Studiengebühren nur "kosmetische Hilfe" für Universitäten

Jana Hannemann
Zuletzt demonstrierten Studenten in Bayern und Niedersachsen gegen die Studiengebühren. Inzwischen sind sie in allen Ländern abgeschafft.
Zuletzt demonstrierten Studenten in Bayern und Niedersachsen gegen die Studiengebühren. Inzwischen sind sie in allen Ländern abgeschafft.
Foto: DPA
Die Studiengebühren sind abgeschafft. Doch die Vorsitzenden der Hochschulrektorenkonferenz plädieren für eine Wiedereinführung. Die Universitäten seien unzureichend ausgestattet. ASten und Politik kritisieren die Idee. Doch können die Studiengebühren die Finanzlöcher der Unis überhaupt stopfen?

Essen. Erst werden sie abgeschafft, jetzt sollen sie doch bitte schnell wiederkommen - die Studiengebühren. So fordert es Andreas Bertram, Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und Präsident der Hochschule Osnabrück, in der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Zur Sanierung maroder Hochschulen in Deutschland bittet er die Studenten zur Kasse: "Pro Student pro Semester 1000 Euro".

Diesen Solidarbeitrag könnten sich die Studierenden und das Land teilen. Und auch die Wirtschaft könne sich finanziell beteiligen. Studierende hätten so nach Bertrams Vorstellung etwa 250 Euro je Semester zu zahlen. Wie genau diese Beiträge zwischen Studierenden, Ländern, Bund und Wirtschaft aufgeteilt werden sollen, konnte die zuständige Pressesprecherin der HRK auf Nachfrage nicht erklären. So habe Andreas Bertram das Interview nicht in seiner Funktion als Vizepräsident gegeben. Betrams Vorstoß sei keine "abgestimmte Position der Hochschulrektoren", sondern eine "Einzelmeinung", wird es über die Nachrichtenagentur dpa vermeldet.

Aber auch HRK-Präsident Horst Hippler wünscht sich in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung die Studiengebühren zurück. "Die Hochschulen sind jetzt schon völlig unzureichend ausgestattet. Studienbeiträge können sinnvoll die staatliche Finanzierung ergänzen."

Und im Gespräch mit unserer Redaktion spricht sich auch Ursula Gather, Rektorin der TU Dortmund und Vorsitzende der NRW-Rektorenkonferenz, für eine "angemessene und sozial gerechte Beteiligung der Studierenden an der Studienfinanzierung" aus. Sie könne sich "nachgelagerte Gebühren" vorstellen, sagt Gather. Studenten würden dann etwa einen bestimmten Prozentsatz ihres späteren Einkommens zahlen.

Bund und Länder verhandeln über Hochschulpakt

„Strategisch ist das nachvollziehbar. Das Wintersemester hat begonnen. Die Hochschulen platzen aus allen Nähten“, erklärt Dieter Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) den Vorstoß der Hochschulrektoren.

Bund und Länder verhandeln derzeit über den Hochschulpakt III. Demnach stehen den Hochschulen für jeden zusätzlichen Studienanfänger 26.000 Euro zur Verfügung – jeweils von Bund und Ländern finanziert. Dieser Betrag wurde schon im zweiten Hochschulpakt angesetzt. Aufgestockt wird er nun nicht, trotz Inflation und der steigenden Zahl von Studenten. 26.000 Euro – das reiche nicht aus, betont Dohmen: „Nötig wären eher 30.000 Euro.“

Dieter Dohmen prognostiziert: "Die Studiengebühren kommen wieder." Irgendwo müsse das Geld ja herkommen.

Studiengebühren für Politik und Studentenvertretungen abgehakt

Doch für das Land NRW und die Studierendenvertretungen (AStA) scheint das Thema Studiengebühren längst abgehakt. Seit dem Wintersemester 2011 können Studierende in NRW wieder gebührenfrei die Hochschulen besuchen. „Ich wundere mich über die Versuche von Seiten der Hochschulrektoren, ein schon erledigtes Thema aufzuwärmen. Das treibt mittlerweile recht seltsame Blüten“, erklärt Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD). Für sie sei die Abschaffung der Studiengebühren ein Schritt hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit. „Warum also sollten wir jetzt über die Wiedereinführung von Studiengebühren nachdenken, die das Gegenteil bewirken würden?“

Auch die ASten der TU Dortmund, der Universität Duisburg-Essen und der Ruhr-Universität Bochum sprechen sich gegen eine erneute Einführung aus. „Selbst wenn der Beitrag nicht so hoch ist - Studierenden würden Hürden in den Weg gelegt werden“, merkt Jonas Heidebrecht vom AStA der Uni Duisburg-Essen an.

Können Studiengebühren die Finanzlücken der Unis füllen?

Die Hochschulen stecken in einer misslichen Lage. Bei gleichbleibendem Haushalt, aber steigenden Studierendenzahlen und höheren Ausgaben für Miete oder Gas, bräuchten die Hochschulen mehr Geld um die Qualität der Lehre zu halten, erklärt Professor Ulrich Radtke, Rektor der Universität Duisburg-Essen. Zudem falle noch der Sanierungsrückstand der NRW-Hochschulen von mehreren Milliarden Euro ins Gewicht.

Können Studiengebühren diese Probleme lösen? Der Rektor hat eine differenzierte Meinung. "Die Ruhrgebietsuniversitäten sind für den Bildungsaufstieg. Studiengebühren sollen nicht von einem Studium abschrecken, selbst wenn man sagt, der Betrag sei nicht so hoch." Doch sei die Eigenverantwortung der Betroffenen wichtig und solle eine stärkere Rolle spielen. "Vernünftig wäre es, nachgelagerte Studienbeiträge einzuführen." Diese zahlen Studierende erst dann an die Unis, wenn sie nach dem Studium einen Job gefunden haben. Letztendlich sei das Thema Studiengebühren abhängig vom gesellschaftlichen Willen. "Die Gesellschaft muss entscheiden, was ihr Bildung wert ist." Kämen die Studiengebühren in der ehemaligen Höhe zurück, sei das zwar hilfreich, allerdings "nur eine kosmetische Hilfe".

Größere Beiträge seien notwendig, um die klaffende Finanzlücke der Hochschulen zu füllen. Bildungsforscher Dieter Dohmen plädiert deswegen dafür, dass Kapital anderweitig bereitzustellen: „Wir brauchen einen Higher Education Investment Fund. In den zahlen Privatanleger, Stiftungen oder Kapitalgesellschaften ein.“