Streit ums IS-Öl verschärft ihren Konflikt

Ankara/Moskau..  Sogar Barack Obama sah sich am Dienstag gezwungen, die beiden Kontrahenten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan öffentlich zu ermahnen. „Wir haben alle einen gemeinsamen Feind. Das ist der IS. Und ich will sicher sein, dass wir uns auf diese Bedrohung konzentrieren“, erklärte der US-Präsident nach einem Treffen mit dem türkischen Präsidenten in Paris.

Seit dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die Türkei fliegen zwischen Putin und Erdogan die Fetzen. Vorläufiger Höhepunkt in diesem Krieg der Worte: der Vorwurf des Kremlchefs, die Türkei habe mit dem Abschuss den lukrativen Rohölhandel mit dem IS schützen wollen. Damit rückt Moskau einmal mehr die zwielichtige Rolle Ankaras im Umgang mit der Terrormiliz ins Rampenlicht. Entsprechend gereizt reagierte Erdogan. „Sollte es Beweise für solche Behauptungen geben, würde ich zur Ehre unserer Nationen meinen Posten räumen.“

Die Komplizenschaft der Türkei mit dem „Islamischen Staat“ hat zahlreiche Facetten. Unter anderem kontrollieren die Dschihadisten zwischen Kobane und Kilis einen 100 Kilometer langen Grenzstreifen mit dem Nato-Mitgliedsstaat, über den der Schmuggel mit Waffen, Geld, Antiquitäten und Lebensmitteln abgewickelt wird, und über den praktisch sämtliche neuen IS-Rekruten in das Kernland des „Islamischen Kalifats“ eingeschleust werden. Seit Juli schwört Ankara, endlich diese heikle Grenzregion mit ihren beiden Orten Cobanbey und Jarabulus abzuriegeln. Doch nichts geschieht, und der internationale Unmut wächst. „Das Spiel seit Paris hat sich geändert. Das Maß ist voll, die Grenze muss verschlossen werden“, zitierte das „Wall Street Journal“ einen hohen Mitarbeiter aus dem Weißen Haus. „Das ist eine internationale Bedrohung, das alles kommt aus Syrien und geht über türkisches Territorium.“

IS hat mit Ölhandel allein 2015 eine halbe Milliarde Dollar verdient

Man brauche keinen Rat von außen, auch nicht von unseren amerikanischen Partnern, retournierte die Türkei. Durch Putins Auftreten ist zusätzlich nun auch der IS-Rohölschmuggel mithilfe türkischer, irakischer und kurdischer Mafiabanden in den Fokus gerückt. In Hunderten von Tankwagen gelangt das schwarze Gold der schwarzen Gotteskrieger zunächst nach Zakho ins irakische Kurdistan, wo die heiße Ware versteigert und mit offiziellen Papieren versehen wird. Danach übernehmen türkische Spediteure die Fracht und bringen sie – zusammen mit dem kurdisch-nordirakischen Exportöl – zu den Hafenterminals von Mersin, Dortyol und Ceyhan. Andere Teile der IS-Produktion werden offenbar nach wie vor an das syrische Regime verkauft oder für den Eigenverbrauch im „Islamischen Kalifat“ raffiniert.

Trotz Dumpingpreisen brachte der Rohölexport der Terrormiliz seit Anfang 2015 rund 500 Millionen Dollar ein – so schätzt das US-Finanzministerium. Washington kalkuliert die illegale Ölproduktion auf 40.000 bis 50.000 Barrel pro Tag, andere Experten sehen sie eher bei 20.000 und 30.000 Barrel. Neun Stunden dauern die Schichten auf den rund 160 IS-Ölquellen. Die meisten Facharbeiter und Ingenieure wurden von der Terrormiliz weiter beschäftigt. Aufwändigere Reparaturen erledigen von außen angeheuerte Experten zu exorbitanten Stundenlöhnen. Die mehr als 6000 alliierten Luftangriffe haben das blühende Geschäft nicht zum Erliegen gebracht, auch weil die US-Kampfpiloten bislang Opfer unter den zivilen Tankwagenfahrern vermeiden wollten. Doch mit solchen Rücksichten ist es seit Paris vorbei. Rund 300 Tanklaster haben die Angreifer in den letzten beiden Wochen aus der Luft zerstört. 45 Minuten vor den Raketen regneten Flugblätter auf die Konvois herunter: „Sofort raus aus euren Lastwagen“, stand auf den Warnungen. „Lauft weg.“

 
 

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