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Sexueller Missbrauch wurde von der Kirche gezielt vertuscht

Papst Franziskus während seines Besuchs in Irland.
Foto: Danny Lawson / dpa
Ergebnisse der Studie zum Missbrauch in der katholische Kirche liegen vor. Sie zeigen, wie es die Amtskirche mit der Aufklärung hielt.
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Berlin.  Ihr Umgang mit dem Missbrauchsskandal ist kein Ruhmesblatt für die katholische Kirche – das sieht selbst der Papst so. Erst kürzlich räumte Franziskus ein, dass die „Kirchenbehörden in der Vergangenheit diese Verbrechen nicht immer angemessen angegangen sind“. Er sprach von einer „offenen Wunde“.

Der Pontifex, der kurz zuvor in Irland mit dem brisanten Thema konfrontiert worden war, bezog sich dabei auf die katholische Kirche insgesamt. Franziskus will den Umgang mit Missbrauchsfällen bei einem Kirchengipfel im Februar 2019 mit den Chefs aller nationalen Bischofskonferenzen besprechen.

Auch in Deutschland müssen sich die Bischöfe vorwerfen lassen, dass sie allen Bekundungen der Scham und allen Bekenntnissen zur rückhaltlosen Aufklärung zum Trotz die Aufarbeitung nicht energisch genug vorangetrieben haben.

Kirche brauchte acht Jahre für Studie

Es war 2010, als der damalige Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, der Jesuit Klaus Mertes, mit einer spektakulären Information an die Öffentlichkeit ging: Zwei Geistliche des Kollegs missbrauchten in den 70er- und 80er-Jahren eine Vielzahl von Schülern. Der Fall löste eine Lawine aus. Immer mehr Missbrauchsopfer brachen ihr oft jahrzehntelanges Schweigen, immer mehr Fälle wurden bekannt – aus Heimen, Freizeitzenten, Pfarrhäusern.

Wenn der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, am 25. September die von den Bischöfen in Auftrag gegebene Studie zum Missbrauch in der Kirche mehrerer Forscher vorlegt, werden acht Jahre seit Beginn des Skandals vergangen sein. Dass die Kirche in Deutschland so lange brauchte, um diese Bilanz des Schreckens vorzulegen, liegt auch an der Kirche selbst.

Ein erster Anlauf für den Report mit dem Hannoveraner Kriminologen Christian Pfeiffer scheiterte krachend und im Streit. Pfeiffer warf den Bischöfen vor, sie hätten in bei seiner Arbeit gängeln wollen. Auch die Arbeit an dem nun fertigen Report mit anderen Forschern kam nur mühsam voran.

Was der „Spiegel“ jetzt aus der Zusammenfassung der fertigen Studie zitiert, ist dramatisch: Mindestens 1670 katholische Kleriker haben sich in den Jahren von 1946 bis 2014 an Schutzbefohlenen vergangen. Die Forscher trugen aus rund 38.000 Akten 3677 Fälle sexueller Vergehen an meist männlichen Kindern und Jugendlichen zusammen. Die Dunkelziffer der nicht ermittelten Fälle dürfte erheblich sein – zumal die Forscher erkennen mussten, dass vielfach Akten „vernichtet oder manipuliert“ worden seien.

Häufig wurde der Missbrauch von der Amtskirche gleichsam unter den Teppich gekehrt – indem der verdächtigte Kleriker einfach versetzt wurde. Nur jeder dritte Täter musste sich einem kirchenrechtlichen Verfahren stellen, mit meist geringfügigen Sanktionen. All dies lässt nur einen Schluss zu: In der katholische Kirche ging über viele Jahre Vertuschen vor Aufklärung.

„Ein System aus Missbrauch und Vertuschung“

Es gebe außerdem keinen Anlass zu der Annahme, „dass es sich beim sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker der katholischen Kirche um eine in der Vergangenheit abgeschlossene und mittlerweile überwundene Thematik handelt“, zitiert der „Spiegel“ aus der Zusammenfassung des Reports. Die Serie der Missbrauchsfälle dauerte demnach bis zum Ende des Untersuchungszeitraums an.

