Selbstgefällig und pathetisch - Biograf übt Kritik an Gauck

Neue Biografie beleuchtet den Bundespräsidenten ungewohnt kritisch. Autor des Buchs ist ein früherer enger Mitarbeiter des Staatsoberhaupts. Er bescheinigt Gauck, dem beschädigten Amt des Bundespräsidenten wieder Respekt zurückgegeben zu haben, spricht aber auch von Selbstgefälligkeit.

Berlin.. Eigentlich hätte Joachim Gauck Grund zur Freude gehabt. Mit üppigem Lob für den Bundespräsidenten gab Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Montag bekannt, dass er das Staatsoberhaupt am 19. November zum Ehrenbürger der Stadt ernennen werde. Der Präsident „füllt sein Amt auf beeindruckende Weise aus“, erklärte Wowereit, er führe die Menschen des Landes zusammen.

Doch Gaucks Stimmung dürfte trotz der Lobeshymne nicht ungetrübt sein: Zeitgleich zur Ehrenbürger-Nachricht stellte ein früherer enger Mitarbeiter Gaucks eine Biografie über den Präsidenten vor, die bei allem Respekt ungewöhnlich kritische Passagen enthält.

„Chaotisch, rücksichtslos“

Autor Johann Legner schildere Gauck auch als „chaotisch, rücksichtslos, manchmal schamlos“, fasste der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki bei der Buchvorstellung zusammen. Zwar sei er weiter ein Bewunderer des Präsidenten, versicherte der Liberale. Aber: „Gauck ist kein Supermann“, das Buch verändere den Blick auf den Präsidenten.

Der eigentlich nur durch ungewöhnliche Umstände ins Amt gekommene Gauck habe selbst schon sehr früh die Vorstellung gehegt, Bundespräsident zu werden, berichtet Legner etwa. Bereits 2004 habe er Staatsoberhaupt werden wollen. Und als seine erste Kandidatur 2010 gegen Christian Wulff scheiterte, war Gauck nach Legners Darstellung schwer enttäuscht. „Ich dachte, es gibt in Deutschland mehr Patrioten“, habe Gauck unmittelbar nach der Wahl erklärt.

Aus seinen Worten habe die Gewissheit gesprochen, dass mit der Wahl Wulffs eine Chance versäumt wurde. Aber Kanzlerin Angela Merkel habe Gauck damals um jeden Preis verhindern wollen – ihr Verhältnis sei deshalb bis heute voller Spannungen.

Legner hatte 2010 in Gaucks Team für die Präsidenten-Kandidatur gearbeitet. Zuvor war er von 1996 bis 2000 Pressesprecher Gaucks, als der die Stasi-Unterlagenbehörde leitete. Ihr Verhältnis ist in den letzten Jahren aber abgekühlt.

Keine Geheimnisse ausgeplaudert

Legner versichert, er habe für das Buch nicht aus Vier-Augen-Gesprächen zitiert. Er bescheinigt Gauck, dem beschädigten Amt des Bundespräsidenten wieder Respekt zurückgegeben zu haben, spricht aber auch von Selbstgefälligkeit und einem Hang zu pathetischer Überhöhung.

Gaucks Lebensgeschichte sei „geprägt von der Suche nach Anerkennung“. Als Stasi-Unterlagenbeauftragter habe mehrmals sein politisches Gespür versagt. Manche Kritik wirkt freilich so, als verarbeite der Autor auch persönliche Enttäuschungen.

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