So suchen Ermittler den Erreger der Ehec-Epidemie

Alles ist wieder offen: Die Suche nach dem Ehec-Erreger geht weiter, und niemand weiß, ob Tomaten, Gurken, Salate und Sprossen die richtigen Verdächtigen sind. Die Arbeit der Forscher gleicht einer kriminalistischen Aufgabe, erzählt der Bochumer Mikrobiologe Sören Gatermann.

Essen. Ob es die Sprosse war, die tausende Menschen zum Teil schwer erkranken und mehr als 20 sterben ließ – am Montag ist wieder alles offen. Dabei war sich noch einen Tag zuvor der niedersächsische Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) so sicher, die Quelle der gefährlichen Darmerkrankungen gefunden zu haben.

Bei „epidemiologischen Auswertungen“, hieß es, sei ein Zusammenhang zwischen den Infektionen und Sprossen aus einem Gartenbaubetrieb im niedersächsischen Bienenbüttel festgestellt worden. Lindemann berief sich auf die Untersuchung der Handelswege – und damit auf reine Indizien. Und die konnte das Labor am Montag eben nicht bestätigen.

Aber auch nicht dementieren. „Der Beweis ist unter Umständen nicht mehr zu führen, wenn zum Beispiel Geräte gründlich gereinigt wurden“, sagt Professor Sören Gatermann der WAZ. Gatermann leitet das Institut für Hygiene und Mikrobiologie an der Ruhr-Universität Bochum.

Sprossen seit langem auf der roten Liste

Eine Packung mit Sprossen, die ein Hamburger den Behörden überließ, könnte den Nachweis doch noch liefern. Der Mann habe die Sprossen aus dem niedersächsischen Betrieb im Kühlschrank vergessen, sagte der Präsident des Bundesinstitutes für Risikobewertung, Andreas Hensel.

Ehec unter der Lupe

Sprossen stehen – auch das wird nun bekannt – seit langem auf der roten Liste der Mikrobiologen. Schon im Jahr 2009 warnte das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Senioren, Kinder, Kranke und Schwangere generell vor dem Verzehr roher Sprossen. Vor einem Jahr wies obendrein das Bundesinstitut für Risikobewertung auf die hohe Keimbelastung frischer, fertig verpackter Sprossen hin: Sie seien zum Ende des Mindest-Haltbarkeitsdatums überdurchschnittlich hoch mit Keimen – auch Ehec – belastet. „Da ist viel drin“, bestätigt Sören Gatermann über die vermeintlich gesunden Sprossen.

Mitunter sitzen die Erreger bereits im Saatgut. Deshalb nütze es nur bedingt, die Sprossen gründlich zu waschen. Wer auf Nummer sicher gehen wolle, müsse die Sprossen einmal durcherhitzen, so die mikrobiologische Einschätzung des Bayerischen Landesamtes.

Führt die Spur zum Hamburger Großmarkt?

Besser wäre wohl, die kontaminierte Ware erst gar nicht in den Verkauf zu lassen. Für Gatermann ist dies allerdings ei­ne Utopie. „Der Aufwand wäre kaum zu leisten, jede Charge müsste auf gefährliche Erreger untersucht werden.“ Wie schon so oft in den vergangenen Wochen rät er, das Gemüse gründlich zu waschen, „wer das unterlässt, der macht ei­nen Fehler“, sagt er, um im nächsten Atemzug den Verbraucher zu entlasten: „Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es einfach nicht.“

Ob es nun die Sprosse war, die Tomate oder Gurke? „Das herauszufinden, ist regelrecht eine kriminalistische Aufgabe“, sagt der Bochumer Experte. Er glaubt längst nicht mehr an eine einzige Ehec-Quelle. Für ihn steht allerdings fest, dass Hamburg der Ausgangspunkt ist, der riesige Großmarkt, die Drehscheibe am Hafen. Wenn dort ein Fehler passiere, dann seien sicherlich gleich mehrere Gemüsesorten betroffen.

Kein Wunder, dass die Forscher – oder besser: Ermittler – statt einer Entwarnung nur neue Verdächtige wie jetzt die Sprossen benennen. Weshalb Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner ihre Warnung vor Gurken, Tomaten und Salat aufrecht erhält. Und die Sprossen schlicht hinzufügt.

 
 

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