Verstehen Sie amtisch?

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Abrechnungsformulare, Immatrikulationsunterlagen oder Prüfungsordnungen – Beamtendeutsch begegnet Hochschulmitarbeitern und Studierenden immer wieder. Die Ruhr-Universität Bochum hat dem Verwaltungskauderwelsch den Kampf angesagt.

Eigentlich war die Abrechnung, die Dr. Hans-Rüdiger Fluck nach einer Messe einreichte, eine Routine-Angelegenheit. Dachte er. Aber der Germanistikprofessor der Ruhr-Universität Bochum (RUB), der unter anderem Gummibärchen für die Besucher gekauft hatte, bekam die Rückfrage des Sachbearbeiters, wer denn genau die süßen Bären erhalten habe. Eine Liste der Bärchenesser hatte Fluck aber natürlich nicht erstellt. „Ich hatte die Gummibärchen in dem Formular nicht eindeutig genug als Werbemittel bezeichnet“, erklärt er heute.

Das Missverständnis ließ sich – nach einigem Schriftverkehr – aus der Welt schaffen und ist ein gutes Beispiel dafür, wie schlecht Beamtendeutsch und Hochschulalltag mitunter zusammenpassen. Das will die RUB ändern und springt als eine Art Vermittler zwischen Verwaltung, Wissenschaftlern und Studierenden ein. Seit zehn Jahren unterstützt sie bereits mit der Idema-Datenbank Kommunalverwaltungen dabei, ihre Anschreiben in klarerem Deutsch zu verfassen. Nun sind die Hochschulen dran. Auf der Kölner Messe Improve 2009 hat sie den Service Idema Campus vorgestellt. Fluck ist der wissenschaftliche Berater des Projektes.

Neben den zu komplizierten Abrechnungsformularen fallen ihm ohne lange nachzudenken weitere Bereiche ein, in denen Schriftstücke dringend überarbeitet werden müssten, „allen voran die Immatrikulationsunterlagen und Prüfungsordnungen“, sagt er.

Wie es funktioniert

Das Prinzip von Idema Campus ist simpel: Jede teilnehmende Hochschule reicht Standardtexte ein, die sprachlich aufgepeppt werden sollen. Das siebenköpfige Team übernimmt dann die Überarbeitung: Substantivierungen, zu häufig verwendetes Passiv, komplizierte Klammerstellungen der Verben werden umgeschrieben, Fachbegriffe erklärt. „Anschließend sprechen wir jeden Text mit den Sachbearbeitern durch“, erklärt die Projektleiterin Michaela Blaha. Dann werden die Texte als Vorher-Nachher-Beispiele in die Datenbank gestellt, die für alle Nutzer zugänglich ist. Andere Hochschulen können Textbausteine übernehmen oder sich das Prinzip abgucken. Kostenlos ist der Service aber nicht. Je nach Umfang eines Hochschulauftrages fallen bis zu einigen Tausend Euro im Jahr an.

Die Online-Datenbank enthält zudem relevante Bausteine, die bei der Zusammenarbeit mit Kommunalverwaltungen entstanden sind. Die Probleme seien grundsätzlich die gleichen, betont Blaha. Neben vollständigen Texten kann man auch ein Wörterbuch abrufen, das „fernmündlich“ mit „telefonisch“ übersetzt und aus den „Augengläsern“ eine „Brille“ macht. Natürlich lasse sich nicht jeder Begriff austauschen, gibt Blaha zu. Manche Formulierungen müssten aus juristischen Gründen bestehen bleiben, sollten aber kurz erläutert werden. Ein Beispiel: „Der Widerspruch hat keine aufschiebende Wirkung.“ Blaha erklärt: „Das heißt, ich muss den geforderten Betrag zunächst fristgerecht bezahlen.“ Eine Juristin im Team überprüft die überarbeiteten Texte. Für besonders knifflige Fragen gibt es einen juristischen Beirat.

Aber lohnt sich der Aufwand? Spielt das Problem im Hochschulalltag überhaupt eine Rolle? „Wenn ich Kollegen auf das Verwaltungsdeutsch anspreche, schimpfen alle über unverständliche Formulierungen“, sagt Hans-Rüdiger Fluck. Die Folge seien oft Missverständnisse und Arbeitsprozesse, die sich unnötig in die Länge ziehen. Stellt sich noch die Frage, ob eine solche Datenbank die Verwaltungssprache wirklich nachhaltig verbessern kann. Blaha ist davon überzeugt. Bei den Texten der Stadtverwaltung Bochum sei die Veränderung deutlich zu erkennen. „Sie sind klarer gegliedert und besser formuliert.“ Schließlich entkräftet Fluck noch das Kostenargument: „Gut formulierte Anschreiben ersparen Rückfragen, damit Zeit – und Geld.“

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