Bahntramper verärgern die Verkehrsbetriebe

Foto: Ingo Otto

Essen. Wer Bus und Bahn fahren will, muss tief in die Tasche greifen. Das in vielen Kommunen fehlende Sozialticket ruft bei Studenten das "Bahntrampen" auf den Plan. Offensiv machen sie dafür Werbung, jemanden kostenlos auf ihren Tickets mitzunehmen. Verkehrsverbünde fühlen sich hintergangen.

Mal eben durch die Stadt fahren ist teuer. Schon für eine Kurzstrecke muss der Bus- und Bahnfahrer heute gut 1,70 Euro einplanen. In Düsseldorf beispielsweise kostet eine einfache innerstädtische Fahrt mit einem öffentlichen Verkehrsmittel 2,20 Euro. Was auf den ersten Blick wie eine kleine Summe daher gefahren kommt, summiert sich schnell. Die Forderungen nach einem Sozialticket wird in vielen Kommunen NRWs immer lauter und ruft studentische Kampagnen wie das Bahntrampen hervor. Allerdings prallen dabei Verkehrsverbünde und sozial Engagierte immer öfter aufeinander.

Bahntrampen als Alternative

Viele Kommunen bieten vor allem für Studenten das Semesterticket an. Der Clou: Beispielsweise beim Verkehrsverbund Rhein-Sieg dürfen kostenlos eine Person über 14 oder drei Kinder von 6 bis 14 mitreisen. „Leider wird diese Möglichkeit oft nur auf Familie, Freunde und Bekannte angewendet und deshalb viel zu selten genutzt“, bemängeln die Initiatoren der Kampagne Bahntrampen. Genau das soll ihre Kampagne ändern. Dabei stecken sich die Besitzer eines solchen Tickets deutlich sichtbar einen Button an, damit jeder sieht: Dort kann ich kostenlos mitfahren.

„Durch die hohen Preise für öffentliche Verkehrsmittel ist die Mobilität von vielen Menschen eingeschränkt. Dabei ist Mobilität ein Grundbedürfnis“, moniert Boris, der die Kölner Kampagne Bahntrampen mitinitiiert hat. Entstanden ist sie aus der Bewegung „Geblockt“ heraus. Sie hatte sich 2007 für Protest-Aktionen gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm zusammengefunden.

Rund zwei Dutzend Menschen hat der mit einem Button geschmückte Doktorand bereits kostenlos mitgenommen. Fast schon schwärmerisch berichtet Boris über die spannenden Gespräche, die sich dabei entwickelt haben. „Manche Leute sprechen über Politik, andere schildern ihr persönliches Schicksal.“

3000 Buttons in Köln verteilt

Insgesamt seien im Kölner Raum rund 3000 Buttons verteilt worden. „Wir haben mit der Kampagne etwas ins Rollen gebracht. Das wird noch weitere Kreise ziehen“, prophezeit Boris. Der studierte Volkswirt hofft, dass sich die Studentenaktion zu einer gesellschaftlichen Bewegung in ganz Deutschland entwickelt. Schließlich gebe es auch zahlreiche Abo- und Jobtickets, die derartige Mitnahmemöglichkeiten bieten.

Was tariflich erlaubt ist, soll sozial auch anderen Menschen zugute kommen, die sich die Fahrt nicht leisten können – so der Grundgedanke der Bahntramper. Das sogenannte Sozialticket steht schließlich in vielen Kommunen auf dem Abstellgleis. In großen Städten wie Köln und Dortmund gibt es schon das Ticket, das sich an Menschen mit geringem Einkommen richtet. „Es ermöglicht, Tickets im örtlichen Verkehrsverbund vergünstigt zu erwerben“, erklärt Stefan Pfeifer, Abteilungsleiter für Verkehrspolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund.

„Für einen Hartz-IV-Empfänger sind beispielsweise nur 14 Euro monatlich für Leistungen im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) vorgesehen. Nach fünf Fahrten ist das aufgebraucht“. Im Vergleich zur Preisentwicklung insgesamt seien die Tickets im Preis stark gestiegen. „Auch Arbeitslose müssen zum Arzt, zur Schule oder ihre Kinder in den Kindergarten bringen. Sie werden klar in ihren Möglichkeiten, Bus und Bahn zu benutzen, beschnitten“, empört sich Pfeifer.