„Es ist gut, dass wir nun endlich Zahlen vorliegen haben, die belegen, was wir schon ahnten: Die Kirche in Deutschland ist in ein System aus Missbrauch und Vertuschung verstrickt, und hat es über Jahrzehnte verstanden, die Öffentlichkeit darüber zu täuschen“, reagierte Matthias Katsch, Vorsitzender der Opferorganisation von Eckiger Tisch auf den Bericht. Er pocht auf eine „umfassende, unabhängige Untersuchung“.

„Dass die katholische Kirche diese Studie in Auftrag gegeben hat, zeigt, dass sie sich stellen will“, sagte der kirchenpolitische Sprecher der SPD im Bundestag, Lars Castellucci, unserer Redaktion. „Dass dies wie auch in anderen Bereichen etwa des Sports so spät und aufgrund öffentlichen Drucks geschieht, erschüttert ihre Glaubwürdigkeit bis heute.“

Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche ist nicht allein ein deutsches Problem. Allein in den vergangenen Monaten musste sich der Vatikan mit einer Reihe von Fällen befassen:

• In US-Bundesstaat Pennsylvania brachten Ermittler im August erschütternde Details über das Ausmaß sexuellen Missbrauchs und dessen Vertuschung in der katholischen Kirche ans Licht. In einem Report der Generalstaatsanwaltschaft ist von 300 Priestern die Rede, die über mehrere Jahrzehnte Missbrauch begangen haben sollen. Betroffen waren demnach mehr als 1000 Jugendliche.

• In Irland berichten staatliche Untersuchungskommissionen von 14.500 Missbrauchsopfern in der irischen Kirche.

• In Australien muss sich demnächst der Kardinal George Pell wegen Missbrauchsvorwürfen vor Gericht verantworten. Als Finanzchef des Vatikans ist der 77-Jährige die inoffizielle Nummer drei des Kirchenstaats.

• In Chile ermittelt die Justiz derzeit in 38 Fällen gegen 73 katholische Kleriker und Laien . Die Vorwürfe umfassen sexuelle Vergehen gegen 104 Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Papst Franziskus reagiert nur halbherzig

Und was sagt der Papst ? Franziskus hatte bei seinem Amtsantritt 2013 eine Null-Toleranz-Politik gegenüber sexuellem Missbrauch angekündigt. Er solidarisiert sich mit den Opfern, bittet um Vergebung, spricht von Scham und Reue , verurteilt den Missbrauch verbal aufs Schärfste – und muss sich doch sagen lassen, nicht energisch genug auf immer neue Skandale zu reagieren. Die Pläne für ein vatikanisches Sondergericht für Bischöfe etwa, die in Missbrauchs-Skandale verwickelt sind, legte er Ende August ad acta. Es wäre ein klares Zeichen gewesen. http://Opinary_Wird_Missbrauch_in_der_katholischen_Kirche_konsequent_aufgearbeitet?{esc#215110339}[xhtml]

Stattdessen wird immer deutlicher, dass es dem inzwischen 81 Jahre alten Pontifex nicht wirklich gelungen ist, der Kultur der Vertuschung und des Verschweigens ein Ende zu machen.

In einem Schreiben des Papstes an die Gläubigen in aller Welt hieß es kürzlich: „Mit Scham und Reue geben wir als Gemeinschaft der Kirche zu, dass wir nicht dort gestanden haben, wo wir eigentlich hätten stehen sollen und dass wir nicht rechtzeitig gehandelt haben, als wir den Umfang und die Schwere des Schadens erkannten, der sich in so vielen Menschenleben auswirkte.“

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Mi, 19.09.2018, 16.32 Uhr

Öffentlichkeitsfahndungen: Annika Koenig, Sprecherin der Polizei Essen, erklärt unter welchen Umständen die Polizei sich bei der Suche nach Tatverdächtigen oder Vermissten an die Bürger wendet.