Steinbrück in der Sozialneid-Falle

Foto: dapd/Adam Berry

Steinbrücks Kritikern möchte man zurufen: Lasst die Tassen im Schrank. Hat Deutschland nicht ­andere Probleme als das Gehalt der oder des Regierungsvorsitzenden? Wie geht es eigentlich mit dem Euro weiter? Mit Deutschland oder Frankreich oder dem Berlusconi-gefährdeten Italien? Wie ist es um die ­soziale Balance in Deutschland ­bestellt und was kann man machen? Wie wollen wir umgehen mit der ­Einsamkeit von zwei Millionen ­Menschen, die über 80 Jahre sind und alleine leben? Und so weiter.

Aber so einfach ist es nicht. Es ist sogar schwierig – für Steinbrück und die SPD. Denn der sozialdemokratische Kandidat hat sich in die Sozialneid-Falle begeben und er ­bemerkt es nicht einmal.

Deshalb verteidigt er sich, indem er sagt, er habe doch gar nicht gefordert, ein Kanzler müsse mehr Geld verdienen. Das stimmt, aber es ist nicht das Problem. Das besteht darin, dass es nicht den sozialdemokratischen Genen entspricht, das Gehalt eines Regierungschefs mit dem eines Sparkassenchefs zu vergleichen, sondern beider Entlohnung mit der einer Krankenschwester.

Dieselbe Kluft zwischen SPD-Kandidat und SPD tat sich auf, als Steinbrück Wein ablehnte, falls der denn weniger koste als fünf Euro. Oder lange nicht verstand, wie man es überhaupt anstößig finden kann, für eine Stunde Reden 25.000 Euro zu bekommen.

Derartige Sätze ­haben stets etwas Abschätziges an sich, sie sind nicht bodenständig und schon gar nicht mitfühlend und erst recht nicht sozialdemokratisch, sondern arrogant, übrigens auch gegenüber Sparkassendirektoren. Angela Merkel hat man jedenfalls nie so reden hören.

Vielleicht ist Steinbrück der Ver­suchung erlegen, den Applaus bei arbeitgebernahen Veranstaltungen schon mal hochzurechnen in Stimmenprozente für einen SPD-Kanzlerkandidaten. Vielleicht verweigert er sich der Erfahrung, dass ein Halb­privat-Redner Steinbrück anders wahrgenommen wird als der wichtigste Repräsentant seiner Partei im Wahljahr.

Vielleicht weiß er noch nicht, dass er mit seiner Karriere-Entscheidung einschränken muss, was er am meisten liebt: seine ­Freiheit. Einen Kanzler, der stets ­öffentlich sagt, was er denkt, mag man sich lieber nicht vorstellen.

 
 

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