Harsche Kritik von den Verkehrsbetrieben

Trotz dieser Umstände hagelt es seitens des Verkehrsverbundes harsche Kritik an der Bahntrampen-Kampagne. „Sie werfen die Diskussion um das Sozialticket und unsere Tarife durcheinander“, muss Isabella Stock, Pressesprecherin des Verkehrverbunds Rhein-Sieg (VRS), feststellen. „Unsere Tarife werden verbundweit so kalkuliert, dass wir zunächst den Bedarf ermitteln. Wo möchten Kunden wie fahren, welche Tickets werden nachgefragt?“ Für Tickets, bei denen Kunden jemanden kostenlos mitnehmen können, habe der Verbund bestimmte Zahlen im Blick. Diese gelten aber für Freunde, Bekannte und Familienmitglieder. Durch eine offensiv beworbene Aktion wie das Bahntrampen könnte die Zahl an Bus- und Bahnfahrern steigen. „Dann ist nicht mehr genug Platz, wir brauchen neue Busse und das kostet Geld“.

Die Spirale bewegt sich noch weiter: Der Ticketpreis wird gleichermaßen von Kunden und Mitteln der öffentlichen Hand finanziert. „Erfahrungsgemäß kommt das Geld in den vergangenen Jahren nicht aus den öffentlichen Kassen, da es viele Kürzungen gegeben hat. Also müssen die Kunden wieder mehr zahlen“, erklärt Stock. Die Konsequenz ist eindeutig: Denn dann werden auch Semestertickets teurer, wodurch die Studenten wieder tiefer in die Tasche greifen müssen. „Wir können nicht im Nahverkehr ein Sozialticket durch die Hintertür einführen, wenn darüber woanders entschieden werden muss“, macht Isabella Stock deutlich.

Keine Umsatzausfälle durch Bahntramper

Kein Verständnis für solche Argumente hat Bahntrampen-Aktivist Boris. „Die Verkehrsbetriebe haben naturgemäß hohe Fixkosten. Ob da eine oder fünf Personen mehr mitfahren ist für die Kostenstruktur nicht relevant“, kontert der Volkswirt die Kritik. Dass durch das Konzept Bahntrampen Umsatzausfälle bei den Verkehrsbetrieben entstünden, hält er für ausgeschlossen. „Die Leute, die wir mitnehmen, wären ansonsten schwarz gefahren oder gar nicht.“ Nur in seltenen Fällen würden Leute sich mitnehmen lassen, die eigentlich Geld für ein Ticket haben. „Dafür ist die Scham zu hoch.“

Für Joachim Berger, Mediensprecher der Kölner Verkehrs-Betriebe bewegen sich Bahntramper-Aktivisten jedoch in einer „Grauzone.“ Jemanden zum Bahntrampen einzuladen sei scharf formuliert „ein Missbrauch. Denn so ist diese Mitnahmeregelung nicht vorgesehen.“

Parallel-Aktionen in Münster

Deutlich harmonischer verlaufen da zwei ähnliche konzipierte Mitnehm-Aktionen von Jusos und den Grünen in Münster. „Meines Wissens hat es bislang keine öffentliche Kritik seitens des ÖPNV-Anbieter gegeben“, so der Sprecher des Grünen-Kreisverbandes, Daniel Sandhaus, zur im Juli gestarteten Aktion „Nimm Mit!“. „Die Mitnahmemöglichkeit ist ja ohnehin in den Tarifbedingungen vorgesehen. Die Studierenden bezahlen das Semesterticket inklusive dieser Leistung.“ Neben dem ökologisch-sozialen Hintergedanken der Aktion, sieht Sandhaus noch einen weiteren positiven Aspekt bei der Kampagne. „Beim Mitnehmen kommt man schnell miteinander ins Gespräch.“ Dies könne zu einem stärkeren Miteinander von Studenten und den übrigen Münsteranern beitragen.

 
 

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