Steckbrief-Kampagne gegen Radikalisierung empört Muslime

Miguel Sanches
Riesenwirbel um die Steckbrief-Aktion: Das Innenministerium wirbt seit Montag mit Plakaten für eine Anlaufstelle gegen islamistische Radikalisierung. Mehrere muslimische Verbände sprechen von "Stigmatisierung" und wollen die "Sicherheitspartnerschaft" mit den Behörden auf Eis legen. Auch NRW-Integrationsminister Schneider ist entsetzt.

Berlin. Eine Steckbrief-Aktion von Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) empört Muslime. Mit Plakaten wirbt sein Ministerium seit Montag in Berlin, Hamburg und Bonn für ein Hilfsangebot, für eine Anlaufstelle gegen islamistische Radikalisierung. Gut gemeint - als Prävention. Aber: Nicht gut gemacht, kritisieren vier muslimische Verbände. Sie sprechen von "Stigmatisierung" und wollen die "Sicherheitspartnerschaft" mit den Behörden auf Eis legen. Sie war erst im Juni 2011 auf einem "Präventionsgipfel" mit großen Hoffnungen gestartet worden. Wenn nun vier von sechs Verbänden abspringen, bleiben nur noch die Aleviten und die Marokkaner. Das Innenministerium hofft, dass sich die Aufregung wieder legt. Es setzt Partnerschaft und Kampagne fort.

Integrationsminister Schneider ist entsetzt

NRW-Integrationsminister Guntram Schneider (SPD) ist entsetzt. "Diese Art der Darstellung wirkt ausgrenzend und kriminalisierend", sagte er unserer Zeitung. Das sei wenig hilfreich, um junge Menschen vor Radikalisierung zu schützen. Und: "Minister Friedrich sollte mehr interkulturelle Kompetenz zeigen."

"Die Kritik ist schon verwunderlich", erklärte Innen-Staatssekretär Ole Schröder der WAZ-Mediengruppe. "Selbstverständlich" habe man Plakate und Anzeigen mit den Verbänden besprochen. Bei einem Präsentations- und Diskussionstermin hätten auch die muslimischen Partner "die Plakatmotive als gut geeignet bestätigt", so Schröder.

Die Plakate - Überschrift: "Vermisst" - zeigen junge Leute, die in die Hände religiöser Fanatiker abzurutschen drohen: "Das ist mein Bruder Hassan. Ich vermisse ihn, denn ich erkenne ihn nicht mehr. Er zieht sich immer mehr zurück und wird jeden Tag radikaler. Ich habe Angst, ihn ganz zu verlieren." Die Kampagne zielt nicht allein auf Jugendliche mit Migrationshintergrund, sondern bezieht auch Konvertiten ein. Neben "Hassan", "Fatima" und "Ahmad" findet sich auf einem der "Vermisst"-Plakate auch ein "Tim".

Beck: "Im schlimmsten Fall führt die Aktion zu neuen Polarisierungen" 

Trotzdem kritisierten die Türkisch-Islamische Union DITIB, der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) und die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland (IGBD), mit den Plakaten werde "eine gesellschaftliche Paranoia heraufbeschworen". In Berlin schloss sich Grünen-Politiker Volker Beck der Kritik an. Im besten Fall werde die Kampagne nutzlos sein, "im schlimmsten Fall führt sie zu neuen Polarisierungen", befürchtete Beck.

Die 300.000 Euro teure Kampagne macht auf eine Telefonhotline der "Beratungsstelle Radikalisierung" aufmerksam. Besorgte Angehörige oder Freunde können sich dort melden, wenn sie vermuten, dass sich jemand aus ihrem Umfeld radikalisiert. Auch mit Anzeigen in Jugendmagazinen und in türkischen Medien sowie in "Facebook" wirbt das Ministerium. Außerdem ist geplant, ab Oktober Gratispostkarten in Berlin, Bochum, Bonn, Duisburg, Frankfurt, Hamburg, München, Köln, München, Solingen und Wuppertal zu verteilen.

Vor allem "das Phänomen der Selbstradikalisierung" ist nach Schröders Worten ein Problem. Eltern, Angehörige, Freunde und Lehrer bemerkten oft als erste die Veränderung eines Menschen, die durch islamistische Radikalisierung entsteht. Die Anlaufstelle ist auf die Kooperation mit den muslimischen Verbänden angewiesen. Denn bisher meldeten sich kaum Menschen mit Migrationshintergrund. Bisher wurde die Hotline fast nur von deutschen Eltern von Konvertiten genutzt.