Aus den Schlagzeilen in den Rechtsstreit

Stuttgart. Jahrzehntelang hat das "Institut für Rationelle Psychologie" mit aufsehenerregenden Studien von sich reden gemacht. Inzwischen aber gibt es nicht nur erhebliche Zweifel an der Seriosität der Studien, sondern auch am Professoren-Titel des Leiters der Einrichtung.

Das Stuttgarter Institut für Rationelle Psychologie produziert seit Jahrzehnten schlagzeilenträchtige Studien, die von zahlreichen Medien aufgenommen werden – darunter die „Bild“-Zeitung, Men’s Health, P.M., das Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung, fluter, die Magazine Stern und Focus, FAZ, SZ, die Zeit und Spiegel Online. So will das Institut herausgefunden haben, dass in Köln die mutigsten Männer leben oder zwei Drittel der CDU/CSU-Wähler Frauen mit großer Oberweite bevorzugen. Die Studien der „G.R.P. Institut für Rationelle Psychologie“ werden von renommierten Wissenschaftlern methodisch angezweifelt.

Streit um Referenzliste von Kunden

In einer Referenzliste gab das Stuttgarter Institut, das in der Rechtsform einer offenen Handelsgesellschaft beim Amtsgericht München eingetragen ist, rund 500 Namen von Unternehmen und öffentlichen Institutionen an, für die es gearbeitet haben will. Darunter befinden sich Bayer, Degussa, die Dortmunder Actien-Brauerei und die Post, aber auch Ruhrgas, RWE, die SPD und Thyssen. Ebenso die meisten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und die frühere Bundesanstalt für Arbeit, Bundesbahn und die Bundespost. Auf Nachfrage war bei den zuletzt genannten Organisationen von einer Zusammenarbeit jedoch nichts bekannt. Der NDR verlangte sogar seine Streichung von der Liste, das GRP-Institut nahm daraufhin die Referenzliste von seiner Homepage. Dem Sender RBB teilte das Institut mit: „Die G.R.P. hat Anfang bis Ende der siebziger Jahre für den Stern und WDR ein TV- und Rundfunk-Langzeitforschungsprogramm über Medienwirkung durchgeführt. An dem sich auch diverse Sender beteiligt haben und so auch der SFB.“ Die Stern-Öffentlichkeitsarbeit schrieb, man habe in 70er Jahren mit dem Institut zusammengearbeitet.

Zweifel am Professoren-Titel

Ein Psychologieprofessor aus Nordrhein-Westfalen erstattete nun bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart Strafanzeige gegen den Institutsleiter Henner Ertel wegen des Verdachts des Missbrauchs akademischer Titel. Ertel wird vorgeworfen, die Grade „Doktor“ und „Professor“ zu Unrecht zu führen. Im Zusammenhang mit den Studien des Instituts wurde er als „Professor für Neuropsychologie“ bezeichnet. Er gibt an, sowohl Rektor als auch Vizekanzler einer „University of Neuroscience“ in London zu sein – diese ist aber nur eine Briefkastenfirma. Unter der Universitätsadresse „95 Wilton Road, Suite 3“ befindet sich nur ein Postfach des UPS-Serviceunternehmens „Mail Boxes Etc.“. Die Universität teilt sich die Adresse zudem mit weiteren Briefkastenfirmen wie der Firma Real Estate & Capital Investment Ltd. oder mehreren Betreibern von Sexseiten im Internet.

Wie aus neuen Dokumenten hervorgeht, war eine Firma, die dem nun beschuldigten Henner Ertel gehört, von Januar 2000 bis Anfang 2005 am Zentrum für innovative Produktentwicklung (ZIP) an der Universität Hohenheim angesiedelt. Das ZIP ist ein Gründerzentrum, das mit Unterstützung des baden-württembergischen Wirtschaftsministeriumsaus der Taufe gehoben wurde. Durch die Ansiedlung an dem Gründerzentrum konnte die Internetfirma WWC Web World Center GmbH über Jahre hinweg öffentlich subventionierte und voll möblierte Mieträume, eine kostenlose Standleitung der Universität und einen verbilligten Telefonanschluss nutzen und daneben kostenlose Firmenberatung durch das Zentrum in Anspruch nehmen. In mindestens einem Fall gab Henner Ertel sogar als Adresse des GRP-Instituts die des ZIP an. Als Geschäftsführer der Firma WWC sind Henner Ertel und sein Sohn Teja Ertel eingetragen. Die Firma wurde nur ein Jahr vor der Ansiedlung an der Universität Hohenheim gegründet.

Das ZIP, welches mittlerweile in die Innovation und Bildung Hohenheim GmbH (IBH), einer 100-prozentigen Tochter der Universität Hohenheim integriert wurde, wird von zahlreichen öffentlichen Institutionen gefördert. Vom baden-württembergischen Wirtschaftsministerium erhielt das Gründerzentrum in den Jahren 2000 bis 2006 „zur Förderung von Existenzgründern und Inkubatoren an Baden-Württembergischen Hochschulen einen Zuschuss in Höhe von rund 380.000 Euro“ aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Auch die Stadt Stuttgart förderte das Gründungszentrum in den Jahren von 1999 bis 2005 mit Mietzuschüssen in Höhe von 178.000 Euro.

Firma mit öffentlicher Förderung

Die Firma Web World Center profitierte von der öffentlichen Förderung, obwohl weder Teja Ertel noch sein Vater als Existenzgründer gelten durften. „Wir haben damals herausgekriegt, dass noch weitere Personen die nicht förderberechtigt waren, an der Firma beteiligt waren“, erinnert sich Martin Witzke, bis März 2006 Geschäftsführer des Gründungszentrums. Im Jahr 2005 kam es zu Differenzen zwischen der Universität Hohenheim und der Firma WWC. Das „G.R.P. Institut für Rationelle Psychologie, Web World Center“ hatte eine Studie mit der Fußnote „im Zentrum für innovative Produktentwicklung IBH Universität Hohenheim Stuttgart“ versehen. Der IBH-Geschäftsführer schrieb daraufhin Ertels Sohn: „Diese Bezeichnung stimmt nicht und stimmte auch für die Vergangenheit nicht“. Er forderte den WWC-Mitgeschäftsführer auf „künftig bei allen Veröffentlichungen sowohl die Bezeichnung ‚Universität Hohenheim’ wie auch ‚Zentrum für innovative Produktentwicklung’ nicht zu benutzen“. Henner Ertel wollte sich hierzu auf Anfrage nicht äußern.

In einer „Richtigstellung“, die Ertel seit kurzem gegen Abgabe einer Geheimhaltungsvereinbarung an Journalisten verschickt und die dem Westen vorliegt, behauptet er aber noch immer: „Die G.R.P. war in diesem Forschungs- und Entwicklungsverbund aufgrund unseres besonderen Know-how als externes Forschungsinstitut mit der dafür extra gegründeten 100% G.R.P.- Tochter Web World Center vertreten. Im ZIP waren Wissenschaftler der Stuttgarter Hochschulen und des G.R.P. Web World Center“.

In den Räumlichkeiten des Gründerzentrums der Universität Hohenheim übernahm die Firma WWC die Programmierung eines Onlineportals für Urlaubsbekanntschaften für das Reiseunternehmen l’tur. Den Online-Partnertest „Singles treffen Singles“ führe man „in Zusammenarbeit mit dem weltweit führenden Institut für Rationelle Psychologie“ ein, verkündete l’tur damals in einer Pressemitteilung.

 
 

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