Stanford-Professor: Zu wenige Praktiker an den NRW-Unis

Burton Lee informiert sich in einem Messlabor der Ruhr-Universität Bochum über Forschungen zur IT-Sicherheit.
Burton Lee informiert sich in einem Messlabor der Ruhr-Universität Bochum über Forschungen zur IT-Sicherheit.
Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services
Stanford-Professor Burton Lee berät die Ruhr-Uni Bochum. Er empfiehlt dem Ruhrgebiet einen Mentalitätswechsel hin zu "körperlich leichteren Themen".

Bochum.. Die Zahl der Unternehmensgründungen in NRW steigt. Die Quote liegt aber noch immer unter dem Bundesdurchschnitt. Insbesondere im Ruhrgebiet fehlt der Mut für den Schritt in die Selbstständigkeit. Burton Lee, Professor an der Stanford University in Kalifornien, berät die Ruhr-Universität Bochum bei ihrem Bemühen, die Gründertätigkeit im Ruhrgebiet anzukurbeln.

Mister Lee, was führt Sie aus dem sonnigen Kalifornien ins Revier?

Burton Lee: Der Rektor der Ruhr-Universität hat mich für neun Tage nach Bochum eingeladen. Als Gastprofessor berate ich die Hochschule dabei, wie sie mehr tun kann, um Innovationen und Unternehmensgründungen in der Region anzustoßen. Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie die Uni helfen kann, mit IT-Forschung und Start-ups das Wirtschaftswachstum anzukurbeln.

Sie gelten als einer der gefragtesten Experten bei Fragen rund um Innovationen und Unternehmensgründungen im Silicon Valley. Warum tut sich das Ruhrgebiet so schwer, Hochschulabsolventen für die Selbstständigkeit zu gewinnen?

Lee: Das Ruhrgebiet ist in den letzten 200 Jahren mit Schwerindustrie, Maschinenbau, Bergbau und Stahl aufgewachsen. Hier ist eine Kultur anzutreffen, die immer noch mit Muskelarbeit tief im Kohlestollen in Verbindung gebracht wird.

Es braucht viel Zeit, dass sich das Ruhrgebiet mit körperlich leichteren Themen wie der Software-Entwicklung beschäftigt. Dafür ist ein gewaltiger Veränderungsprozess hin zur digitalen Kultur nötig. Damit tut sich im übrigen nicht nur das Revier schwer. Auch in den USA, Polen, Russland oder Japan gibt es diese Probleme.

Das Silicon Valley gilt als die weltweit bedeutendste Schmiede für IT- und Hightech-Innovationen. Was kann das Ruhrgebiet vom Silicon Valley lernen?

Lee: Ein Drittel der mittelständischen Unternehmen in Deutschland haben Schwierigkeiten mit der Digitalisierung. Das hat eine Umfrage des Beratungsunternehmens Ernst & Young ergeben. Sie haben nicht die finanziellen Möglichkeiten, um in Informationstechnologien zu investieren und ihnen fehlen die Fachkräfte, die etwa Software entwickeln können. Da müssen Bund, Kommunen, Hochschulen und Unternehmen selbst ansetzen, um mehr Tempo in die Digitalisierung zu bringen und neue Märkte zu erschließen. Gelingt das nicht, wird die deutsche Wirtschaft ins Hintertreffen geraten.

Was können die Hochschulen dazu beitragen, um Digitalisierung und Gründergeist zu stimulieren?

Lee: Die Hochschulen müssen noch näher an die Unternehmen heran. Deutsche Universitäten neigen dazu, sehr theoretisch zu forschen und zu lehren. Das ist etwa an der Stanford University, an der ich unterrichte, völlig anders. Auch in Deutschland müssen Studenten unter möglichst realen Bedingungen lernen, wie sie ein Unternehmen gründen und Produktideen testen können.

Wir brauchen mehr Firmenchefs, die idealerweise selbst Gründer waren und ihr Wissen an Studenten weitergeben. In den Vorlesungen sollten auch Investoren zu Wort kommen. Hierzulande haben Volkswirtschaftler in der Lehre ein zu großes Gewicht. Es fehlen die Praktiker, die junge Leute für Start-ups und damit auch dafür begeistern können, ein gewisses Risiko zu übernehmen.

Sie haben einmal gesagt, dass die Deutschen sehr skeptisch gegenüber allem Neuen seien. Woran liegt das?

Lee: Ich versuche gerade herauszufinden, warum es in Deutschland so große Vorbehalte gibt, Risiken zu übernehmen und Lebensumstände zu verändern. Ich glaube, dass die Deutschen ein sehr großes Bedürfnis nach Sicherheit haben und alles am liebsten wissenschaftlich überprüft sehen wollen. Im Silicon Valley sind die Folgen einer gescheiterten Unternehmensgründung längst nicht so groß wie in Deutschland, wo man sich gleich schämen muss.

Glauben Sie, dass sich das Klima für Gründungen und Innovationen im Ruhrgebiet verbessern kann?

Lee: Ich bin beeindruckt über die Forschung zur IT-Sicherheit an der Ruhr-Uni Bochum. Das ist ein Juwel für die ganze Region. Ich bin sehr optimistisch, dass das Ruhrgebiet große Potenziale hat. Der Strukturwandel ist nicht über Nacht möglich. Wenn Landesregierung, Städte, Hochschulen, Konzerne und der Mittelstand zusammenarbeiten und ihren Fokus auf einen Kulturwandel legen, wird der Strukturwandel gelingen.

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