So putzen die Schotten Klinken für ihren Traum der Unabhängigkeit

Die Schotten sind jetzt zum offenen Straßenwahlkampf übergegangen. „Yes“- und  „No“ -Plakate sind überall zu sehen. Die Entscheidung könnte am Ende hauchdünn ausfallen.
Die Schotten sind jetzt zum offenen Straßenwahlkampf übergegangen. „Yes“- und „No“ -Plakate sind überall zu sehen. Die Entscheidung könnte am Ende hauchdünn ausfallen.
Foto: Getty Images
Erst jetzt, kurz vor der Abstimmung über die Unabhängigkeit Schottlands, ahnen die Briten, was ihnen bevorstehen könnte. In Schottland hat die Wahl zwischen „Yes“ und „No“ eine nationale Debatte ausgelöst. Werber gehen von Haus zu Haus, von Tür zu Tür. Am Ende dürften viele aus dem Bauch heraus entscheiden.

Edinburgh.. Demokratie in Aktion: Rund ein Dutzend Freiwillige für die „Yes Scotland“-Kampagne treffen sich an einem Spätsommerabend vor einem Drogerie-Shop im „Inch“, einem Stadtteil im Süden von Edinburgh. Ganz normale Leute: ein paar Studenten, einige Hausfrauen, eine Professorin der Altertumskunde, ein Taxifahrer, die meisten eher mittleren Alters. Einige haben ein Yes-Button am Revers, anderen sieht man nicht an, dass sie Anhänger der Unabhängigkeit für Schottland sind. Sie bewaffnen sich mit Wahlbroschüren und Yes-Stickern, dann geht es los. Haus für Haus in der Nachbarschaft muss abgeklappert werden. Canvassing nennt sich das, zu deutsch etwa: direkte Stimmenwerbung.

Daniel und seine Frau Louise, beide Biologen an der Universität von Edinburgh, machen diese Ansprache von Wählern schon seit Monaten. Sie haben sich den „Cumnor Crescent“ vorgenommen, eine ruhige Straße in einem Arbeiterviertel, hautsächlich Mietsblöcke, wenige Eigenheime, eine traditionelle Labour-Hochburg.

Stimmen-Eroberungszüge von Tür zu Tür

Klinkenputzen für die gute Sache kann frustrierend sein, besonders wenn niemand die Tür aufmacht. Oder gleich wieder schließt, wenn Daniel und Louise sich als Separatisten zu erkennen geben. Dann trägt Daniel in seine Liste der Namen und Adressen ein, dass hier wohl ein Unionist lebt, der am 18. September, wenn das Referendum über die Unabhängigkeit ansteht, mit Nein stimmen wird.

Ihr Eröffnungsgambit ist immer das gleiche: Ob sie eine ganz kurze Frage stellen dürfen? Nummer Fünf im Cumnor Crescent, eine ältere Frau mit strahlend weiße Zähnen, lässt sich darauf ein. Ob sie denken würde, dass Schottland eine unabhängige Nation werden sollte? Naja, ich weiß nicht, sagt die Frau, besser den Teufel, den man kennt. Andererseits habe sie genug von der Regierung im fernen London, dieser Bande von Konservativen, die sich einen Dreck um Schottland scheren. Jetzt lecken Daniel und Louise Blut: Sie haben eine Unentschiedene entdeckt, es gilt, eine Ja-Stimme zu erobern.

Die alte Dame ist ein „Maybe“ – eine Unentschlossene

Mit der Unabhängigkeit, sagt Daniel, habe man endlich die Chance, eine sozial gerechte Gesellschaft zu schaffen. Freie Kinderbetreuung. Der Nationale Gesundheitsdienst wäre sicher vor Kürzungen aus London. Ein ordentlicher Mindestlohn und steigende Renten. Naja, sagt die Unentschiedene, aber wer finanziert das? Das Nordseeöl gehe doch jetzt schon zur Neige. Wir, antwortet ihr Daniel bestimmt, werden endlich eine Wirtschaftspolitik haben, die auf Schottlands Bedürfnisse gestrickt ist. Außerdem sei Unsinn, was das Nein-Lager über das Nordsee-Öl sagen würde. Dann überreicht er eine Broschüre und markiert Nr. 5 in seiner Liste als ein „Maybe“ - vielleicht stimmt sie doch noch mit Ja.

