Schützenvereine wollen sich für Schwule und Muslime öffnen

Beim Schützenfest 2014 hatte Mithat Gedik in Werl-Sönnern den Vogel abgeschossen. Weil er Muslim ist, sollte er zuerst nicht König werden.
Beim Schützenfest 2014 hatte Mithat Gedik in Werl-Sönnern den Vogel abgeschossen. Weil er Muslim ist, sollte er zuerst nicht König werden.
Foto: dpa
Katholische Bruderschaften planen die Öffnung für Schwule und Muslime. Es soll Schluss sein mit dem Image, ein Hort des Reaktionären zu sein.

Düsseldorf. „Glaube, Sitte, Heimat.“ Der Bund der Historischen deutschen Schützenbruderschaften (BHDS) hat ein klares Wertegerüst. 1928 als katholischer Verband gegründet, will er bis heute christliches Brauchtum pflegen – vorwiegend in den NRW-Bistümern Köln, Aachen, Essen, Münster und Paderborn. Die Nationalsozialisten hatten den Bund 1936 verboten, weil er seine kirchliche Bindung nicht kappen wollte. Darauf ist man in der Bundesgeschäftsstelle in Leverkusen bis heute stolz.

Umso bitterer, dass die Grünröcke in jüngster Zeit in den Verdacht gerieten, ein reaktionärer Haufen zu sein. Zunächst machte 2011 der schwule Schützenkönig Dirk Winter bundesweit Schlagzeilen. Er holte in Münster zwar ordnungsgemäß nach 366 Schuss den Vogel herunter, wollte aber später den Schützenzug mit seinem Lebensgefährten anführen. Ein Mann als Königin? Der katholische Dachverband intervenierte, die Lebenspartner mussten dezent hintereinander marschieren.

Sexuelle Orientierung ist privat

Kaum besser lief die öffentliche Debatte, als im vergangenen Jahr im westfälischen Werl der türkischstämmige Mithat Gedik den Vogel abschoss. Ein Muslim an der Spitze der Bruderschaft? Der Dachverband versagte Gedik zunächst die Anerkennung, obwohl er in Deutschland geboren ist, eine katholische Frau geheiratet und seine Kinder katholisch getauft hat. Erst nach heftigem Gegenwind der Werler Schützen rang sich der Bund in Leverkusen durch, „ausnahmsweise keine Einwände gegen seine Königswürde in seiner Bruderschaft zu erheben“.

Mit solchen rufschädigenden Debatten soll nun Schluss sein. „Wir wollen nicht mehr als diejenigen gelten, die diskriminieren“, heißt es in der Geschäftsstelle des BHDS. Die christliche Traditionsvereinigung plant vielmehr eine weitgehendere Öffnung, als sie Kritiker des Schützenwesens je für möglich gehalten hätten. Man müsse den Spagat zwischen der kirchlichen Grundausrichtung als katholische Organisation und neuen gesellschaftlichen Realitäten in den Vereinen hinbekommen, erklärt der BHDS auf Anfrage.

Aufruf zur „Profildiskussion“

Der neue Bundesschützenmeister Emil Vogt hat dieser Tage alle 1300 lokalen Bruderschaften angeschrieben und zur „Profildiskussion“ aufgefordert. Vor Ort soll künftig frei entschieden werden, wer aufgenommen und damit auch Schützenkönig werden kann, ohne die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche in Frage zu stellen. Was das für muslimische oder homosexuelle Schützen bedeutet, macht Vogt ohne Umschweife klar: „Wir dürfen nicht päpstlicher sein als der Papst“.

Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften können demnach künftig Mitglied werden, wenn sie sich auf die christlichen Werte einlassen können und wollen. Wer aber bewusst aus der Kirche ausgetreten sei, solle sich auch künftig nicht im kirchlichen Schützenzug einreihen. Bei möglichen schwulen Schützenkönigen schlägt Vogt ebenfalls eine neue Tonlage an: „Die sexuelle Orientierung eines Menschen gehört zu seiner Persönlichkeit und Identität und ist für die Aufnahme in einer Bruderschaft unerheblich.“

Kein Bruch mit der Tradition

Vogt will weder einen Bruch mit der Tradition noch Ärger mit der Deutschen Bischofskonferenz, er sieht die Profildiskussion vielmehr als Reaktion auf eine schleichende Kulturrevolution im Schützenwesen. Weil viele Vereine ihren traditionellen Status als Ort der Geselligkeit, Brauchtums- und Kontaktpflege erhalten wollen, schicken sie Neumitglieder ohnehin längst nicht mehr durch eine katholische Gewissensprüfung. Ein moderner Bürgerschützenverein mit christlicher Prägung ist deshalb das neue Idealbild.

Ob sich liberale Leitlinien jedoch verbindlich für alle Vereine formulieren lassen, müssen erst die nun folgenden Beratungen auf Bezirks- und Bundesebene zeigen. Bis 2016 soll Klarheit herrschen.