So entsteht eine kritische Geschichte mit Nutzwert für die Leser

Ulrich Reitz ist Chefredakteur der WAZ.
Ulrich Reitz ist Chefredakteur der WAZ.
Foto: Jakob Studnar
Man kann sich ja mal von seiner eigenen Zeitung was wünschen. Eine Geschichte. Aber nicht irgendeine. Groß muss sie schon sein, die Zeitung hat ja Geburtstag, und wenn man denn so alt wird wie Menschen, die dann, wenn sie so alt sind, in den Ruhestand gehen, muss es eine Story sein, die von der Vitalität dieses Blattes zeugt. Am besten eine, die Vergangenheit und Zukunft verbindet. Am besten irgendwas mit Bergbau.

Essen.. Natürlich was Kritisches. Wenn schon unser Leser denkt, die Journalisten seien doch eigentlich Masochisten, weil sie sich am liebsten mit den Schlechtigkeiten der Welt beschäftigen, dann sollten wir ihnen Recht geben.

Für uns waren schon immer die schlechten Nachrichten die guten, und immer dann, wenn wir, aufgefordert durch unsere Leser („schreiben Sie doch mal was Gutes in die Zeitung“), darüber schreiben, dann liest es sich so, als sei ein Metzger zum Bäcker geworden. Wir sind eben keine Experten fürs Idyll, selbst, wenn wir ganz persönlich vielleicht Romantiker sind und keine Zyniker.

Wir waren bei der kritischen Geschichte aus dem Revier, die was mit Bergbau zu tun hat. Wenn die Story richtig gut sein soll, dann muss sie die Leser nicht nur aufregen, es wäre prima, die Leser hätten auch was davon: einen möglichst konkreten Nutzen für ihr Leben. Kritischer Nutzwert-Journalismus ist also gefragt bei unserer Geschichte. Für eine richtig tolle Geburtstagsgeschichte reicht das immer noch nicht. Prima wäre es, wenn sich möglichst viele Menschen dafür interessieren würden.

Dafür braucht man Daten. „Big data“, das ist ja heute so in aller Munde. Allein das Wort schon ist trendig. Englisch und mythisch irgendwie. Es geht dabei um die Frage, wie man es schafft, möglichst große Datenmengen zu bewältigen. Mehr als das: Für viele Menschen gleichzeitig nutzbringend aufzuarbeiten. Das gibt es auch in unserem Metier. Das Phänomen ist neu und heißt: Daten-Journalismus. Das gibt es schon länger, aber ernsthaft und systematisch beschäftigen sich Journalisten seit ungefähr einem Jahr damit. Daten-Journalismus ist anstrengend, kann aber viel.

So arbeiten Journalisten

Journalisten können sich zum Beispiel die Messdaten aller Flüsse in Nordrhein-Westfalen beschaffen, sie können es jedenfalls versuchen. Es kann sein, dass es in einem solchen Fall Behörden gibt, die sagen: Nein, diese Daten kriegt ihr nicht. Die sind nämlich geheim. Dann sollten anständige, also respektlose Journalisten sagen: Nur weil ihr vom Amt etwas für geheim haltet, ist es noch lange kein Geheimnis. Vielleicht hat die Öffentlichkeit ja doch Interesse, zu erfahren, wie es um die Gift-Belastung von Flüssen bestellt ist. Wenn die Behörde dann sagt: „Uns doch egal“, dann wird sie eben verklagt. Neuerdings gewinnen Journalisten immer öfter solche Prozesse. Auch das hat etwas damit zu tun, dass Daten-Journalismus immer beliebter wird. Mal abgesehen davon, dass es einem auch ein stilles Vergnügen bereitet, gegen die Obrigkeit zu siegen.

Wenn nun ein Journalist oder ein Team von Journalisten (einer allein schafft das kaum), die Messdaten aller nordrhein-westfälischen Flüsse hat, besitzt er viele Zahlen, hat aber noch keine Geschichte. Auf die Beschaffung der Daten folgt deren Auswertung, danach die Aufbereitung – möglichst spannend, möglichst konkret. Das gibt dann die Story. Überschrift drüber „Ruhr immer giftiger“, und fertig. Von wegen.

Daten für die Leser

Wäre doch prima, wir könnten mehr tun als in den vergangenen 65 Jahren. Nämlich die Leser nicht nur mit einer schmissigen Interpretation überraschen, sondern ihnen selbst die Daten zur Verfügung zu stellen. Nicht den ganzen Satz im Daten-Durcheinander, sondern super-sauber aufbereitet. Als journalistische Dienstleistung gewissermaßen. Dann kann der Leser selbst gucken, was das mit seinem Leben macht, wenn er in, sagen wir, Mülheim an der Ruhr wohnt und beispielsweise Angler ist. Oder einen wassersüchtigen Golden Retriever hat, der ständig beim Spazierengehen in die Ruhr springen muss.

Das wäre also geklärt. Aber zurück zum Geburtstagswunsch. Was soll das denn nun für eine Geschichte sein, die spannend erzählt werden kann, möglichst viele Menschen betrifft und obendrein noch ein nützlicher Begleiter im Leben unserer Leser sein kann? Nun, hier ist mein Wunsch an die Redaktion:

Findet heraus, welche Häuser und Grundstücke im Revier in welcher Straße wie gefährdet sind durch den Bergbau der jüngeren Vergangenheit.

Ja, und das machen die jetzt.

 
 

EURE FAVORITEN