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Schwule und Lesben organisieren sich in den Parteien

In der SPD sind die „Schwusos“ nun auf Augenhöhe mit Rentnern und Frauen. Bei den Christdemokraten kämpfen die Homosexuellen noch um Anerkennung, dabei ist der Verband der „Lesben und Schwulen in der Union“ (LSU) schon vor 14 Jahren gegründet worden und hat immerhin 800 Mitglieder.

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Den kommenden Samstag haben sich die SchwusosNRW, die Lesben und Schwulen in der Landes-SPD, dick angestrichen. Es ist ein großer Tag. Der Tag, an dem sie oben ankommen. Auf Augenhöhe mit den einflussreichen Gruppen in der SPD. 35 Jahre hat der Marsch der Schwusos durch die Partei-Institutionen gedauert. Das Ziel ist erreicht. Am Samstag wird in Düsseldorf die Arbeitsgemeinschaft (AG) der Schwusos in NRW aus der Taufe gehoben. Bisher waren sie „nur“ ein Arbeitskreis (AK).

Für Außenstehende mag das banal klingen. Um zu verstehen, was diese Veränderung bedeutet, muss man wissen, wie die SPD intern tickt. An den Arbeitsgemeinschaften führt dort kein Weg vorbei. Einige sind sehr traditions- und einflussreich. Ihre rätselhaft klingenden Namen gehen Sozialdemokraten ähnlich flüssig über die Zunge wie einem Pfarrer die zehn Gebote: zum Beispiel AsF (AG sozialdemokratischer Frauen), AfA (AG für Arbeitnehmerfragen) und AG 60 plus (Senioren in der SPD).

Bundesweit 1000 aktive Schwusos in der SPD

In dieser illustren Runde sind nun auch die NRW-Schwusos angekommen. „Auf Augenhöhe“, sagt deren Vorsitzender Dirk Jehle. „Wir haben jetzt die volle Gleichstellung nach innen“, freut sich Schwuso-Bundesvorsitzender Ansgar Dittmar. Dittmar erzählt von bundesweit 1000 aktiven Schwusos in der SPD. Wie viele Sozialdemokraten schwul sind, weiß er nicht.

Es ist nicht nur eine gefühlte Gleichberechtigung, diese „Beförderung“ hat praktischen Wert. „Wenn sich der Landesvorstand trifft, sind die Schwusos immer dabei“, erklärt Jehle. Als beratende Mitglieder im Vorstand. Heißt: Ohne Schwusos läuft da nix.

Die alte Tante SPD brauchte eine Weile

Jehle ist seit 16 Jahren Sozialdemokrat, Dittmar schon 25 Jahre. „Offene und platte Diskriminierung“ habe es früher in der SPD gegeben, so Jehle. „Heute auch noch, aber nur hinter vorgehaltener Hand. Die alte Tante SPD hat eine Weile gebraucht, um sich mit uns anzufreunden.“

Dittmar glaubt, diese „Klimaveränderung“ sei auf zwei Persönlichkeiten zurückzuführen: Auf den Regierenden Bürgermeister von Berlin und bekennenden Schwulen Klaus Wowereit und auf NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. „Sie sind unsere Superstars. Sie sind offen für unsere Themen.“

Gleichberechtigt in der CDU? Nein.

Viel schwerer haben es die Schwulen in der Union. „Für die Schwusos ist diese Anerkennung erfreulich, aber es kommt drauf an, was wir in unserer Partei erreichen“, sagt Manuel Hase. Er ist Christdemokrat und Chef der Lesben und Schwulen in der Union (LSU) in NRW. Und in dieser Funktion kämpft der 22-jährige Mülheimer gegen die Blockaden in den Köpfen mancher CDU-Mitglieder. „Die Äußerungen von einigen CDUlern sind unerträglich“, ärgert sich Hase – beispielsweise wenn er die Aussagen der Parlamentarischen Staatssekretärin Katherina Reiche (CDU) gegen die gleichgeschlechtliche Ehe in Sandra Maischerbergers TV-Talk hört. Hase: „Solche Leute disqualifizieren sich selbst.“ Ob er sich gleichberechtigt fühle in seiner Partei? „Nein“, sagt Hase. Die LSU sei zwar anerkannt, aber nicht gleichgestellt mit Parteiorganisationen wie Senioren-Union oder Junge Union. Viele Konservative wissen nicht einmal, dass es die LSU, 1998 gegründet, 800 Mitglieder, gibt.

Hase will die LSU NRW aus dem Schattendasein hinausführen. Nun hat die Gruppierung erstmals eine eigene Homepage. Hauptsächlich funktioniere die innerparteiliche Politik der LSU aber über eine „starke prominente Besetzung“.

Regina van Dinther ist Fürsprecherin

Regina van Dinther, NRW-Landtagspräsidentin a.D., oder Ole von Beust, der ehemalige Erste Bürgermeister Hamburgs, sind Fürsprecher der Lesben und Schwulen in der Union. Warum engagiert sich jemand in einer Partei, in der der CDU-Landtagsfraktionschef Karl-Josef Laumann das Ehegatten-Splitting für homosexuelle Paare mit der Begründung ablehnt, „ohne viele gesunde Familien“ gäbe es „keine gute Gesellschaft“? „Ich denke, dass die CDU an sich eine gute Politik macht, beispielsweise in der Euro-Krise“, sagt Hase: „Ich definiere mich ja nicht nur über Sexualität.“