Nach zwei Stunden Klinkenputzen treffen sich die Aktivisten wieder vor dem Drogerie-Shop. Daniel und Louise sind zufrieden mit ihrem Rundgang. Ihre Kollegen sind geradezu euphorisch. So gut gegangen sei es noch nie, meint Andrew, fast 20 Ja-Wähler habe er gefunden. Die Stimmung ist prächtig, auch deswegen, weil sie bestätigt sehen, was sich in den Meinungsumfragen manifestiert hat: eine Trendumkehr. Zum ersten Mal liegt das Ja-Lager vorn. In den letzten vier Wochen hat man aus einem 22-prozentigen Rückstand eine zwei-prozentige Führung gemacht. Der Sieg scheint zum Greifen nah.

Die ständigen Warnungen aus London sind vielen Schotten langsam lästig

Tatsächlich ist gerade in den letzten Wochen vor der Volksabstimmung das Rennen völlig offen geworden. Lange schien die „Besser zusammen“-Kampagne, der Zusammenschluss der Unionisten, die besseren Argumente zu haben. Mit dem Verbleib im Königreich habe man „das Beste beider Welten“: Höhere Staatsausgaben pro Kopf der Bevölkerung, immerhin rund 1200 Pfund im Jahr mehr als in England. Größerer Einfluss auf der Weltbühne. Eine sichere Pfund-Währung und niedrige Hypothekenzinsen. Zugleich regionale Selbständigkeit haben und Teil eines starken Großbritanniens sein. Kurz: Ein Alleingang würde Sicherheit und Wohlstand aufs Spiel setzen. Die Risiken wären zu groß.

Es ist eine zweischneidige Taktik. Ein großes Fragezeichen wurde hinter alle möglichen Aspekte einer schottischen Unabhängigkeit gemalt. Eine Währungsunion mit dem Pfund sei ausgeschlossen. Eine EU-Mitgliedschaft wäre unsicher. Die Renten könnten nicht garantiert werden. Ein nationaler Alleingang würde zu Chaos, Währungssturz und Kapitalflucht führen. Die ständigen Warnungen klangen vielen Schotten eher wie eine Beleidigung: Die Besserwisser aus London sagen ihnen, dass sie nicht gut genug für die Unabhängigkeit seien.

Männer zeigen Bein: Der Kilt ist wieder in Mode

In der Thistle Street in der New Town von Edinburgh residiert der Mann, der den Schottenrock neu erfunden hat. Howie Nicholsby, 35, verfolgt mit seinem Laden „21st Century Kilts“ eine Mission: „den Männern in der ganzen Welt eine realistische Alternative zur Hose zu bieten“. Nicholsby lernte sein Handwerk 1996 im Laden seiner Eltern, die ganz traditionelle „Kiltmaker“ sind.

Damals schwappte gerade eine Welle des Nationalstolzes durch Schottland. Der Film „Braveheart“, in der Mel Gibson den Freiheitshelden William Wallace im Kampf gegen die perfiden Engländer spielt, löste eine Renaissance des Nationalismus aus. Autos trugen Aufkleber mit der Botschaft „Steh auf und sei eine Nation“, und der Kilt kam wieder in Mode.

Nicholsby ist ein sehr moderner Schotte. Er konnte mit der engen, oft ans Chauvinistische grenzende Schottlandtümelei nie viel anfangen. Der Kilt dürfte eines der bekanntesten Symbole für schottische Identität sein, aber in seiner durch die romantische Verklärung der Viktorianischen Ära geprägten Version hält Nicholsby ihn für verstaubt bis peinlich.

