Schüler lernen im Labor Geisteswissenschaften kennen

Bochum. Geisteswissenschaften sind ganz schön nah dran am Alltag. Das stellten Hattinger Gesamtschüler beim ersten Großprojekt des ersten Geisteswissenschaftlichen Schülerlabors der Republik an der Ruhr-Universität fest.

Darf der Mensch sich einen Chip einsetzen lassen, um sein Hirn leistungsfähiger zu machen? Ist das ein unerlaubter Eingriff in die Natur des Menschen? Oder trifft das auch auf die Brille zu? Was hat der Chip mit Doping zu tun? Mit solch konkreten wie komplexen Fragen setzten sich jetzt Zwölftklässler der Gesamtschule Hattingen-Welper beim ersten Großprojekt des Alfried-Krupp-Schülerlabors für Geisteswissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum auseinander.

„Wir wollen den Schülern zeigen, dass Geisteswissenschaften auch forschende Disziplinen sind, mit engem Kontakt zum Alltag,“ erklärt Professor Helmut Pulte, einer der Gründungsväter dieses bislang einzigen Labors seiner Art an Hochschulen bundesweit. Nur die Berliner Akademie hat Ähnliches. Naturwissenschaftler suchen schon seit langem – in Bochum seit 2005 – mit Labor-Kooperationen den Kontakt zu Schülern.

„Auch Geisteswissenschaft ist harte Arbeit.“

Dabei mangelt es gerade den Geisteswissenschaften nicht an Studenten. „Aber wir wollen zeigen, dass es bei uns nicht um Beliebigkeiten, nicht um weltanschaulich austauschbare Meinungen geht, sondern um überprüfbare Erkenntnisse“, erklärt der Professor. Und der Koordinator des Labors mit zehn angeschlossenen Fakultäten, Dr. Gilbert Heß, fügt hinzu: „Wir wollen die Guten, die Besten und Engagierten für uns gewinnen.“ Man will mit dem Vorurteil gegenüber den „Laberfächern“ aufräumen. Die Bezeichnung „Labor“ für eine geisteswissenschaftliche Einrichtung hält Professor Pulte übrigens für ausgesprochen passend: „Labor, das kommt von Labora, dem lateinischen Wort für Arbeit. Und auch Geisteswissenschaft ist harte Arbeit.“

Das merkt auch die Gruppe, die sich mit „Gehirntuning“ per Chip befasst. Was ist grundlegender? Das Selbstbestimmungsrecht des Menschen, das jedem die Entscheidung über den Chip selbst überlässt? Oder der Schutz vor drohenden Gefahren wie Abhängigkeit, wachsender Chancen-Ungleichheit. Persönlichkeitsveränderungen?

Es gibt unglaublich viele Wenns und Abers, stellen die Schüler schnell fest. Und es gibt noch viel mehr Berührungspunkte zwischen dem alltäglichen Leben und Fragen, die die Geisteswissenschaften zu klären haben. Den Chip gibt es nämlich längst. Er wurde für Menschen mit chronischen Krankheiten wie Parkinson entwickelt.

Biologen sind dabei

„Bioethik im Diskurs“ ist die Überschrift dieses ersten Gemeinschafts-Projektes von Schule, Uni und dem Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen. Nach der Einführung an Schule und Uni wird in Workshops gearbeitet. Zu Themen wie „Der Mensch – Die Krone der Schöpfung?“, „Ethik und vorgeburtliche Diagnostik“, die „Würde des Embryos“, zu „Sterbehilfe“, „Selbstmord“, „Organtransplantation“ – Fragen, bei denen Naturwissenschaftler und Geisteswissenschaftler aufeinander angewiesen sind. Und so sind in dieses erste Projekt des Schülerlabors auch Biologen eingebunden. Wie Professor Clemens Störtkuhl, der den Brückenschlag zwischen Natur- und Geisteswissenschaften mit dem Bioethik-Diskurs künftig regelmäßig anbieten will.

Und, hat es den Schülern weitergeholfen? „Auf jeden Fall“, findet Wiebke Hofrath, die sich in die medizinischen, ethischen, religiösen und juristischen Aspekte der Organspende eingearbeitet hat. Das Thema, das im Vorfeld auf das größte Interesse stieß.

 
 

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