SPD versinkt im Chaos: Diese Zahl zeigt das ganze Ausmaß der Misere

Die SPD muss sich eine neue Vorsitzende suchen. Andrea Nahles musste nach einem Jahr zurücktreten.
Die SPD muss sich eine neue Vorsitzende suchen. Andrea Nahles musste nach einem Jahr zurücktreten.
Foto: dpa

Die SPD liegt in Trümmern. Deutschlands älteste Partei steht vor dem Sturz in die Belanglosigkeit. In aktuellen Umfragen stehen die Sozialdemokraten bei gerade noch 12 Prozent, nur einen Punkt vor der AfD. Die einst stolze Volkspartei ist kurz davor, nur noch viertstärkste politische Kraft zu sein. Was für ein dramatischer Absturz. Bei der Bundestagswahl 2005 holte die SPD noch über 34 Prozent. Ergebnisse, von denen die Partei derzeit nicht einmal mehr träumen kann.

Und nach dem Rücktritt von SPD-Parteichefin Andrea Nahles ist außerdem völlig unklar, wie es mit der Partei weitergeht: personell und inhaltlich. Niemand tritt vor, um die Nachfolge von Nahles anzutreten. Stattdessen führt ein Übergangstrio aus Thorsten Schäfer-Gümbel, Malu Dreyer und Manuela Schwesig die Partei.

SPD verbraucht Vorsitzende in Rekordzeit

Am Vorsitz der Partei hat aber bisher kein Mitglied des Trios öffentlich Interesse angemeldet - im Gegenteil. Und das wohl aus gutem Grund. Denn eine Zahl bringt die ganze Misere der SPD, ihren Absturz, auf den Punkt: 12. So viele lebende Ex-Vorsitzende hat die SPD:

  1. Hans-Jochen Vogel (Parteichef von 1987 bis 1991)
  2. Björn Engholm (1991 bis 1993)
  3. Rudolf Scharping (1993 bis 1995)
  4. Oskar Lafontaine (1995 bis 1997)
  5. Gerhard Schröder (1999 bis 2003)
  6. Franz Müntefering (2004 bis 2005)
  7. Matthias Platzeck (2005 bis 2006)
  8. Kurt Beck (2006 bis 2008)
  9. Franz Müntefering (2008 bis 2009)
  10. Sigmar Gabriel (2009 bis 2017)
  11. Martin Schulz (2017)
  12. Andrea Nahles (2017 bis 2018)

Zählt man die kommissarischen Parteichefs Frank-Walter Steinmeier und Olaf Scholz mit, ließe sich diese Liste sogar auf 14 ehemalige Parteichefs erweitern. Und außer Gabriel konnte sich seit SPD-Übervater Willy Brandt (1964 bis 1987) kein einziger Parteichef länger als fünf Jahre im Amt halten. Zum Vergleich: Die CDU hat exakt zwei lebende Ex-Parteichefs. Wolfgang Schäuble und Angela Merkel.

SPD geht brutal mit der eigenen Führung um

Der hohe Verschleiß bei der SPD zeigt, wie brutal die Partei mit ihrer Führung umgeht. Schließlich verließ kaum ein Chef freiwillig das Amt an der Spitze. Müntefering musste 2005 gehen, nachdem Andrea Nahles in einer Kampfabstimmung Münteferings Kandidaten für das Amt des Generalsekretärs geschlagen hatte. Und Müntefering selbst beteiligte sich 2008 am Sturz seine Nachfolgers Kurt Beck – und wurde erneut Parteichef.

Und auch Rudolf Scharping wurde 1995 von Oskar Lafontaine weggeputscht. Nun also Nahles. Schließlich musste auch sie gehen, weil die Partei ihr nicht mehr vertraute. Die für den Dienstag angesetzte Neuwahl der 48-Jährigen an die Fraktionsspitze hätte sie verloren. Das hatten andere Mitglieder der Bundestagsfraktion ihr signalisiert. Die erfahrene Politikerin wusste, dass ihre Zeit abgelaufen war.

Kevin Kühnert zeigt sich schockiert

Die Brutalität, mit der die Partie gegen ihre eigenen Vorsitzenden vorgeht, schockiert mittlerweile auch ihre eigenen Mitglieder. „Wer mit dem Versprechen nach Gerechtigkeit und Solidarität nun einen neuen Aufbruch wagen will, der darf nie, nie, nie wieder so miteinander umgehen, wie wir das in den letzten Wochen getan haben. Ich schäme mich dafür“, twitterte etwa Juso-Chef Kevin Kühnert.

Und Yasmin Fahimi, ehemalige Generalsekretärin der SPD, schrieb ebenfalls auf Twitter: „Ich bin entsetzt über soviel Mangel an Anstand und Unfähigkeit sich selbst den Spiegel vorzuhalten. Von Entgiftung faseln und dabei Gift verspritzen. Geht‘s noch?!“ Darin bezog sie sich auf Äußerungen von Sigmar Gabriel, der gefordert hatte, die Partei müsse sich entgiften.

Gabriel hatte selbst indirekt gegen Nahles geschossen

Denn es war es Gabriel selbst, der schon wenige Stunden nach der verlorenen Europawahl am Sonntag im TV bei „Anne Will“ seine Nachfolgerin indirekt kritisierte: „In Berlin müssen jetzt diejenigen Verantwortung übernehmen, die den heutigen personellen und politischen Zustand in der SPD bewusst herbeigeführt haben.“ Und Gabriel war es auch, der seinen direkten Nachfolger Martin Schulz öffentlich als „Mann mit den haaren im Gesicht“ bloßstellte - auch wenn er diese Äußerung später bedauerte.

Wer auch immer nun neuer Parteichef wird. Die SPD muss lernen, pflegsamer mit ihrer Führung umzugehen. Ansonsten droht ihr womöglich wirklich der Sturz in die Bedeutungslosigkeit.

 
 

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