Schwierige Jugendliche sollen im Ausland "normal" werden

Silke Hoock und Hubert Wolf
Viele Jugendliche, die vom Jugendamt ins Ausland geschickt werden, sind zuvor straffällig geworden.
Viele Jugendliche, die vom Jugendamt ins Ausland geschickt werden, sind zuvor straffällig geworden.
Foto: iStock
Wenn die gängigen Mittel und Wege der Erziehung aufgebraucht sind, schicken viele Kommunen "Problemfälle" ins Ausland. Auch weil es billiger ist.

Ruhrgebiet. Seit Jahren gab es keinen solchen Andrang auf eine Ausschusssitzung in Gelsenkirchen wie am Montagnachmittag. Der Ratssaal voll, das Foyer voll – vielleicht 150 Leute stehen da, sie haben kein Bild aus der Sitzung, aber wenigstens Ton. Hier beginnt die Aufklärung eines Falles voller Widersprüche: Hat die Leitung des Jugendamtes tatsächlich Geld aus der Jugendhilfe auf dem Umweg über pädagogische Auslandsprojekte in die eigene Tasche gewirtschaftet? Oder wird sie entlastet?

Viele Ruhrgebietsstädte bedienen sich dieser Projekte. Typischerweise geht es dabei um solche Fälle: Sie sind fast noch Kinder und doch schon am Ende. Ihre Eltern häufig Alkoholiker, gewalttätig und sexuell übergriffig. Ihr Zuhause ein Kinderheim. Wenn diese 15- bis 18-Jährigen, die in ihren Familien bleibende seelische Wunden erlitten haben, nicht stehlen oder trinken, hängen sie in ihrer Clique ab. In besonders schweren Fällen zieht das Jugendamt die Reißleine.

Wenn normale Strukturen nicht mehr greifen

In Dortmund und Duisburg schickt man diese Heranwachsenden, die häufig straffällig, drogenabhängig oder einfach ,,nur’’ vernachlässigt sind, ins Ausland. „Weil sie raus müssen aus ihrer Gruppe. Weil sie in ihrem Leben so viel Schlimmes erlebt haben, dass normale Strukturen nicht mehr greifen“, sagt Thomas Krützberg, in Duisburg Dezernent für Jugend, Familie und Bildung.

Von 2500 erzieherischen Maßnahmen pro Jahr, fallen in Duisburg gerade mal acht Auslandsbetreuungen an. In Griechenland, Spanien, Schweden, Ungarn und in Österreich werden die Jugendlichen für 4500 bis 6000 Euro pro Monat von deutschen Pädagogen betreut. „Wir arbeiten nur mit deutschen Trägern. Bei Problemen können wir am nächsten Tag vor Ort sein“, sagt Krützberg.

Dortmund finanziert 40 Auslandsaufenthalte in Südeuropa, weil es „in Einzelfällen wichtig ist, den Jugendlichen aus seinem bekannten Sprachraum heraus zu nehmen“. Doch wer stellt sicher, dass im Ausland tatsächlich pädagogisch betreut und nicht einfach verwahrt wird? Dortmund verlässt sich auf die Arbeitsrichtlinien des Jugendamtes. Demnach müssen bei Auslandsmaßnahmen regelmäßige Hilfeplangespräche durch einen Sozialarbeiter stattfinden.

Hohe Nachfrage nach Betreuungsplätzen im Ausland

Freilich hatte die „Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jugendhilfe“ schon 2007 gefordert, „Qualitätsstandards zur Sicherung von Struktur- und Prozessqualität auszubauen.“ Dazu formuliert die Stadt Dorsten lapidar: „Diese Instrumente stehen bis heute nicht zur Verfügung.“ Aus Dorsten stammt der elfjährige „Paul“, für dessen Betreuung in Ungarn das Jugendamt 7000 Euro monatlich zahlt – ohne dass er wirklich betreut würde, so der Vorwurf.

Die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel sind Träger dieser Intensivbetreuung im Ausland und bieten in der Türkei und Bulgarien insgesamt 40 Plätze an. „Dort ist das Lohnniveau niedriger, so dass wir eine intensivere Betreuung anbieten können“, heißt es. Die Nachfrage nach einem dieser 5000 Euro teuren Plätze sei bundesweit deshalb so groß, weil sich um einen schwierigen jungen Menschen drei Pädagogen kümmerten. Fern ab von der Heimat stehen dort neben Schule auch Selbstversorgung und ein geregelter Tagesablauf im Vordergrund. Bethel betont, dass jeder Jugendlicher freiwillig im Ausland sei und bis zu 60 Prozent aller Teilnehmer als ,,bessere“ Menschen nach Deutschland zurück kämen.

Kritiker bemängeln Sprachbarrieren

Es gibt auch Kritiker dieser Projekte, wie Professor Torsten Fischer aus Schwerin. Er berichtet über zu wenig Vorbereitungszeit auf das Ausland, zum Teil unprofessionelle Betreuung, große Sprachbarrieren – und im Gegensatz zu Bethel, dass das Aggressionspotenzial vieler Teilnehmer auch nach dem Auslandsaufenthalt hoch bleibe sowie signifikante emotionale Störungen festzustellen seien. Er fordert (in einer Rede 2013) „dringende, gemeinsame Reformen von beteiligten Jugendämtern und Trägern der Jugendhilfe.“ Laut Bundesfamilienministerium wurden im Jahre 2007 596 Jugendliche vor allem im europäischen Ausland betreut.