Schwedens Randalierer haben Abitur, aber keine Jobchancen

Andre Anwar
In den Stockholmer Vororten brennen seit sechs Nächten die Autos.
In den Stockholmer Vororten brennen seit sechs Nächten die Autos.
Foto: afp
Die Ausschreitungen in Stockholmer Einwanderervororten breiten sich weiter aus. Die Kinder von Migranten haben trotz guten Schul- und Uniabschlüssen geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als ihre einheimischen Kollegen. Gewalt scheint ihnen die einzige Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen.

Stockholm. In Stockholm und anderen schwedischen Städten hat es in der Nacht zum Samstag erneut Krawalle gegeben. Unter anderem brannten in Vororten und Stadtvierteln der Hauptstadt die sechste Nacht in Folge Autos. Insgesamt hat die Gewalt aber nachgelassen.

Von jeweils Hunderten Randalierern, wie manche ausländische Medien berichten, kann keine Rede sein. Die meisten Personen sind bloß Zuschauer.

Zum großen Teil handelt es sich um punktuelle Vandalenakte: Jugendliche legen ein Feuer und verschwinden in der Dunkelheit. Weder auf Seiten der Randalierer noch der Polizei gab es bisher eine nennenswerte Zahl von Verletzten. Jede Nacht wurden nur eine Handvoll Personen festgenommen.

Wirklich gefährliche Viertel gibt es in und um Stockholm nicht. Die meisten jungen Menschen mit Einwandererhintergrund sprechen perfekt Schwedisch und haben meist Abitur, wie weit über 90 Prozent aller Jugendlichen im Land. Das gilt auch für die Betonvorstadt Tensta, Heimat des Rappers Adam Tensta.

„Wir brauchen Arbeit“

Hier stehen rund ein Dutzend junge Leute zusammen und diskutieren engagiert. Alle sehen südländisch aus. Ahmed und Saman äußern Sympathie für die Krawalle. „Das ist die einzige Möglichkeit uns bemerkbar zu machen. Wir haben hier nicht mal einen Jugendzentrum. Unser Jugendzentrum ist eine Garage“, sagt Ahmed. Ein anderer lacht bitter. „Wir brauchen kein verdammtes Jugendzentrum und noch mehr Arbeitsplätze für Sozialarbeiter. Wir brauchen selbst Arbeit.“

Tatsächlich werden Einwanderer auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert. Das trifft gerade Jugendliche. Beträgt die Arbeitslosigkeit insgesamt 8,7 Prozent, so ist sie bei Jugendlichen auf 27 Prozent hochgeschnellt. Arbeitgeber geben die begehrten Jobs da lieber an junge Menschen mit schwedisch klingenden Nachnamen. Ein Fernsehsender ließ die gleiche Person die faktisch gleiche Bewerbung verschicken, einmal mit dem Namen Abdülkadir, ein anderes Mal mit dem Namen Ericsson. „Ericsson“ wurde zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, „Abdülkadir“ nicht.

Private Kontakte

Und immer häufiger sind in Schweden private Kontakte wichtiger als Qualifikationen für den Einstieg in das Arbeitsleben. Junge Leute aus Einwandererfamilien scheinen nicht so gut vernetzt zu sein wie schwedische Jugendliche.

Lena Mellin, Kommentatorin der Boulevardzeitung Aftonbladet, spricht denn auch von einem gigantischen Versagen. Die jugendlichen Einwanderer wüssten, dass sie trotz Grips, Abitur und Hochschulabschlüssen keine Chance bekommen. Schwedens Einwandererviertel sind überfüllt mit Intellektuellen, Ärzten und Ingenieuren, die Taxi fahren.

Dabei gilt die Einwanderungspolitik als großzügig. Nicht nur die Sozialdemokraten, die das Land seit dem Zweiten Weltkrieg dominiert haben, sondern auch die gegenwärtige bürgerliche Regierung haben sich offen zur Einwanderung bekannt. Der Jugendverband der Moderaterna, der konservativen Partei von Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt, hat sich sogar für die völlige Öffnung der Grenzen ausgesprochen.

Immer weniger Hilfe

Doch die Zuwanderer bekommen immer weniger Hilfe. Seit ihrem Amtsantritt 2006 hat die bürgerliche Regierung die Steuern gesenkt und die Ausgaben für das Bildungssystem und die Integration gekürzt. Die oppositionellen Sozialdemokraten sprechen bereits von einer Demontage des über Jahrzehnte hinweg aufgebauten „Volksheims“.

Da passt auch eine gerade veröffentlichte Studie der OECD ins Bild. Nirgends in Europa ist gemäß der Studie die Ungleichheit in den letzten Jahren so stark gewachsen wie in Schweden.

Die Stimmung in den Einwandererghettos, hochgezogen in den 70er Jahren rund um die Hauptstadt Stockholm, war seit schon langem angespannt.

Jetzt reichte die Erschießung eines 68-jährigen geistig verwirrten Einwanderers, der mit einer Machete bewaffnet war, um im Vorort Husby einen mehrtägigen Brand auszulösen.