nein, zumindest in Köln und Siegen ist die Lage schlimm. In Siegen wird es wieder Notunterkünfte geben.

Pamela Longhitano von der Fachschaft Wirtschaftswissenschaften an der Ruhr-Uni fürchtet, dass sich das Wohnungsangebot im nächsten Jahr, wenn der doppelte Abiturjahrgang kommt, stark verschlechtern könnte. „Heute schon müssen viele ein bis zwei Semester auf einen Wohnheimplatz warten“, sagt Jasmina Wetzel, Wirtschafts-Studentin in Bochum.

Die Studentenwerke in Nordrhein-Westfalen meinen, es sei viel getan worden, um Studenten Wohnungen anbieten zu können. „Wir haben große Wohnanlagen in Bochum und Duisburg mit Geld aus dem Konjunkturpaket II sanieren können. Im Ruhrgebiet gibt es auch auf dem freien Markt viele Wohnungen. In Bochum wird sicher kein Feldbett aufgestellt werden müssen“, sagte Helga Fels von der Arbeitsgemeinschaft der Studentenwerke NRW. Im nächsten Jahr werde sich die Situation aber ändern. Fels: „Wir müssen dann jede kreative Möglichkeit nutzen.“