Er will den Schottenrock wieder „zu seinen originalen Wurzeln als ein alltägliches Kleidungsstück“ zurückbringen. Und schneidert Kilts aus Jeansstoff, Nadelstreifen, manchmal sogar PVC. Mit großem Erfolg. Zu seinen Kunden gehören Vin Diesel, Robbie Williams oder Mario Testino.

Ein ganzes Land fragt sich, was es sein will

„Bis vor ein paar Wochen“, meint der Kilt-Designer, „hätte ich noch gegen die Unabhängigkeit gestimmt.“ Er sei ein Wähler der Konservativen, mithin ein Unionist gewesen. Jetzt trägt er einen Yes-Button und riskiert damit den Hausfrieden, denn seine englische Frau ist entschieden im Nein-Lager. „Aber es gibt Wichtigeres“, sagt Nicholsby. „Wir, als eine Nation von fünf Millionen, könnten wirklich etwas ausrichten.“

Als Geschäftsmann sieht er eindeutige Vorteile einer Autonomie, immerhin soll die Unternehmenssteuer gesenkt werden. Außerdem hat er sich von der elektrisierenden Atmosphäre anstecken lassen: „Von den 16-Jährigen bis zu den Alten: Jeder spricht jetzt über die Unabhängigeit und ist engagiert. Das hat es vorher nie gegeben.“

In der Tat hat das Referendum eine nationale Debatte ausgelöst, die beileibe nicht nur in den Medien ausgetragen wird. An der Bushaltestelle, im Supermarkt, beim Bäcker oder in der Schlange auf dem Postamt: Die Leute reden über ihr Land, über die Zukunft, darüber, wie realistisch die Träume sind, die jetzt hochkommen, und darüber, wie miserabel es wäre, solch eine Jahrhundertchance vorbeigehen zu lassen. „Etwas unglaubliches passiert zur Zeit“, kommentierte der Publizist Paul Mason, „ein ganzes Land von fünf Millionen Menschen fragt sich, auch manchmal ziemlich lautstark, was es sein will.“

Das Gefühl ist mindestens so wichtig bei dieser Entscheidung wie der Verstand

Die Yes-Kampagne hat einen ziemlich starken Trumpf: das Argument der demokratischen Selbstbestimmung. Seit 1970 hatten sechs der elf britischen Regierungen keine Mehrheit in Schottland. Die amtierenden Konservativen stellen zur Zeit einen einzigen Abgeordneten nördlich vom Hadrianswall. Wenn man die Meinung von Ja-Wählern, besonders den jungen, auf einen Satz verkürzen wollte, er würde lauten: Wir wollen unser eigenes Land regieren. Sie sind sicher, sie könnten es besser machen als die Elite im fernen London.

Während das Nein-Lager vor den Risiken warnt, beschwört das Ja-Lager die Chancen. Es fordert die Bürger geradezu auf, von einer besseren Zukunft zu träumen. Schottland wäre zwar eine kleine Nation, heißt es in den Broschüren, aber es könnte wie Norwegen oder Finnland prosperieren, eine dynamische Industrie aufbauen, grüne Technologien fördern und mit den Ölmilliarden einen starken Sozialstaat aufbauen.

Für die Bürger, die seit mittlerweile gut zwei Jahren die Argumente für und wider ad nauseam gehört haben, ist es nicht einfach, angesichts der oft konträren Darstellungen ihre Meinung zu bilden. Für viele mag es daher eine emotionale Entscheidung werden. Howie Nicholsby jedenfalls hat sich schon entschlossen. „Es wäre doch wirklich ein Jammer“, sagt er, „aus Angst vor der Zukunft Nein zu sagen. Nicht genug Kraft zu haben, um optimistisch zu sein.“

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