Thilo Sarrazins neues Islam-Buch erntet heftige Kritik

Thilo Sarrazin: Die umstrittensten Zitate und Thesen aus seinem Buch

Politik Video

Politik Video

Beschreibung anzeigen
Thilo Sarrazin hat schon einmal mit einem Buch über den Islam für Debatten gesorgt. Nun gibt es ein zweites – und bereits viel Kritik.

Berlin.  Der umstrittene Bestsellerautor und frühere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) stellt sein neues Buch vor. Das Werk mit dem Titel „Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ wird in der Bundespressekonferenz präsentiert und wurde schon vor seinem Erscheinen mehrfach kritisiert.

In dem Buch malt Sarrazin das Schreckgespenst einer Islamisierung der deutschen Gesellschaft an die Wand. Der Islamwissenschaftler Mathias Rohe hält diese Kernthese für nicht haltbar. Sarrazin gehe in seinem Buch fälschlicherweise davon aus, dass muslimische Zuwanderer ihre Einstellungen nicht veränderten, „dass sie sich gar nicht auf die deutsche Gesellschaft einlassen“, sagte Rohe der Deutschen Presse-Agentur.

Islam-Experte: „Sarrazin ignoriert wichtige Daten“

Eine breit angelegte Untersuchung habe jedoch beispielsweise ergeben, dass die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften unter Türken in der Türkei höher sei als unter türkischstämmigen Migranten in Deutschland.

Auch ignoriere Sarrazin in seinen Prognosen zum künftigen Anteil der Muslime an der Bevölkerung Daten, die zeigten, dass die Geburtenrate muslimischer Zuwanderer durch Zugang zum Bildungssystem in den Folgegenerationen sinke.

Nicht nachvollziehbar findet Rohe folgende Aussage Sarrazins: „Vieles deutet darauf hin, dass im Islam eine Tendenz zum Beleidigtsein und zum Sich-angegriffen-Fühlen angelegt ist, die mit unseren Begriffen von Meinungsfreiheit und Demokratie schwer vereinbar ist.“

Kritikwürdige Verhaltensweisen wie ein falscher Ehrbegriff und Elemente einer „Machokultur“ würden hier auf die Religion zurückgeführt. Dabei finde man diese teilweise auch bei Nicht-Muslimen in Indien oder Russland.

Die Einschätzungen zum Islam zeugten von einem für Sarrazin üblichen „Dilettantismus“. Sarrazin wirft Rohe in seinem Buch seinerseits vor, er verschleiere und verharmlose „Missstände im deutschen Islam“.

Rohe hat unter anderem zum islamischen Recht („Scharia“) und zur Paralleljustiz unter muslimischen Migranten geforscht. Er berät als Experte den Verfassungsschutz.

„Sarrazin hat mit SPD-Grundwerten nichts zu tun“

Kritik an dem Buch kommt auch an den Reihen der Politik. Die Grünen warfen Sarrazin vor, Gewalt und Hass zu schüren. Sarrazins früherer Verleger distanzierte sich. SPD-Politiker hatten angekündigt, erneut Sarrazins Parteimitgliedschaft prüfen zu wollen. Zwei frühere Versuche zum Ausschluss aus der SPD waren gescheitert.

Die SPD-Spitze fordert Sarrazin auf, aus der Partei auszutreten. „Thilo Sarrazin ist ein verbitterter Mann, der nur noch in der SPD ist, um seine absurden Thesen zu vermarkten“, sagte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil der Deutschen Presse-Agentur. „Was er schreibt, hat mit sozialdemokratischen Positionen nichts zu tun. Wer die Mitgliedschaft in der SPD nur noch für persönliches Gewinnstreben benutzt, sollte gehen.“

Die Jusos fordern ein Ausschlussverfahren. Die Jusos seien „klar für einen neuen Versuch, Sarrazin rauszuwerfen“, sagte Kevin Kühnert, Chef der SPD-Nachwuchsorganisation der „Rhein-Neckar-Zeitung“. „Herr Sarrazin hat mit den Grundwerten der SPD schon lange nichts mehr zu tun.“ Das sagen Sarrazin und seine schärfsten Kritiker zum neuen Buch.

Dass Heinz Buschkowsky, der frühere Bürgermeister des Berliner Bezirks Neukölln, die Präsentation des Buches übernehme, sage mehr über ihn aus als über Sarrazin, schrieb Kühnert zudem auf Twitter. „Gut, dass er jetzt mal deutlich entschieden hat, in welchem Team er spielt. Keine weiteren Fragen.“

Mit seinem Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ und umstrittenen Thesen zur Einwanderung im August 2010 hatte Sarrazin Entrüstungsstürme und Debatten über Islamkritik und Vererbung von Intelligenz ausgelöst.

Zuletzt hatte sich der Bertelsmann-Verlag mit dem umstrittenen Politiker überworfen. (bekö/dpa)

 
 

EURE FAVORITEN